Die Jazztradition unter dem Mikroskop

Hat das Saxofon überhaupt noch etwas zu sagen? Ja, wie die beiden Zürcher Musiker Florian Egli und Tobias Meier auf ihren neuen Platten zeigen.

Filigrane Trash-Studien und Minimal Rock: Saxofonist Florian Egli. Foto: PD

Filigrane Trash-Studien und Minimal Rock: Saxofonist Florian Egli. Foto: PD

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Hunderttausendfach erprobt ist das Saxofon im Jazz. Hat es ausgespielt? Sehr schnell ist man als Saxofonist jedenfalls auf «bewährten Bahnen», hakt Licks der Altmeister ab, stellt sich als kleiner Zwerg auf die Schultern der Riesen. Und doch tauchen zuverlässig immer wieder Saxofonspieler auf, die ihrem Instrument einen neuen Dreh abhorchen. Jazz komme auch ohne Revolutionen und ohne neuen Messias weiter, schrieb der New Yorker Jazzkritiker Ben Ratliff: «Man akzeptiert, dass er sich langsam, aber stetig weiterentwickelt. Neue Strukturen und neue Genres sind nicht unbedingt das, wonach wir suchen. Uns geht es um den individuellen Ausdruck des Musikers.»

Genau so kann man auch die Arbeiten zweier Zürcher Altsaxofonisten begreifen: Florian Egli und Tobias Meier stehen beide in ihren Dreissigern. Egli, 1982 geboren, kultiviert auf seinem neuen Album «Everything Moves» einen zumeist flüsternden Saxofonklang, den er als Teil eines Bandsounds sieht und den er im Kontext eines eigenwilligen Quartetts präsentiert. Die oft verzerrte E-Gitarre von Dave Gisler, der E-Bass von Martina Berther und das meist binär und also nicht swingend gespielte Schlagzeug von Rico Baumann prägen die Musik. Man hört hier Passagen, die man als Minimal Rock bezeichnen könnte, und das Intro zu «The Meaning of Meaning» könnte glatt von den einstigen Minimal-Kraut­rockern Can stammen.

Hall aus dem Studio

Daneben gibt es filigrane Trash-Rock-Studien wie in «No Man On», und selbst über punk-rockige Passagen stülpt Florian Egli das Saxofon mit seiner geschmeidig-lyrischen Färbung. Mag sein, dass er dabei auch mal verloren wirkt. Immer aber klingt diese Musik eigen; gerade auch dann, wenn seine Band ihm einen fein gehäkelten Teppich unterlegt oder wenn elektronische Soundscapes einer ambientalen E-Gitarre erklingen. Was Eglis Saxofon neben solchen frischen Kontextualisierungen ebenfalls von der Herkömmlichkeit wegführt: Er scheut sich nicht, konventionellen Jazz zu transzendieren, indem er die Studiomöglichkeiten nutzt: «P’S Mood» etwa zeigt ihn mit einem fein ziselierten, in weite elektronische Hallräume getauchten Klang.

Auch Tobias Meier lässt zunächst einmal nicht an Jazz denken, hört man sein Saxofon in den 18 Minuten der ersten zwei Tracks auf dem Kurzalbum «Interesting»: «Nine Microscopic Thoughts», diese neun zusammenhängenden «moments musicaux», beginnen mit einer herrlichen Overdub-Studie: Etliche Saxofone hat Meier im Studio übereinandergeschichtet – zu einer Art Minimal-Knäuel aus statischen Achteln. Eine andere technische Möglichkeit reizt Meier aus, indem er das Saxofon extrem mikrofoniert: Klappen- und Oberton­effekte musizieren so mit, Meier macht ein normalerweise unhörbares Saxofon plötzlich hörbar.

Studie in Minimal

Und wie bei Egli spielen Kontextualisierungen mit: Drei Streichinstrumente – Cello, Viola, Kontrabass – lassen die Codes der zeitgenössischen Klassik aufblitzen. Ein andermal arbeiten die «mikroskopischen Gedanken» mit Saxofonschichtungen, die in ihren aufglimmenden und wieder verlöschenden Farben an die Klangflächenkompositionen von György Ligeti erinnern. Schliesslich folgt ein Track mit einem pur akustischen Solosaxofon – eine minutenlange Minimal-Studie. Wie ein Wissenschaftler führt Tobias Meier hier seine strengste Kontrolle über das Material vor – das ist Galaxien entfernt von einer herkömmlichen Jazzsprache.

Dass Meier die allerdings auch beherrscht, und zwar bemerkenswert gut, dass sie vielleicht sogar seine Basis bildet: Das zeigt er auf «Live at Bird’s Eye Basel», einem Trioalbum mit dem Kontrabassisten Gene Perla und dem Schlagzeuger Christian Windfeld. In zwei eigenen Stücken und guten alten Jazzklassikern wie Cole Porters «You’d Be So Nice to Come Home To» entfaltet Meier eine Saxofonsprache, die über die Jazztradition von Bop über Cool bis Free und Experiment bestens Bescheid weiss. Doch der Saxofonist wirkt auch hier frisch und gegenwärtig. Man merkt: Auch in scheinbar alten Jazz-Zusammenhängen ist auf dem Saxofon immer wieder ein letztes, nächstes Wort möglich.

Tobias Meier: Interesting (Wide Ear Records); Meier/Perla/Windfeld: Live at Bird’s Eye Basel (P. M. Records).

Florian Egli – Weird Beard: Everything Moves (Intakt); Konzert: Samstag, 30. 7., Langnau Jazz Nights. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.07.2016, 18:06 Uhr

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