Roger Waters, der Weltuntergänger

Start zur letzten Europatournee, die den Ex-Pink-Floyd-Musiker auch nach Zürich führt. Begegnung mit einem entspannten Pessimisten.

Früher hasste er grosse Konzerte,  inzwischen geniesst er sie: Roger Waters im Juni 2017 in Sacramento, Kalifornien. Foto: Scott Dudelson (Getty Images)

Früher hasste er grosse Konzerte, inzwischen geniesst er sie: Roger Waters im Juni 2017 in Sacramento, Kalifornien. Foto: Scott Dudelson (Getty Images)

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Das ganze Interview mit Roger Waters in englischer Version lesen Sie hier.

Und plötzlich steht er da, ein hagerer Mann in Jeans und T-Shirt, schwarz wie immer bei ihm. Er trägt sein graues Haar lang, das gut geschnittene Gesicht ist braun gebrannt, die Falten stehen ihm gut, die Bartstoppeln sehen verwegen aus. Roger Waters gilt als schwierig, unnachgiebig, ausfällig, nachtragend, besserwisserisch, misanthropisch sowieso: ein brillanter Tyrann. Im Gespräch wirkt er gelöst, geradezu heiter. Es kommt immer wieder vor, dass er lacht. Dann wieder tönt Zorn an oder Sorge. Er flucht, wenn er über Politiker spricht, «they don’t fucking care». Seine hypnotische Stimme klingt noch dunkler als sonst. Sein Blick aus hellen Augen signalisiert Intelligenz und Autorität. Man möchte mit ihm keinen Krach bekommen.

Roger Waters, der Musiker, Songschreiber, Konzeptualist, Bandleader und Wohltäter, bereitet in Barcelona seine Europatournee vor. Sie gehört zu einer Welttour, die ihn schon durch Amerika, Kanada, Australien und Asien geführt hat. Nach der Europatournee, mit Zwischenhalten in Zürich am 28. und 29. Mai, sind Konzerte in Russland und Südamerika vorgesehen. Innert anderthalb Jahren werden Waters und seine Band 151 Konzerte abgehalten haben. Die Show ist aufwendiger gestaltet denn je, die Musik raumfüllend, die visuellen Effekte, Filme und Scheinwerfereinsätze sehen eindrücklich aus. Das Konzert dauert zweieinhalb Stunden – die internationale Presse überschlägt sich mit Komplimenten. Ein Musiker, der oft kritisiert wurde, sieht sich rehabilitiert.

Tyrann beklagt Tyrannei

Trotzdem die Frage: Warum tut er sich das noch an? Roger Waters ist 74 Jahre alt, hat mit Pink Floyd über 250 Millionen Platten verkauft, hat überall auf der Welt gespielt. Er tue es, sagt er, weil es das letzte Mal sei. Vielleicht gibt es eine banalere Erklärung: Er tut es, weil es ihm gefällt. «Ich habe eine engere Beziehung zu mir selber entwickelt – und dadurch zu meinem Publikum.» Weniger Selbsthass, mehr Zuversicht.

Die Beziehung habe sich verbessert, seit er Pink Floyd verlassen habe. Damals beschimpfte Waters von der Bühne aus die Zuschauer, wenn sie nicht zuhörten – die Konzerte in Fussballstadien mit bis zu 90'000 Zuschauern ekelten ihn an. Beim letzten Auftritt der «Animals»-Tour, das war am 6. Juli 1977 im kanadischen Montreal, spuckte er einem Fan ins Gesicht. Aus dieser Reaktion heraus, die ihn schockierte, entstand «The Wall», ein Konzeptalbum über Isolation, Gefühlllosigkeit und Terror. Er sang gegen einen Totalitarismus an, dem er selber verfallen war. Ein Tyrann beklagte die Tyrannei.

Geh, aber geh nicht weg

«Us + Them» hat er seine Abschiedstournee überschrieben, benannt nach dem melancholischen Song aus «Dark Side of the Moon». Das ist jenes Album von 1973, das sich 14 Jahre lang in den amerikanischen Charts hielt und über 40 Millionen Mal verkauft wurde. «Us + Them» sei ein Lied über Empathie, sagte er damals. Glaubt er an die empathische Wirkung von Musik?

