Die Sehnsucht nach dem Leben

Der Zürcher Ballettdirektor Christian Spuck hat Verdis «Requiem» auf die Bühne des Zürcher Opernhauses gebracht. Eine Musik- und eine Tanzkritikerin würdigen das Gesamtkunstwerk im Gespräch.

Alles drängt nach oben in Christian Spucks Choreografie zu Verdis «Requiem». Foto: Gregory Batardon

Alles drängt nach oben in Christian Spucks Choreografie zu Verdis «Requiem». Foto: Gregory Batardon

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Sie ist ein spezielles Werk, die «Messa da Requiem» von Giuseppe Verdi. Uraufgeführt wurde sie, wie es sich gehört für eine Totenmesse, in einer Kirche: im Mailänder San Marco, am 12. Mai 1874, dem ersten Todestag des Schriftstellers Alessandro Manzoni. Aber gleich danach ging Verdi auf Tournee mit dem Stück, nach Paris, London und Wien: Damit war es im Konzertsaal angekommen. Und nicht lange dauerte es, bis die Zeitgenossen dieses «Requiem» als eine Art geistliche Oper bezeichneten.

So erstaunt es kaum, dass es öfter einmal auch auf Opernbühnen auftaucht. Legendär wurde etwa Achim Freyers bildstarke Berliner Version. Auch der Zürcher Opernintendant Andreas Homoki hat es bereits einmal inszeniert, 2001 im Theater Basel. Für die Zürcher Aufführung hat er die Regie nun seinem Ballettdirektor Christian Spuck übertragen – ein Experiment, das es bisher noch nirgends gab. Das Premierenpublikum reagierte enthusiastisch darauf. Aber wie hat sich diese Aufführung nun positioniert im Koordinatensystem zwischen Kirche, Oper und Tanz? Unsere beiden Kritikerinnen suchen Antworten.

Susanne Kübler, Musikkritikerin: Beginnen wir mit den Fakten: Christian Spuck hatte bei dieser Aufführung 36 Tänzerinnen und Tänzer, einen über hundertköpfigen Chor und vier Gesangssolisten aneinander vorbeizubringen. Schon das ist eine ziemliche Herausforderung.

Nina Scheu, Tanzkritikerin: Ja. Und es gefällt mir enorm, wie er das Problem gelöst hat. Die Sänger haben stets genügend Raum, physisch und musikalisch.

Kübler: Wobei sich die Raumverhältnisse immer wieder umkehren: Manchmal formt die Musik den Raum, in dem sich die Tänzer bewegen. Dann wieder geben die Tänzer als lebendige Skulpturen den Rahmen ab für den Gesang. Das heisst aber auch, dass die beiden Sphären kaum in Berührung kommen. Die Sänger stehen meist nur da; es ist der Tanz, der das Bühnengeschehen trägt.

Scheu: Ich denke, das ist gewollt, aus Respekt gegenüber der Musik. Vielleicht war da auch eine gewisse Angst: Bei Tänzern weiss Spuck genau, was er verlangen kann, sie sind es gewohnt zu leiden; diese singenden Wesen kennt er weniger. Wenn die Tänzer die Sänger mal berühren, dann nur ganz vorsichtig.

Kübler: Übervorsichtig! In Opernaufführungen sind die Sänger ja viel stärker ins Geschehen involviert. Ich hatte eher den Eindruck, dass Spuck mit ihnen nicht so furchtbar viel anfangen konnte.

Scheu: Aber der Chor wird ja schon einbezogen, etwa mit dem Gefuchtel im «Dies irae».

Kübler: Nun ja, wirklich komplexe Bewegungen kann man von einem Chor nicht verlangen. Und das finde ich schon sehr raffiniert, wie in manchen Bildern die ganze Masse mitwirkt: Es sind immer die Tänzer, welche die Bewegung sozusagen professionell auslösen und sie in den Chor überschwappen lassen.

Scheu: Tatsache ist, dass mich der Tanz nicht von der Musik abgelenkt hat. Es gab nur einen Moment, in dem ich sie nicht mehr bewusst wahrgenommen habe – im Pas de deux von Yen Han und Filipe Portugal, in dem sie sich mit ihren Armen so einfach und kompliziert zugleich umschlingen. Das war einer der tänzerischen Höhepunkte des Abends.

