Die rostige Partykanone

Am dritten Tag des Zürich Openairs gabs vor allem sehr viel gute Laune – nur Fatboy Slim stemmte sich dagegen, unfreiwillig.

Die Masse tobt: Das Publikum vor der Bühne feiert.

Die Masse tobt: Das Publikum vor der Bühne feiert. Bild: Zürich Openair

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Der Smiley auf der LED-Wand fasste diesen Abend der guten Laune noch einmal zusammen. Es war kurz vor halb eins in dieser lauen Freitagnacht, das Publikum wartete nun noch auf Norman Cook, besser bekannt als Fatboy Slim.

Doch für das Vortemperieren waren andere verantwortlich. Zum Beispiel Milky Chance aus Kassel mit ihrem lässig-verschlafenen Mega-Hit «Stolen Dance». Das Duo, das live als Trio in Erscheinung tritt, vermengte zackige Dur-Akkorde mit aufgefetteten Ska-Rhythmen. Zum ersten Mal an diesem dritten Tag erreichte der Zuschauerraum jene Temperatur, die viele gemeinhin von einem Open Air erwarten.

Dass nun Seeed an jener Stelle anknüpfen und sogar noch etwas mehr an der Gute-Laune-Schraube drehen würden, war zu erwarten. Dürfte man eine Open-Air-Band entwerfen, sie würde jener Bigband aus Berlin gleichen, die in Zürich zu 13. in Erscheinung trat und fröhlich die Register der Freiluft-Glückseligkeit zog. Dazu gehört sicherlich auch das Einweben von allseits bekannten Popnummern in bereits bekannte Stücke, wie es scheint, um das Publikum bei Laune zu halten. Dazu gehört aber auch die Wiederauferstehung von Radiohits wie «Wonderful Life» als wabbernde Reggae-Kracher. Einziger Schwachpunkt dieser Recycling-Strategie: Gelingt sie nicht, also springt das Publikum nicht darauf an, ist es umso schlimmer.

Seeed aber hornten sich getragen vom Publikum kraftvoll durch ihr Sortiment, und auf dem Höhepunkt ihres Auftritts verausgabten sich 17 Musiker im Anzug auf der Bühne in dynamischer Choreografie. Der Auftritt der Band war eine Demonstration dafür, wie man ein grosses, stets von allen möglichen Reizen in alle Richtungen gelocktes Open-Air-Publikum bei bester Laune hält. So verhalten sich DJs, die ihr Publikum mit Ohrwürmern bei der Stange zu halten suchen.

Kalkulierte Reizüberflutung

Aber eben, Norman Cook. Der Mann vor dem LED-Smiley. Um halb eins betrat er mit extra breitem Schritt die Bühne. Etwas verloren wirkte er ganz alleine vor seinem Laptop. Etwas verloren wirkte bald auch das stets kalkulierte Spiel mit der Reizüberflutung, das der Engländer von der ersten Minute seines Sets an vollführte. Gäbe es ein musikalisches Äquivalent zum stumpfen Action-Film, so würde es sich anhören. Diese Partykanone, sie hat bereits schon etwas Rost angesetzt.

Dieser ehemalige Superstar-DJ, der in den Neunzigern den Funk so gekonnt aufpeppte und damit zum Inbegriff für Cool Britannia wurde, er mühte sich sichtlich ab an jenem Abend. Nur wirkte das fast so, als habe er längst abgeschlossen mit diesem fröhlichen Partywahnsinn, der im Publikumsraum in Rümlang zu fortgeschrittener Stunde immer mehr grassierte, und den der Mann im Hawaii-Hemd jetzt mit immer härteren Einlagen zu befeuern suchte. Nur: Überdrehen können andere heute besser.

Der Smiley, der zu Beginn seines Sets auf der Leinwand erschien – Cook soll ein leidenschaftlicher Sammler solcher gelber Köpfe sein –, er führte diesen Gute-Laune-Abend, dem es fast ganz an schrägen Klängen fehlte, nicht fort. Eher drehte er ihn, passend zu den rasenden Visualisierungen auf der Leinwand in seinem Rücken, ins Groteske.

Erstellt: 29.08.2015, 12:16 Uhr

Zürich Openair

Das Zürich Openair in Rümlang dauert noch bis Samstag. Aktuelle Konzertkritiken der einzelnen Festivaltage finden Sie jeweils ab 8 Uhr auf dieser Seite. Am Samstag (dem Tag auch der Street-Parade) treten auf: Skrillex, Paul Kalkbrenner, aber auch Rockbands wie Kasabian oder Tame Impala.

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