Die besten Songs 2019 – Teil 2

Wir haben die Welt nach Liedern abgetastet, die das Jahr überdauern könnten. Die Liste 2019 ist erstaunlich schwerblütig ausgefallen und reicht von der kubanischen Elektroballade bis zu österreichischer Dub-Musik.

Viel Irritation gab es 2019 um den Begriff Afrobeat. Kaleta & Super Yamba Band hat gezeigt, wie der heute klingen könnte.

Viel Irritation gab es 2019 um den Begriff Afrobeat. Kaleta & Super Yamba Band hat gezeigt, wie der heute klingen könnte. Bild: zvg

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Marco Kleebauer: «Ugly»
Vom einstigen Trendland Österreich war im 2019 wenig Erquickliches zu vernehmen: Die Parade-Band Bilderbuch befand sich in einer komplizierten Schaffenskrise, weshalb sich der Produzent der Band in ein Nebenprojekt flüchtete und der Welt diesen knusprigen Dub-Track schenkte.

Celeste: «Both Sides of the Moon»
Elton John ist jetzt nicht jemand, von dem man sich in Stilfragen gerne beraten lassen möchte. Doch der Mann hat kürzlich eine Empfehlung abgegeben, der wir uns gerne anschliessen: Die Soul-Sängerin Celeste sei etwas ganz und gar Besonderes, hat er gesagt. Auf ihrer neuen EP bringt die junge Frau aus Brighton den Soul in jene flauschig-jazzigen Gefilde zurück, in denen er von Erykah Badu nach deren erstem Album verlassen wurde.

Balthazar: «Wrong Faces»
Die belgische Gruppe Balthazar hatte einen Lauf, als sie sich 2016 unvermutet eine künstlerische Pause auferlegte. Die Anhängerschaft, die ihre schlurfigen Indie-Rock-Nummern millionenfach streamte, war dementsprechend bekümmert, doch sie fand bald Trost in wahrlich desiderablen Soloprojekten der beiden Sänger der Band. Warhaus hiess jenes von Maarten Devoldere, J. Bernardt das von Jinte Deprez. Beide waren ähnlich erfolgreich, beide setzten auf abgetakelten Pop Noir für den Light-Zigaretten-Raucher, und beide machten die Stammband schier vergessen. 2019 haben sie ihre Kräfte wieder vereint und ein neues Balthazar-Album eingespielt. Ein Meisterwerk für Freunde defätistischer Coolness.

Alain Chanel: «Boum!»
Reggaeton erquickte auch 2019 die Herzen der Goldketten-Latinos und -Latinas. So rein rhythmisch ginge der Song des Lausanners Alain Chanel ebenfalls beinahe als karibisch durch. Doch was sich da nach 17 Sekunden erhebt, ist die Antithese zum genretypischen Reggaeton-Temperament. Es ist eine gehauchte Erotomanen-Stimme auf Französisch, deren Ähnlichkeit zu jener von Serge Gainsbourg ausdrücklich gewollt ist. In diesem Song riecht es nicht nach alkoholischen Süssgetränken, sondern nach ausgehauchtem Zigarettenrauch.

Helado Negro: «Pais Nublado»
Weniger von einem Goldketten-Latino, sondern von einem melancholischen, in den USA gestrandeten und irgendwie zwischen die Kulturen gefallenen Hispanic handelt dieser Song: Der Urheber nennt sich Helado Negro, und sein im März erschienenes Album macht einen vor lauter verträumter Schönheit ganz schwindlig. Der Mann aus Südflorida, Sohn equadorianischer Einwanderer, bietet darauf seelenruhigen und leicht bewölkten Traum-Folk, mit lindem psychedelischem Einschlag. Amtssprachen sind Spanisch und Englisch, und die Grundstimmung schwankt zwischen schulterzuckendem Fatalismus und schwerblütiger Tagträumerei.

Kaleta & Super Yamba Band: «Mr. Diva»
Einer der grössten musikalischen Irrtümer des auslaufenden Jahres war der Umgang mit dem altehrwürdigen Afrobeat. Der von Fela Kuti und Tony Allen in den Sechzigerjahren erfundene Musikstil, in dem sich die Sexiness des Funks mit dem Furor afrikanischer Widerstandsmusik und tanzbarem Highlife paarte, hat 2019 eine neue Bedeutung bekommen. Unter Afrobeat firmiert heute so ziemlich alles, was gerade aus nigerianischen Studios schallt, egal wie schmierig und Autotune-verseucht es auch sein mag. Politischen Zunder gibts keinen, und die Sexiness von Acts wie Tekno oder Wizkid ist so seifig, dass diese Tracks umgehend wieder aus dem Kurzzeitgedächtnis flutschen. Wie richtiger Afrobeat klingt, und wie vital dieser auch heute noch ist, beweist der in Brooklyn hausende Afrobeat-Pionier Kaleta auf seinem neuen Album.

Stephan Eicher: «Prisonnière»
Und die Schweiz? Sie hat uns neben volkstümlichen Misslichkeiten (Büetzer Buebe, Stubete Gäng), Flirts mit der Hochkultur (Lo & Leduc) oder vom Schweizer Fernsehen angezettelten Abba-Huldigungen (Maja Brunner & Friends) auch einen wiedererstarkten Stephan Eicher beschert. Seine Prisonnière ist die wohl schönste Piano-Ballade seit «Ce Soir (je bois)».

Roseaux: «I Am Going Home»
Die gute alte Soulmusik hat 2019 turbulente Zeiten durchlebt. Von allen Seiten haben Kräfte der Erneuerung auf sie eingewirkt, die Sachzwänge des Pop lasteten auf ihr, und überall wurde sie aus der Puderdose des Süsslichen bestäubt. Doch es hat sich auch eine Gegenbewegung gebildet, die der Verpixelung und der Entfleischlichung des Soul entgegenzuwirken trachtete. Dass daraus nicht dumpfer Traditionalismus resultieren muss, bewies die Gruppe Roseaux aus Frankreich.

Interpol: «Real Life»
Auch der Postpunk war 2019 noch nicht gänzlich ausgemerzt. Bands wie die Idles oder die wunderbaren Viagra Boys haben ihre Höhenflüge weitergeführt. Mit Interpol hat auch ein Vertreter aus der ersten neuen Welle des Postpunk neues Tonmaterial präsentiert und bewiesen, dass das Schattenboxen gegen die Geister des Bösen noch immer hübsche Musik hervorbringt.

Xul Zolar: «Nightfalls»
Ähnlich wie mit dem Postpunk hat es sich 2019 mit dem New Wave verhalten. Die erfreulichste Entdeckung des Jahres in diesem Genre war die Gruppe Xul Zolar aus Köln.


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Erstellt: 31.12.2019, 07:04 Uhr

Die Songs auf Spotify

Diese und weitere 500 sorgfältig ausgewählte Songs des Jahres 2019 haben wir auf einer Spotify-Liste zusammengefasst. Sie wird auch 2020 laufend mit Neuentdeckungen ergänzt.

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