«Die Jugend endet im Loch»

Peter Doherty und Carl Barât haben nach elf Jahren wieder ein Album mit den Libertines aufgenommen. Sie erzählen, was aus ihrem Fieber wurde.

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Das neue Album der Libertines heisst «Anthems for Doomed Youth». Wieso ist die Jugend dem Untergang geweiht?
(Peter Doherty beginnt, mit dem Feuerzeug auf dem Couchtisch einen Herzrhythmus zu klopfen) Ganz einfach, weil es die Jugend ist und sie irgendwann enden muss, sterben muss, verschwinden muss. Sie muss abfallen wie die Haut ­einer giftigen Schlange.

Die Jugend endet im Nichts?
Doherty: Sie endet im Busch. In einem Loch.

Barât (klopft auch mit dem Feuerzeug): Der Herzschlag wird schneller und schneller – und irgendwann (lässt das Feuerzeug dramatisch auf den Tisch ­fallen) Stillstand. Aber da sind wir noch nicht.

Auf Ihren früheren Aufnahmen hört man wilde Musiker und ein fiebriges Spiel. Das neue Album schlägt da einen etwas anderen Ton an …
Doherty: … Sie meinen, wie wir es finden, dass Sie unsere alten Sachen für besser halten? Fuck you!

Barât: Ich finde unsere Musik immer noch ziemlich fiebrig.

Doherty: Sie sind beleidigend! Man kann doch nicht die Zeit zurückdrehen. Wir können ja nicht so tun, als wären wir 23.

Barât: Ich glaube, wir haben den Seelenfrieden noch nicht gefunden. Deswegen sind wir nach wie vor hungrig, manchmal verzweifelt und auf der Suche.

Wieso dann der Albumtitel?
Barât: Wir wollten das Ding eigentlich «Hallelujah Day» nennen. Aber dann ­haben wir uns umentschieden.

Doherty: Weil man das Fieber nicht für immer haben kann.

Barât: Will man das denn? Ich würd’ eigent­lich gern mal glücklich sein.

Peter Doherty, Sie singen in «Belly of the Beast» vom Sumpf, in dem Sie stecken. Wie schwierig ist es für Sie, einen ruhigen Ort zu finden, an dem Sie an Songs arbeiten können?
Doherty: Eine seltsame Frage. Der kreativste Ort ist ja nicht der ruhigste Ort. Ausserdem kann man dem nicht wirklich entkommen, das sagt ja der Song.

Wie würden Sie die Libertines beschreiben?
Doherty: Ich glaube, das ist mir in der Vergangenheit ganz gut gelungen: «Fame hungry charmsters» – ruhmhungrige Charmeure.

Barât: Oder ruhmdurstige Charmeure.

Doherty: Die schärfsten Augen, die süssesten Schenkel und die wahrscheinlich grösste Ansammlung von Talent auf diesem Planeten. Einfach ohne «wahrscheinlich». Oder: Good boy with a bad man team – oder habe ich das schon für die Babyshambles gebraucht?

Carl Barât, es wurde immer wieder gesagt, Sie hätten sich die Songs von Peters Zweitband, den Babyshambles, nie angehört. Stimmt das?
Barât: Ich hab mir alles angehört. Er hat darin ja Liebesbotschaften an mich versteckt. Wir beide haben das gemacht.

Doherty: Ja, ja, ganz schön subtil zwischen den Zeilen wie (zitiert Bârats zweite Band, die Dirty Pretty Things): «Bang, bang, you’re dead/Always so easy lead.» Ich weiss noch, wo ich war, als ich das zum ersten Mal hörte: Ich fuhr die Queensbridge Road hoch, in gutem Tempo. Es gibt da diese Bodenwelle, die man am besten mit etwa neunzig nimmt. Plötzlich kam im Radio dieser Song. Ich glaube, ich bin mit 160 drübergerast. In einem alten Jaguar. Es war ziemlich nahe am Wahnsinn. Als ich gerade wieder abgebremst hatte, tauchte ein Bullenwagen auf. Sie holten mich aus dem Auto, drückten mich mit dem Gesicht auf den Gehsteig und packten mich in einen Kastenwagen. Im Radio war Carl gerade am Solieren. In dem Moment dachte ich nur: Carl und die Polizei ­machen gemeinsame Sache!

