Die Illusion ist aufgebraucht

Guns N' Roses spielten gestern Abend im Zürcher Letzigrund ein langes Konzert. Oder sie taten wenigstens so.

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Es fehlt nichts, es ist alles da. Das um die Hüfte des Sängers gewickelte Karohemd. Der Zylinderhut, die Doppelhalsgitarre. Und sogar das gepfiffene Intro zu «Civil War». Fünfundzwanzig Jahre sind vergangen seit den besten Tagen dieser Band, doch als Guns N' Roses jetzt wieder da stehen, auf der Bühne im vollen Zürcher Letzigrund, ist doch noch das meiste so wie einst. Die Kostüme, die Posen und die Gitarrensoli, sie sind wie damals, als die Musiker aus Los Angeles für einen Moment die grösste Rockband der Welt waren und in der Lage schienen, Leben zu retten.

Seither haben sie sich zerstritten. Sie haben Drogengeschichten geschrieben und ihren illustren Bandnamen unfreiwillig einem vermurksten Soloalbum des Sängers Axl Rose geliehen. Aber oft und immer länger war es auch einfach still um die Hardrocker – bis sich die Band in diesem Frühling wenigstens als Rumpfteam mit Axl Rose (Gesang), Slash (Gitarre) und Duff McKagan (Bass) überraschend wieder zusammentat. Auch der langjährige Pianist Dizzy Reed ist wieder mit auf der Bühne, der Gitarrist Izzy Stradlin und der Schlagzeuger Steve Adler aus der Originalbesetzung fehlen hingegen und sind durch Richard Fortus und Frank Ferrer ersetzt.

Fit für die Tour

Und die Band scheint fit für die neue Tournee. Das Konzert dauert knapp zweieinhalb Stunden, das Repertoire lässt keinen Hit aus und bietet trotzdem auch ein paar weniger bekannte Nummern. Duff McKagan sieht richtig gut und gesund aus, was man von ihm so nicht kannte. Bei Axl Rose beeindruckt, wie gut seine in tiefen Lagen kratzende, in hohen Lagen scheuernde Stimme hält. Und Slash? Nun, ihm ist anzuhören, dass er in all den Jahren ohne Guns N' Roses viel Gelegenheit hatte, für sich alleine Gitarre zu spielen. Seine Soli sind episch. Sie zitieren Rokoko, Chuck Berry und die Filmmusik von «The Godfather» und kommen selbst dann noch nicht an ihr Ende.

So sinkt im Verlauf des Konzerts allmählich die Freude über die Rückkehr des Stammgitarristen. Vor allem darum, weil er die Dinge, die man von ihm wirklich erwartet, immer wieder nur im Sinne einer Fleissarbeit erfüllt. Das berühmte Gitarrenriff von «Sweet Child O' Mine» absolviert Slash wie eine Pflichtetüde, ohne die funkelnde Eleganz des Originals, und das ausladende Solo in «November Rain» klingt angelernt und leer; gerade so, als habe er es sich in einem Tutorial auf Youtube selbst abgeschaut. Aber man muss auch sagen: Ähnliches gilt für die ganze Band.

Eine historische Schau

Guns N' Roses spielen wuchtig, aber ohne Aggressivität. Sie spielen lange, aber ohne Lust. Sie spielen, als stehe nichts auf dem Spiel (was vielleicht auch wahr ist). Und so ist es, als sitze man im Circus Maximus des Rock 'n' Roll, bloss dass die wilden Tiere und die Gladiatoren fehlen – und stattdessen ein Schauspielertrupp in historischen Kostümen die besten Szenen der Vergangenheit noch einmal nachstellt. Doch doch, die Besichtigung ist interessant im Sinne von museal. Aber nicht mehr nachvollziehbar ist, was diese Musiker am Ende der Achtzigerjahre so wichtig machte, als sie antraten wie Schamanen des schlechten Geschmacks, nämlich mit dem Ziel, die Hitparaden leerzufegen vom konfektionierten Pop, vom gefönten Metal und vom Halligalli aus Ibiza.

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Aber gerade darum erreichen Guns N' Roses an diesem Abend denn doch einen einzelnen, beeindruckenden Moment von Grösse. Mitten im Konzert spielen sie «Black Hole Sun» von Soundgarden, und das nicht einmal besonders gut. Aber natürlich, sie erinnern damit an Chris Cornell, den Sänger dieser Band, der sich kürzlich das Leben nahm. Aber sie erinnern damit auch an die Jahre von 1992 bis 1994, als sie von Grunge-Bands wie Soundgarden nun selber von der Hauptbühne verdrängt wurden. Guns N' Roses haben es damals erlebt, von ihren ehemaligen Vorgruppen überholt zu werden; dass sie heute auf der Bühne diese ihre Nachfolger ehren, hat Klasse.

Die Todgeweihten grüssen

Sie tun es als Veteranen. Als Überlebende, die der Toten und Versehrten gedenken. Chuck Berry, Chris Cornell, aber auch Prince, Gregg Allman (von den Allman Brothers) und all die havarierten Mitglieder von AC/DC, bei denen Axl Rose letztes Jahr eingesprungen ist: Sie alle werden an diesem langen Abend im Letzigrund in der einen oder anderen Weise gegrüsst – mit einer Coverversion, im Intro eines Songs, irgendwo in den Mäandern eines siebenminütigen Gitarrensolos oder auch nur mit einer Verzierung auf der Bassgitarre. Guns N' Roses haben vor fünfundzwanzig Jahren den Moment dominiert und dann fachgerecht verschwendet. Die Illusion ist aufgebraucht. Heute scheinen sie sich als Teil der Geschichte zu akzeptieren, als eine historische Band.

Dass sie auch so klingen, wie die Sachwalter des schlechten Geschmacks von gestern: Das ist trotzdem ein bisschen traurig.

Video – hatten die Fans in Zürich Angst vor Terror?

«Mulmiges Gefühl», «mir ging das durch den Kopf»: Was die Konzertbesucher über Sicherheit und Anschläge sagten. (Video: Mario von Ow, Martin Sturzenegger) (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.06.2017, 06:27 Uhr

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