Roger Waters 2017: Us and Them Live. Quelle: Youtube/Sergey Kochmar

«Es kommt auf die Musik an. ‹God Save the Queen› oder ‹Deutschland über alles› haben natürlich nichts Empathisches, das ist bloss nationalistisch, triumphalistisch, kolonialistisch, unangenehm und unter unserer Würde. Aber wenn es sich um Mahlers vierte Sinfonie handelt oder ein anderes grosses Werk, das auf unvorstellbare und unerklärliche Weise wirkt, dann schon.»

Bis heute erklingt die Musik von Pink Floyd in träumerischer Schönheit; zeitlupene Melancholie mit einfachen Harmonien. Im Kontrast dazu besingen Waters Texte das Schreckliche. Sie handeln von Angst und Entfremdung, von der Erfahrung, wahnsinnig zu werden, vom Alleinsein, Sterben und vom Tod, von Grössenwahn und Paranoia, von sadistischen Lehrern und dumpfen Männern – und von der Unfähigkeit der Menschen, sich angstfrei nahezukommen.

Das gilt auch für die Liebesbeziehung. Waters war viermal verheiratet und ist viermal geschieden. Für das Dilemma von Nähe und Distanz braucht er nur eine Zeile, er singt sie im ersten Stück seiner laufenden Tournee: «Leave, but don’t leave me»; «Geh, aber geh nicht weg». Wie sehr ihn der Widerspruch beschäftigt, wie sehr er es auch auf eigenes Versagen zurückführt, macht er in einem anderen Lied deutlich: «If» von 1970, einer introvertierten, oft überhörten Ballade. «If I were a good man, I’d understand the spaces between friends»; «Wäre ich ein guter Mensch, ich verstünde die Abstände zwischen Freunden». Eine berührende Zeile. Kann er sie ausführen?

«Wenn die Zeile Sie berührt, ist es eine gute Zeile. Es ist ein grosses Dilemma, unsere Ängste zu überwinden und unsere Verletzlichkeit denen zu zeigen, die uns am nächsten stehen.»

Gleichzeitig klingen viele seiner Texte traurig, verletzt, einsam oder zornig.

Roger Waters - Déjà Vu. Aus dem neuen Album. Quelle: Youtube/WorldWiredSongs M&V

«Das Leben ist oft schmerzhaft. Darum brauchen wir die Liebe. Sie hilft uns, die Schmerzen auszuhalten.»

Das klingt auf Deutsch gefährlich schlagernah, aber wie er das sagt, «This is why we need love. Love to help us endure the pain», dann klingt aus den einfachen Worten die komplizierte Lebensbilanz eines Traumatisierten, der seine Versehrtheit in langen Therapien verarbeitete und in seinen Liedern immer wieder zum Thema machte. Waters litt an Ängsten, an Beziehungsunfähigkeit, an Schwermut. Er war nicht wehleidig, aber unfroh.

Der tote Vater, ein Leben lang

Sein grösstes Trauma gründet in einer Beziehung, die er nicht hatte: Als er fünf Monate alt war, fiel sein Vater in der Schlacht von Anzio; das war im Februar 1944. Als Pazifist hatte sich der Vater geweigert, in den Krieg zu ziehen, als Kommunist beschloss er, gegen die Nationalsozialisten zu kämpfen. Waters hat sich sein künstlerisches Leben lang mit diesem Verlust und dem Krieg auseinandergesetzt; «The Final Cut», sein letztes Album mit Pink Floyd, ist beiden gewidmet. Es ist ungeniessbar.

Waters und sein älterer Bruder wurden von der Mutter aufgezogen. Sie war Lehrerin in Cambridge und Kommunistin wie ihr toter Mann. Von ihr habe er den Humanismus erfahren, sagt der Sohn, der mit Wärme über sie spricht.

«Sie war unglaublich engagiert. Als sie ungefähr 14 Jahre alt war, verlor sie Gott – und realisierte die Ungleichheit zwischen den Reichen und Armen. Als sie 1936 im Norden Englands mit dem Unterrichten anfing, es war ein harter Winter, sah sie Kinder ohne Schuhe durch den Schnee laufen. Das hat sie nie vergessen. Und ist ihr Leben lang politisch aktiv geblieben.»

