Die Siegerin der Herzen am ESC

Laura Schwengber übersetzte die Songs so mitreissend in Gebärdensprache, dass manche einen eigenen Preis für sie forderten.

Voller Körpereinsatz: Laura Schwengber, hier am Montreux Jazz Festival. Foto: Valentin Flauraud (Keystone)

Voller Körpereinsatz: Laura Schwengber, hier am Montreux Jazz Festival. Foto: Valentin Flauraud (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

In der Gebärdensprache wird sie «Laura, die Lachende» genannt. Wer der 27-jährigen Gebärdensprache-Dolmetscherin je bei der Arbeit zugesehen hat, weiss warum. Laura Schwengbers Charme kann sich kaum jemand verschliessen, ob hörend oder gehörlos. Das zeigte sich zuletzt beim ESC-Finale am Samstag in Lissabon. Schwengber übersetzte die Songs so mitreissend, dass manche Zuschauer einen eigenen Preis für sie forderten. Eine Siegerin der Herzen war sie mit Sicherheit.

Das liegt daran, dass die Deutsche eben nicht einfach nur Texte übersetzt. Mit Mimik, Gestik und Körpersprache macht sie auch für Gehörlose fühl- und erlebbar, was in einem Song musikalisch passiert. Wenn sie auf der Bühne steht, lacht und weint sie, wiegt ihren Körper, lässt dazu die Hände tanzen und geht auf in der Musik. Das macht sie so gut, dass sie mittlerweile eine gefragte Performerin ist. Bei mehr als 50 Konzerten im Jahr steht Schwengber auf der Bühne und dolmetscht, dazu tritt sie auch in Musikvideos auf und begleitet Musiker auf ganzen Touren.

Schwengber bereitet sich jeweils akribisch vor, lernt Songtexte auswendig und kreiert kleine Choreografien.

Wollte die Frau mit dem radikalen Kurzhaarschnitt nur irgendwelches «Uh, baby, I love you»-Gesülze übersetzen, wäre ihr Job wohl etwas langweilig. Reine Textübersetzungen sind aber auch nicht ihre Sache. Schwengber will Musik für Gehörlose erfahrbar machen. «Ich brauche vor allem viel Gefühl», beschreibt sie ihre Arbeitsweise. «Alles passiert im Herz und im Bauch, erst dann kommt die Gebärde.» Das bedeutet auch viel Arbeit. Schwengber bereitet sich jeweils akribisch vor, lernt Songtexte auswendig und kreiert kleine Choreografien.

Ursprünglich wollte sie Sängerin werden. Schon in der Grundschule besuchte sie Tanz-, Schauspiel- und Gesangskurse. Mit zwölf Jahren lernte sie ihren besten Freund kennen, doch bald begann dieser aufgrund einer seltenen Erbkrankheit Gehör- und Sehsinn zu verlieren. Um weiterhin miteinander kommunizieren zu können, begannen die beiden andere Kommunikationsformen zu entwickeln und erfanden sogar eigene Sprachen. Daraus entwickelte sich ihr Beruf wie von alleine. Heute übersetzt sie alles, von Schlager über Pop bis Hip-Hop und Klassik. Nur bei rein klassischer Musik, die keine Geschichte zum Inhalt hat, lehnt sie ab. Dort sei eine klassische Ballerina besser geeignet, Tauben erfahrbar zu machen, was musikalisch passiere, sagt sie.

Am ESC 2018 stellte sie auch ihre Belastbarkeit unter Beweis. 43 Songs musste sie auswendig lernen, davon 12 in ihr völlig unbekannten Sprachen, dazu 3 Liveshows in fünf Tagen mit jeweils 20 Songs – ein ganz schönes Programm. Doch es dürfte sich gelohnt haben. Nach ihrem Sieg am ESC bedankte sich Sängerin Netty beim Publikum: «Danke, dass ihr euch für das Andersartige entschieden habt.» Das Votum gilt auch für Schwengber. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.05.2018, 15:52 Uhr

Artikel zum Thema

Schöne Klatsche für alle «Me Too»-Zweifler

Netta Barzilais ESC-Siegersong «Toy» ist Musik auf der Höhe der Zeit – und eine klare Ansage an alle, die Frauen, Übergewichtige und Israel hassen. Mehr...

Israel gewinnt den Eurovision Song Contest

Video Flöten, ein Fan-Zwischenfall, ein spannendes Rennen und ein Sieg für Israel: Das war der ESC 2018. Mehr...

Netanyahu will den ESC für seine Zwecke missbrauchen

Kommentar Nach dem Sieg der Israelin Netta Barzilai beim Eurovision Song Contest wird Jerusalem der nächste Austragungsort sein. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Blogs

Sweet Home Best of Homestory: Ein Mann, ein Hund, ein Haus

Tingler Für immer Madge

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Kampf gegen Rassismus: Ein Demonstrant protestiert gegen die Kundgebung «Liberty of Death», eine Versammlung von Rechtskonservativen vor der Seattle City Hall in Seattle, Washington. (18. August 2018)
(Bild: Karen Ducey/AFP/Getty) Mehr...