Die besten Songs 2019

Wir haben die Welt nach Liedern abgetastet, die das Jahr überdauern könnten. Die Liste 2019 ist erstaunlich schwerblütig ausgefallen.

Hippes aus dem Welschland: Die Kuba-Schweizerin Yilian Canizares pulverisiert die Stilschubladen.

Hippes aus dem Welschland: Die Kuba-Schweizerin Yilian Canizares pulverisiert die Stilschubladen. Bild: zvg

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Son Little: «I’m a Builder»
Musikschaffenden im Jahr 2019 war kein unbeschwertes Dasein vergönnt – sie mussten vielseitig interessierte Gesellen sein. Längst reicht es nicht mehr, bloss nette Lieder zu erfinden und diese zur Aufführung zu bringen. Es wird verlangt, dass sie sich zusätzlich als Marketingprofis, Videoproduzenten, Konzert-Booker, Tontechniker, Öffentlichkeitsarbeiter und Tourmanager hervortun. Das liegt nicht allen. Der schwerblütige Soul-Bruder Son Little müsste beispielsweise längst Weltruhm erlangt haben, weil er es immer wieder schafft, scheinbar ohne Anstrengung grösstmögliche Gefühlsaufwallungen auszulösen. Doch der Sänger und Multiinstrumentalist ist auch im Jahr 2019 ein Geheimtipp geblieben. «In der Popmusik von heute haben jene Erfolg, die gerne Bilder von sich selbst schiessen, und Freude daran haben, achtmal täglich darüber zu sprechen», hat er neulich erklärt. Ihm gehe dieses Talent leider ab. Dafür ist ihm das grosse Talent eigen, den Soul in die Neuzeit zu retten, wie seine neueste EP beweist.

Bibio: «Old Graffiti»
Auch Stephen James Wilkinson – der Mann hinter dem Projekt Bibio – ist keiner, der gern zu seiner Popularitätsmehrung beiträgt. Er gibt äusserst selten Konzerte, lieber streift er mit einem Aufnahmegerät durch die Natur Englands oder bosselt am Heimcomputer wunderlich verhallte Poptracks zusammen. Sein locker groovender Song «Old Graffiti» wurde trotzdem millionenfach angehört.

Deichkind: «Richtig gutes Zeug»
Gross waren die Bestrebungen im letzten Jahr des Jahrzehnts, die gute alte Rapmusik neu zu erfinden. Cloud-Rap muffelt bereits unangenehm nach Verwesung, und Trap ist zur gigantischen Wiederkau-Maschinerie verkommen. Da kam die Single von Deichkind gerade recht: Ironisiertes, kulturoptimistisches Gestammel über einen kraftwerkesken Elektrobeat. Ein grosses Vergnügen.

Yilian Canizares: «Habanera»
Seit fast zwanzig Jahren lebt die kubanische Sängerin und Violinistin in der Schweiz, ist hier von der klassischen Musik zum Jazz konvertiert und hat im November ein Album veröffentlicht, das mit traumwandlerischer Seelenruhe alle Stilschubladen pulverisiert. In Frankreich wird ihr weit mehr Aufmerksamkeit geschenkt als hierzulande. Ihr letztes Album wurde von der Zeitschrift «Les Inrockuptibles» zu den «zehn unverzichtbaren Alben Südamerikas» erkoren, ganz ungeachtet der Tatsache, dass weder die Schweiz noch Kuba in Südamerika liegen. Egal.

Kele: «Guava Rubicon»
Es gab Zeiten, da war das Vereinigte Königreich unangefochten die Wiege der Popmusik – die grossen Hypes wurden in den Schreibstuben der britischen Musikmagazine herbeigeschrieben. Nachdem 2018 mit dem NME die letzte weltweit beachtete Musikfibel Englands eingestellt wurde, hat die Musikszene des Landes 2019 massiv an Einfluss eingebüsst. So hat das neue Album von Kele kaum Beachtung gefunden, obwohl der Sänger der einst sehr hippen Indie-Band Bloc Party angehört. In einer gerechten Welt wäre dieser leicht new-wavige-Pop-Track zum Hit geworden.

Scarlxrd: «Yxu Make Me Sick»
Gute Nachricht: Die Welt hat nach Jahren des Darbens mit #FridaysForFuture endlich wieder eine relevante Jugendbewegung – so richtig mit verärgerten Eltern, Visionen für eine bessere Welt, Rabatz auf den Strassen und allergattig weiteren Kollateraleffekten. Schlechte Nachricht: Die Klimajugend hört keine Musik. Jedenfalls keine, die mit ihren Anliegen in Verbindung gebracht werden könnte. Und die Songs, die sich der Bewegung anbiedern möchten, stammen von alternden Pop-Methusalems wie dem einstigen R.E.M.-Sänger Michael Stipes. Wie Protest und Wut heute klingen könnten, zeigt der Schreihals-Rapper Scarlxrd – und liefert mit «Yxu Make Me Sick» eine mögliche Hymne für die Bewegung.

Iggy Pop: «Love’s Missing»
Früher ebenfalls ein Schreihals, hat der Übervater des Punk zu einer wohltuenden Alters-Grandezza gefunden. Sein Song «Love’s Missing» untermauert die These, dass eine enttäuschte Liebe eben doch die grossartigsten Songs begünstigt.

Piers Faccini: «Hope Dreams»
Endgültig aus der Mode gekommen ist im Streaming-Zeitalter offenbar das altbewährte Strophe-Refrain-Liedmodell. Analysen neuzeitlicher Popsongs haben ergeben, dass es heute Erfolg verheissender ist, prägnante und gut zu merkende Hook-Lines aneinanderzureihen. So ist die Ballade des in Frankreich lebenden Engländers Piers Faccini ein Antizyklus, in dem noch der Segen eines öffnenden Refrains beschwört wird.

DJ Lag: «Amanikiniki»
Bevor der Gqom international Beachtung fand, spielte sich diese aus dem Kwaito entstandene Clubmusik mehrheitlich in den südafrikanischen Townships ab. Die Aufmerksamkeit der Welt hat die Produzenten dieser afrikanischen Tanzmusik im auslaufenden Jahr zusätzlich beflügelt, wie der unorthodox getaktete und repetitiv besungene Track von DJ Lag aus Durban unterstreicht.

Ana Müller: «Jaci»
Wie sehr die Welt 2019 aus den Fugen geraten ist, hat das Land Brasilien exemplarisch dargelegt. Der seit Januar amtierende, rechtsradikale und homophobe Präsident Jair Bolsonaro hat nichts ausgelassen, um die Erwartungen seiner Anhänger zu erfüllen: Sozialabbau, Ermunterung zur polizeilichen Gewaltwillkür, und als erste Amtshandlung hat er das Kulturministerium abgeschafft. Unter den Kulturschaffenden des Landes herrscht eine «lähmende Fassungslosigkeit», wie es der Schriftsteller Luiz Ruffato ausdrückt. Alldem zum Trotz hat uns aus Brasilien auch in diesem Jahr wunderbare Musik erreicht. Eine der grössten Entdeckungen: Ana Müller aus Ibatiba. Sie hat 2019 ihren ersten Longplayer voller schattiger Balladen veröffentlicht.


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Erstellt: 31.12.2019, 09:14 Uhr

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Die Songs auf Spotify

Diese und weitere 500 sorgfältig ausgewählte Songs des Jahres 2019 haben wir auf einer Spotify-Liste zusammengefasst. Sie wird auch 2020 laufend mit Neuentdeckungen ergänzt.

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