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Die Energiewende des Stephan Eicher

Die Lieder auf dem neuen Stephan-Eicher-Album «Hüh!» sind nicht neu. Doch das Berner Traktorkestar hat ihnen einen komplett neuen Geist und einen balkanesken Dialekt verpasst.

Neue Energie: Stephan Eicher mit dem Traktorkestar und Steff La Cheffe. Foto: Tabea Hüberli
Neue Energie: Stephan Eicher mit dem Traktorkestar und Steff La Cheffe. Foto: Tabea Hüberli

«Chömmet Giele! Chömmet, chömmet!», schreit Stephan Eicher seinen Musikern zu, und die nehmen die Aufforderung spornstreichs an. Bald wird auf der Bühne getanzt, gehüpft und soliert, bis sich die Balken biegen: An der Front pumpt ein Saxofonist den letzten Luftvorrat in sein kreischendes Röhreninstrument, Steff La Cheffe dreht sich wie ein Derwisch um die eigene Achse, Konfetti fliegen durch die Luft, und das Publikum im französischen Städtchen Jonzac gerät ob dem Dargebotenen an diesem lauen Sommerabend im Juli 2018 schier in Schnappatmung.

Es wurden schon viele wunderliche Reaktionen beobachtet an den Konzerten von Stephan Eicher. Doch pure Ekstase war eher nicht dabei. Seit einigen Monaten jedoch sind aus Eicher-Konzerten kleine Feste geworden. Eine Energiewende, mit der nicht gerechnet werden konnte und die nun auf einem neuen Album verewigt ist.

Der Erfindergeist ist da

Vieles in der Karriere des Stephan Eicher aus 3053 Münchenbuchsee ist ganz offensichtlich dem Umstand geschuldet, dass dem Mann schnell langweilig wird. Auch wenn sich sein musikalisches Œuvre in letzter Zeit etwas harmlos ausgenommen hat, kann man dem Eicher beileibe nicht vorwerfen, dass er seiner schöpferischen Neugier und seines Erfindergeistes verlustig gegangen wäre.

So bauen seine Konzerte zwar seit Jahren ungefähr auf dem gleichen Song-Material auf, doch in der Art der Darbringung scheint er sich mit aparten Ideen geradezu selber überbieten zu wollen. Mal stellte er pro Song ein schlichtes Playback-Tonband auf die Bühne, mal umgab ihn ein mächtiger Maschinenpark aus extra für ihn kreierten Musikautomaten, mal waren es Multiinstrumentalisten, die auf der Bühne herumhetzten, um an diversen Stationen musikalische Endlosschlaufen einzuspielen, ein andermal wurde die Bühne zum netten Rotweinplausch mit seinem schriftstellernden Freund Martin Suter genutzt.

Nun ist also wieder alles ganz anders: Stephan Eicher tourt mit dem Traktorkestar, dem personalintensivsten Klangkörper seiner Karriere, durch das benachbarte Europa und hat mit ihm ein neues Tonwerk mit alten Liedern eingespielt.

Hit im neuen Gewand: Eichers «Combien de temps». Video: Stephan Eicher (Universal)

Und ja, der verlorene Sohn hat Bern für sich wiederentdeckt. Seit 2016 ist er vermehrt in der Stadt anzutreffen, in der seine Karriere ihren Anfang nahm und die er mit 17 in Richtung Paris verliess. Seine Eltern sind pflegebedürftig, er will ihnen nahe sein, und weil er die Musik trotzdem nicht ruhen lassen mag, beginnt er bald zu erforschen, was die Stadt so an Musikschaffen zu bieten hat.

Heimatlos

Dass er auf dieser Suche ausgerechnet beim Balkan-Brass-Orchester Traktorkestar landet, überrascht nicht. Die Berner Grosskapelle wurde unter dem Eindruck einer Reise an ein serbisches Trompeten-Festival gegründet und hat sich in der Folge zu einem wendigen Klangkörper mit osteuropäischer Seele, aber ohne osteuropäische Verwurzelung entwickelt. Das hat bei Stephan Eicher, dessen Stammbaum jenische Vorfahren aufweist, latente Heimatgefühle getriggert. Bereits 2012 hat er mit Goran Bregovic und dessen Wedding and Funeral Orchestra zwei sehr muntere Mundart-Songs für das Album «Champagne for Gypsies» eingespielt. Die Folklore der Heimatlosen ist ihm also geläufig. Und so schnappte er sich das Traktorkestar, arrangierte zwanzig seiner liebsten Songs um und begab sich mit dem musikalischen Zwölfköpfer sowie der ehrenwerten Steff La Cheffe auf eine ausgedehnte und euphorisch bejubelte Tournee durch Frankreich, Deutschland und die Schweiz.

Zwölf dieser Lieder hat er nun auf dem Album mit dem Titel «Hüh!» verewigt. Das neue musikalische Layout steht ihnen gut – vor allem dann, wenn Eicher sein Orchester schmettern und poltern lässt und nicht bloss zum Legieren seiner Pop-Lieder einsetzt. Also genau dann, wenn Stephan Eicher zum Sänger dieser Band wird – und nicht das Traktorkestar zum Orchester des Altmeisters. Und so schwillt die Freude an, wenn zum Beispiel die ernste amouröse Abrechnung «Ce peu d’amour» von einem wirbligen Schmetter-Bläsersatz aufgewühlt wird, wenn das einst so enttäuschend produzierte «Louanges» kraft des Orchester-Off-Beats zum veritablen Stampf-Hit avanciert oder wenn das Stück «Étrange» mit hübscher Heilsarmee-Feierlichkeit aufgeladen wird. Der alte Gassenhauer «Pas d’ami» wird zum Brass-Band-Discoknaller aufgepimpt, selbiges widerfährt dem alten Eicher-Schlager «Combien de temps».

Die meisten Versionen auf diesem Album überragen die Originale bei Weitem. Und wenn das nicht klappt, wie im Falle des unverbesserlichen «Les filles du Limmatquai», so ist zumindest etwas apartes Neues entstanden: Der 80er-Jahre-Synthiepop-Schlager schweift ins Genre des Fusion-Jazz ab. Zwei Welten, die in den 80ern so gar nicht unter einen Hut zu bringen waren.

Ja, es macht Spass, das neue Eicher-Album. Ein Spass, der noch grösser wäre, entstünden in dieser Konstellation nun noch ein paar neue Rumpellieder. Chömmet Giele, hüh!

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