Roger Waters - Picture That. Aus dem neuen Album. Quelle: Youtube/ Pink Floyd HD

War sie denn stolz auf seine Leistungen? «Ich denke schon. Sie sagte zwar, sie verstünde nichts davon, Musik bedeute ihr nichts. Aber sie sagte auch: ‹Ich glaube, die Texte sind ziemlich interessant.›»

Seine Mutter habe ihn auch immer gedrängt, eine gute Ausbildung zu bekommen. «Sie wollte nicht, dass ich als Bibelverkäufer ende.» Waters begann ein Architekturstudium in London. «Ich hasste es», erinnert er sich. Als er den Rock ’n’ Roll entdeckte, brach er das Studium ab. Mit Freunden aus London und Cambridge gründete er Pink Floyd, unter dem Einfluss ihres ersten, später an Schizophrenie erkrankten Sängers Syd Barrett etablierte sich das Quartett als drogengeleitete, weiträumig experimentierende, an der Psychedelik orientierte Band, die schon damals für ihre halluzinatorischen Shows bekannt war.

Er verachtete die Hippies

Rogers Waters hielt den Bass und machte mit, blieb aber unbeeindruckt. Mit Drogen konnte er nichts anfangen, den psychedelischen Zauber hielt er für Schwachsinn. Das erste lag an seinem Kontrollbedürfnis, das zweite an seiner Intelligenz. Die Hippies lasen Horoskope, er las George Orwell. Die Hippies lernten das Staunen, er lehrte das Fürchten. Den LSD-Verbreiter Timothy Leary hielt er für einen Scharlatan, dem Antipsychiater Ronald Laing traute er nicht. Vermutlich dachte er schon damals zu realistisch, um Optimist zu sein. Roger Waters, von der Apokalypse fasziniert, ist ein Weltuntergänger.

Von schrecklichen Vorgängen und bedrohten Menschen handelt auch «Is This the Life We Really Want?», sein neues, fünftes Soloalbum, das erste seit 1992. Es ist mit Abstand sein bestes seit «The Wall» von 1979. Lange nicht alles gelingt, zu oft hört man dieselben harmonischen Wendungen, zu eintönig klingt seine Stimme, zu monoton einzelne der Stücke. Auch bekommt man auf der Platte vieles zu hören, wie man es von ihm kennt. Aber diesmal hört man es gern. Langsame Stücke mit schweren Akkorden; eine modulationsarme Stimme, die sich in Echorufen verliert; eine leise, aber dauernde Einmischung durch fremde Stimmen. Und natürlich die klingenden Spezialeffekte: tickende Uhren, explodierende Bomben.

Mit Drogen konnte er nichts anfangen; den psychedelischen Zauber hielt er für Schwachsinn.

Bei allen Schwächen geht von diesem Album eine Kraft aus, die man ihrem Autor nicht mehr zugetraut hätte. «Picture That», eine Litanei des Barbarischen, ist eines der stärksten Lieder seiner Karriere. «Déjà Vu», in dem er sich als Gott vorstellt, überrascht mit dunkler Selbstironie. «Smell the Roses» erinnert an Pink Floyd. Wie so vieles auf diesem Album. Die Ähnlichkeit deutet an, was die Setlist der neuen Tour belegt: dass Roger Waters seine besten Zeiten mit einer Band hatte, deren Mitglieder er lange Zeit verachtete, hasste und bekämpfte. Seither hat er Frieden mit ihnen geschlossen und mit seiner Vergangenheit.

Dass die Musik auf seinem neuen Album so dicht klingt wie die Texte, hat mit der Bereitschaft zu tun, sich von einem anderen herausfordern zu lassen. Nigel Godrich, fast 30 Jahre jünger als Waters, berühmt geworden durch seine Produktionsarbeit mit Radiohead, hat das Maximum aus der Musik herausgeholt. Die Arrangements scheinen den Sänger zu umarmen, sie wärmen seine Musik auf eine Weise, wie das Waters auf seinen früheren, harsch klingenden Solowerken nie gelungen ist.

Endlich unter Zwang

Godrich wollte mit Waters arbeiten, weil er sich als Produzent an den Techniken und der Ästhetik von Pink Floyd inspiriert hatte. «Er hörte zu und wählte aus. Er verbrachte auch viel Zeit damit, mich zur Arbeit zu zwingen, etwa zum Bassspielen.» Die Zwänge scheinen den Musiker gelockert zu haben.

Die Zeit ist um, das Interview zu Ende. Roger Waters steht auf, verabschiedet sich, sein Telefon läutet. Bald wird er wieder auf der Bühne stehen, und wir werden kommen und ihn singen hören. «Leave», wird er uns zusingen, «but don’t leave me.» Versprochen.

Roger Waters: «Us+Them Tour», live im Hallenstadion Zürich am 28. und 29. Mai 2018.

Roger Waters: «Is This the Life We Really Want?» CD, Sony Music.

Erstellt: 13.04.2018, 09:05 Uhr

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