Die mächtigste Frau der Welt

Rapperin Kate Tempest kommt in die Schweiz. Wir haben vorher mit ihr geredet.

Am Gurtenfestival 2017, morgen in Luzern: die britische Musikerin Kate Tempest. Foto: Raphael Moser

Am Gurtenfestival 2017, morgen in Luzern: die britische Musikerin Kate Tempest. Foto: Raphael Moser

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Whoops! Da ist sie wieder. Und der Welt scheint es nicht viel besser zu gehen, seit Kate Tempest auf ihrem letzten Album von aussterbenden Tierarten und dem Öko-Kollaps sang: «Der Meeresspiegel steigt! Die Tiere – die Eisbären, die Elefanten sterben. Pack die Tränen in den Warenkorb!!» Oder «Stop crying, start buying», wie es im Original von Tempests Album «Let Them Eat Chaos» von 2016 heisst.

In den letzten drei Jahren ist noch einiges an Chaos dazu gekommen, etwa der Brexit. «My country is coming apart», singt die 33-jährige Britin auf ihrem neuen Album «The Book of Traps and Lessons», das morgen Freitag erscheint. «Mein Land bricht auseinander.» Von «England, oh England!» lässt sich auch sonst nicht viel Gutes sagen. Alles werde zur Farce, jetzt, da England abdrifte und seine düstere Vergangenheit an die Oberfläche geschwemmt wird. Zumindest auf Tempests Album, in dem vom Imperialismus und tausendfachem Mord die Rede ist: «Ich bin ein Kind der Gib-mir-mehr-Nation», singt sie da. Wenn diese Nation etwas wolle, «starte sie eine Besetzung, sie plündert und plündert. Und nennt es: Befreiung!»

Ins Gegenteil verkehren

Keine Frage, Tempest ist eine wortmächtige Apokalyptikerin, die das grosse Ganze in der ganzen Düsternis beschwören kann. Aber – und das macht sie so bemerkenswert – Tempest scheint auch alles in sein Gegenteil verkehren zu können. Mit dem Flow, den sie auf einem früheren Album mit einem kräftigen «Whoops!» einbrachte – und von dem auf dem jüngsten Album selbst Tracks wie «I Trap You» bestimmt sind, in dem Leichtigkeit in eine krankhaft-obsessive Liebe ausufert. Von einem Vers zum nächsten: «Liebe ist eine selbst gemachte Sache», heisst es da. «Liebe ist eine selbst gestellte Falle.»

Tempest, deren Reime an der Slam Poetry und am Hip-Hop des Wu-Tang Clan geschult ist, scheint dieses Spiel lieb gewonnen zu haben: Alles von einem zum nächsten Moment in sein Gegenteil kippen zu lassen, wenn sie etwa in «Keep Moving, Don’t Move» als wortmächtige Demiurgin zwei Einsame zusammenführt, «um mehr Einsamkeit entstehen zu lassen. Oder um Gott in beiden zu erschaffen.» Tempests Wortmächtigkeit fällt auf ihrem neuen Album umso stärker ins Gewicht, da – anders als früher – die Härte des Rhythmus zurückgenommen ist, die Texte von wenigen Streichern, Klavierakkorden, allerlei Sanftem und Warmem getragen werden. Wenn überhaupt. Es ist zu erwarten, dass die Lyrics dieses Albums demnächst auch als Gedichtband erscheinen werden. Wie zuletzt Tempests «Let Them Eat Chaos».

«Aber jetzt kommt dieses Feuer, um uns zu reinigen und wiederherzustellen, um uns voranzutreiben.»

Im Gespräch gibt sich Tempest spröde, sie antwortet einsilbig, bricht ab oder lässt mitten in Sätzen sekundenlange Sprechpausen entstehen, die einen nervös machen können: Ist die Verbindung tot? Hat sie den Hörer aufgehängt, weil sie keinen Bock mehr auf das Interview hatte? Ah, da ist sie wieder.«Ich glaube nicht, dass ich etwas sagen kann, was noch nicht gesagt wurde», meint sie gleich zu Beginn, als man mit ihr über den Brexit zu sprechen versucht. Aber es sei alles «extrem verstörend».