Kübler: Es hat aber auch mit der sehr dezidierten, farbigen Interpretation zu tun, dass die Musik nicht von sich ablenken lässt: Fabio Luisi treibt die Philharmonia und den Chor immer wieder in die Extreme. Die Musik ist ohrenbetäubend laut manchmal, dann wieder radikal leise. Es gibt Momente, in denen der Klang abbricht in einer Weise, die bei einer konzertanten Aufführung kaum denkbar wäre. Auch die Solosänger sind ungewöhnlich exponiert: Anders als im Konzertsaal, wo sie das Orchester im Rücken haben, stehen sie hier in den leisen Passagen sehr allein auf der Bühne. Das hat eine ungemein theatralische Wirkung.

Scheu: Ich habe mir das Werk vor der Premiere auf Youtube angehört und fand die Musik enorm schwer. In der Aufführung wirkte sie leichter, lebendiger – und ich habe mich gefragt, ob das mit dem Tanz zu tun hat. Spuck arbeitet viel mit Hebungen, die Frauen sind ständig in der Luft, alles drängt nach oben. Das ist etwas anderes, als wenn ein kompakter Chor dasteht.

Kübler: Die Stimmen sind hier auch tatsächlich nicht schwer. Zwar brauchen die Solisten ein robustes Forte, um sich Gehör zu verschaffen. Aber da gibt es auch diese leuchtende Höhe bei Krassimira Stoyanova oder die gestalterische Gelassenheit von Veronica Simeoni und Georg Zeppenfeld.

Scheu: Und der Tenor Francesco Meli quetscht nicht, im Gegensatz zu seinem Youtube-Kollegen.

Kübler: Nein, das tut er nicht. Aber er singt opernhafter als die anderen. Das wäre eine weitere Frage: Wie geistlich ist eigentlich diese Aufführung? Immerhin geht es um eine Totenmesse.

Scheu: Auf mich wirkt alles sehr weltlich. Man könnte höchstens sagen, dass die Choreografie eine gewisse Demut ausstrahlt – es gibt weniger Showeffekte als sonst bei Spuck, kein artistisches Feuerwerk, auch keinen Kitsch; es ist alles viel zurückhaltender. Als Ballett allein wärs zu bescheiden, erst zusammen mit der Musik erhält der Tanz eine grosse Klarheit und Kraft. Aber eben, es ist eine Demut gegenüber der Musik. Keine religiöse Demut.

Kübler: Für mich gab es zumindest einen religiösen Moment – beim «Salva me», wenn eine Tänzerin von einem Tänzer gehalten wird, als sei sie ein Kind. Das war ein Bild der absoluten ­Geborgenheit.

Scheu: Das hat mich auch sehr berührt. Überhaupt ist so viel Liebevolles in dieser Choreografie. Es ist zwar ein ständiges Hinsinken, aber eigentlich geht es nicht um den Tod, sondern um die Sehnsucht nach dem Leben.

Kübler: Ja, seltsam: Auf dieser Bühne wird jeden Abend gestorben, wegen Dolchstössen oder an gebrochenen Herzen; und ausgerechnet in diesem Requiem zeigt sich der Tod nur sehr diskret. Dabei ist das Verlöschen in Verdis Musik ja schon sehr eindrücklich drin.

Scheu: Ich bin froh, dass Spuck kein Handlungsballett gemacht hat aus dem Werk. Er erzählt keine Geschichte, sondern setzt die Emotionen der Musik um. Sehr direkt oft, man könnte sagen: Jeder Triller wird zur Pirouette, und wenn eine Melodie in die Höhe führt, geht sicher irgendwo ein Bein hoch.

Kübler: Ist das tatsächlich so? Ich fand den Tanz fast nie illustrativ, sondern ­erfreulich unabhängig. Das Einzige, was mich zuweilen irritiert hat, war, dass er oft deutlich bewegter ist als die Musik. Es läuft immer irgendwo etwas. Manchmal hätte ich mir mehr Ruhe gewünscht.

Scheu: Für mich stimmt die Balance. Es ist kein Ballettabend, kein Musikabend, sondern ein Gesamtkunstwerk, zu dem auch die stimmigen Kostüme von Emma Ryott und Christian Schmidts offene Betonbühne gehören. Es fliesst alles ineinander.

Kübler: Ich würde eher sagen: Es existiert alles auf sehr stilvolle Weise neben- und manchmal auch miteinander.

Scheu: Für mich wäre das richtige Wort: respektvoll.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.12.2016, 17:32 Uhr

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