Barât: Nicht mit der Polizei, mit dem Teufel!

Ihr erstes Album nach elf Jahren haben Sie dieses Jahr in Thailand aufgenommen. Wie war das?
Barât: Du öffnest die Tür des Studios, siehst die Sonne und hast für eine Weile keine anderen Verpflichtungen. Ausser das festzuhalten, was dir am Herzen liegt, ehrlich und direkt. Und das mit drei Typen, die ich liebe. Die Fortsetzung von etwas, das mir so viel bedeutete. Und du bist ständig barfuss, dabei bin ich sonst gar nicht der Barfusstyp.

Doherty: Hast du nicht zwischendurch diese Plastikdinger angehabt?

Barât: Ich habe dir Shorts gekauft, aber du hast sie nie getragen.

Wie entscheiden Sie, wer von Ihnen singen darf?
Barât: Das ist eigentlich meist gegeben. Oder wir teilen uns das auf. Der, der zuerst zum Zug kommt.

Doherty: Es kann sehr schmerzvoll sein. Die Frage hat uns ein paar unangenehme Nachmittage beschert. In «Fame and Fortune» gibt es zum Beispiel ein paar Zeilen, die uns beiden sehr gut gefielen. Und beide beharrten darauf, sie geschrieben zu haben. Ich war mir sogar sicher, sie geschrieben zu haben.

Und einmal sind Sie eingeschlafen und Carl hat die Chance genutzt. Das habe ich zumindest gelesen.
Doherty: Yeah. Und als ich es hörte, war ich beeindruckt. Weil er so selbstsicher war und die Nerven hatte.

Nun spielen Sie nach längerer Pause wieder zusammen als Libertines.
Doherty: Ja, wir sind zögerlich wieder aufeinander zugegangen. Zuvor hatten wir uns beide auf seltsame Art selbst Schmerzen zugefügt, ob wir es wollten oder nicht. Es war eine schwierige Zeit.

Barât: Es ist eine natürliche Entwicklung. Wer verletzt wird, schützt sich. Und denkt sich verrückte kleine Dinge über den anderen. Ich könnte ein paar aufzählen.

Doherty: Go on!

Barât: Nun, man neigt dazu, den anderen zu dämonisieren. Man konzentriert sich aufs Schlechte und erschafft eine Person, die gar nicht existiert. Statt des kleinen Ferkels im Stall hat man plötzlich eine Megasau (sagt es auf Deutsch). Ich liebte ihn von ganzem Herzen. Aber wir sprachen einfach nicht miteinander.

Haben Sie beide immer gedacht, dass sich das irgendwann ­wieder einrenken wird?
Barât: Nein, nein, das dachte ich nicht.

Doherty: Nein. Erst, als wieder ein Fundament da war. Bis ich einen Weg sah. Ach ja, und als sich einer der Polizei­beamten auf der Wache als ein alter Armeefreund meines Vaters herausstellte. Sehr oft haben diese Polizisten der Presse alles Mögliche gesteckt. Es hiess dann: «Peter wurde festgenommen und fing an zu heulen.» Da stimmte nie was. Aber bei diesem Mal sagte der bärtige Polizist: «Erinnerst du dich an mich? Du warst ein süsser, unschuldiger Fünf­jähriger, der gut Fussball spielte. Und jetzt? Schau dich an! Ich schätze mal, dein Vater wird sehr stolz auf dich sein.»

Barât: Uh, das ist hart.

Erstellt: 27.08.2015, 22:57 Uhr

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