Verstörend ist auch vieles an der Gegenwart, wie sie Tempest auf ihrem Album beschreibt – und die ihre namenlosen Menschenfiguren immer wieder vereinzelt erscheinen lässt. Tempest selbst ist im Interview skeptisch, was die Ansicht anbelangt, die Vereinzelung habe viel mit den jüngeren Technologien, also mit dem Internet zu tun, obwohl sie auf ihrem Album von all jenen singt, die mehrfach in der Minute nach ihrem Handy greifen, die ihre Wut im Internet abladen oder Pornografie sammeln, um noch irgendwie kommen zu können. «Unsere Partner kennen uns nicht. Unsere Familien sind Fremde. Unsere Freunde machen uns nervös», heisst es da.

«Der Kapitalismus, dieses grauenhafte, gewaltvolle System, ist grösser als jedes andere System.»Kate Tempest

«Atomisierung ist eine Konsequenz des Hyperindividualismus», sagt Tempest im Interview. Und dieser Individualismus sei so alt wie das Zeitalter des Kapitalismus, wie die Exzesse des freien Marktes. «Das ist eine Bewegung, die mit der Aufklärung begann.» – Wie bitte? – «Ja, mit dem Ende der Religionen, mit dem Ende der traditionellen Gemeinschaftsstrukturen und dem Beginn der Industrialisierung und dem Konsumerismus.» Der Kapitalismus, dieses «grauenhafte, gewaltvolle System», wie es Tempest nennt, sei grösser als jedes andere System, etwas dasjenige der Moral.

Aber obwohl der Kapitalismus alles umfasst, empfindet Tempest diese Situation nicht als lähmend. «Mir gibt das alles mehr Energie, um weiterzumachen, um zu verstehen, wie das alles funktioniert.» Tempest glaubt auch daran, dass es möglich ist, Gemeinschaften zu schaffen, die nicht vom Kapitalismus durchdrungen sind wie die sozialen Netzwerke von Facebook & Co.

Neuanfang nach dem Ende der Menschheit

«Ich weiss nicht, ob solche Gemeinschaften im grossen Massstab funktionieren. Aber vielleicht in zwanzig Jahren», sagt Tempest – und beschleunigt ihre Rede, «vielleicht dann, wenn das Ende der Menschheit erreicht ist, wie wir sie gekannt haben. Also diese kurze Phase, in der wir uns diese grosse Lüge über den Fortschritt erzählt haben, in der wir andere Rassen ausgebeutet und in der wir den Planeten zerstört haben. Was zu einem grossen Sterben führen wird. Ich hoffe, dass auf dieser Asche die Menschheit wieder von Neuem beginnen kann.» Hm, okay. «Und dann, in Millionen von Jahren, wird ein anderer Poet wieder einem Journalisten am Telefon gegenübersitzen, die gleichen Fragen beantworten und sagen: I don't know.»

Understatement, denn selbstverständlich weiss Tempest viel mehr als nichts. Sie, die von sich sagt, sie wolle «Muster erkennen und sie aufbrechen». Dass sie solche Muster erkannt hat, machen Tracks wie «I Trap You» deutlich. Oder «Firesmoke», in dem von der Liebe als Feuer gesungen wird, das alles reinigt, uns wiederherstellt, beruhigt und uns vorantreibt: «Ich bade in diesem Feuer. Es wärmt, ohne zu brennen.» Vielleicht hat auch Tempest die Kraft eines solchen Feuers, wenn man ihr neues Album hört oder morgen in Luzern ihr Konzert besucht. Ganz sicher erneuert sie auch mit ihrem jüngsten Album das Versprechen aller grosser Kunst: dass alles anders sein könnte.

Kate Tempest: «The Book of Traps and Lessons» (Universal). Konzert: 13. Juni am B-Sides Festival in Luzern.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 12.06.2019, 11:29 Uhr

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