Die Natur als Klangkörper

Der Berner Top-Schlagzeuger Julian Sartorius trommelte als Jurawanderer auf allem, was am Weg lag.

Von Bauern misstrauisch beäugt: Julian Sartorius, unterwegs mit leichtem Gepäck. Foto: PD

Von Bauern misstrauisch beäugt: Julian Sartorius, unterwegs mit leichtem Gepäck. Foto: PD

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Letzten Oktober ging Julian Sartorius, 36-jährig, bärtig, schalkhafter Blick, in zehn Tagen von Basel durch den Jura nach Genf. Einsam sei die Höhentour gewesen, erzählt er, auch habe er sich fast die Finger abgefroren. Und ab und zu habe ihn ein Bauer aus der Ferne misstrauisch beäugt.

Versetzt man sich in einen solchen Bauern, ist klar, was der dachte: Was treibt der Typ an meinem Waldrand? Und was hält der da in den Händen? Das ist kein normaler Wanderer! Das Resultat umschmeichelt die Fantasie

Stimmt. Sartorius ist Schlagzeuger, einer der besten im Land, international gefragt. Im Jura war er quasi beruflich unterwegs. Ein Stereo­aufnahmegerät führte er mit sich und Trommelstöcke, die beide am einen Ende gepolstert sind, sodass er auch weich schlagen konnte.

Und zwar auf alles am Weg. Musiker Sartorius, ausgebildet an den Jazzschulen Bern und Luzern, bekannt aus über 200 Konzertauftritten mit Sophie Hunger und derzeit fast permanent unterwegs zu Auftritten solo und mit Bands – dieser Sartorius gilt als Klangtüftler. Als avantgardistischer Experimentierer.

Die Jura-Töne arrangierte und collagierte er im Studio. Das so entstandene Album «Hidden Tracks», das nächste Woche erscheint: ein aparter Hörspass. Es umschmeichelt die Fantasie. Es macht Bilder im Kopf. Und es stellt Rätsel.

Manche der rhythmischen Klänge sind klar: Fahrzeuggeräusche, das Hin und Her eines Zauntors mit rostigen Scharnieren, der Klang von Holz, das einer perkussiv bearbeitet. Anderes ist hübsch mysteriös. Was ist dieses sandpapier­artige Schaben? «Eine Kuh, die Salz leckte», sagt Sartorius und lacht.

«Ich habe keine Kindheitserinnerungen ohne Schlagzeug.»Julian Sartorius

«Hidden Tracks» soll der Auftakt zu einer Serie sein, sagt er; auch in der Wüste, im Eis, im Hochgebirge würde er gern alles Mögliche betrommeln. Man sitzt vor dem Zürcher HB in der Sonne, Sartorius war in den letzten Wochen in England, Belgien, Frankreich, Österreich, Deutschland; so wird es weitergehen. Aber zuerst fährt er kurz nach Hause. Nach Bern.

Aufgewachsen ist er in Thun. Mit fünf Jahren ging er in den Schlagzeugunterricht. Aber schon mit vier, erzählte ihm die Mutter, habe er mit dem Tambourin bei den Nachbarn geklingelt, um ihnen ein Solo darzubieten. «Ich habe keine Kindheitserinnerungen ohne Schlagzeug.»

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Sartorius freut sich auf Bern, er will in der Aare schwimmen gehen. Aber garantiert ist das Wasser noch reichlich kalt? «Ich gehe das ganze Jahr über», reagiert er und berichtet von seinen Wanderungen und Touren; er liebt die Berge, geht viel ins Berner Oberland.

Dass ein solcher Naturmensch auf die Idee kommt, die Natur als Trommelfläche zu nehmen und den Jura als Klangkörper zu nutzen – logisch. Und, im Resultat, berückend.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.05.2017, 18:55 Uhr

Album

Julian Sartorius: «Hidden Tracks» (Irascible)

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