Die Sklavenhalter im Westen

An seinem fünften Tag erinnerte das Paléo-Festival daran, was für ein Glück die Deutschschweizer haben, dass es die Welschen gibt.

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Freitagabend kurz nach halb zehn auf der Hauptbühne des Paléo-Festivals, Zehntausende stehen nebeneinander, voreinander, hintereinander, drängen aneinander, und als die Scheinwerfer angehen und die Stars des Abends auflaufen, bricht eine Ovation aus, die man bis nach Frankreich hört. Was ist das für ein Duo, das solche Ausbrüche bewirkt? Was haben die beiden für einen Stil, was bringen sie für eine Show, was kochen sie für ein Rezept? Was haben sie, was keine andere Band hat, keine Sängerin, kein Cellist, kein Posaunenspieler?

Sie bringen das Publikum zum Lachen. Die welschen Satiriker Vincent Veillon und Vincent Kucholl, bekannt geworden mit ihrer Radiosendung «120 secondes» und längst beim Fernsehen angekommen, persiflieren während anderthalb Stunden das Festival, das sie eingeladen hat. Da werden die Veranstalter als Ausbeuter denunziert und die freiwilligen Mitarbeiter zu Sklaven heruntergemacht. Das Gelände wird zu einem Kastensystem umgedeutet mit den zahlenden Zuschauern als den Unberührbaren. Die Zeltenden auf dem Camping essen Hunde, die sie, luftgetrocknet, aus den parkierten Autos holen und über dem Feuer rösten. So geht das weiter seinen unerbittlichen Gang. Der Auftritt übersteht ein rasendes Gewitter, einige Pannen und Längen, läuft zuletzt wieder zur Form auf. Und er belegt beiläufig, was zu diesem Festival als Ausdruck seiner Identität gehört: die Frankophonie.

Das Niederbipp-Problem

Jeweils am 1. August wird beschworen, was längst zum 1. April gehört: Der Zusammenhalt der viersprachigen Schweiz, die gelebte Multikulturalität in der Toleranz, im Interesse an der Verschiedenheit unter demselben Kreuz. Das ein Witz, der durch Wiederholung nicht besser wird. In Wahrheit beruht die Toleranz auf Indifferenz, was sich schon in der sinkenden Bereitschaft der Deutschschweizer äussert, Französisch zu lernen und in der gleichbleibenden Verzweiflung der Welschen, sich mit dem Hochdeutschen zwar in Hannover verständigen zu können, aber die Niederbipper nicht zu verstehen. Und mit dem Tessin fangen wir gar nicht erst an.

Was den einen bei den anderen entgeht, kulturell vor allem anderen, zeigt etwa das Theaterspektakel in Zürich, von dem die Romandie keine Ahnung hat, und es zeigt sich am Paléo Festival von Nyon, das als Festival zwar hochgeschätzt wird, aber gerade nicht wegen seiner Ausrichtung: Es ist nämlich auch die Unterlage der französischen und welschen Kultur. Eine chanteuse wie Véronique Sanson zum Beispiel, die ihre Songs in der französischen Variété grundiert, ohne ihre Lieder dabei zu verharmlosen, hätte auf keiner Bühne östlich von Fribourg eine Chance. In Nyon überzeugt sie am Freitagabend auch mit 66 Jahren und nach 15 Platten mit einem engagierten, abwechslungsreichen Auftritt. Tolle Band, wandelbare Stimme, starke Präsenz.

Vom Mittelalter in die Neuzeit

Und da spielen Malicorne auf der Zweitbühne, Interpreten der weit zurückreichenden französischen Musiktradition. Die Formation gehört selber zur Geschichte von Paléo, führte sie doch die erste Ausgabe von 1976 an. Anfangs der Achtziger löste sich die Gruppe auf, dreissig Jahre später kam sie in teilweise neuer Besetzung wieder zusammen. Man hört das der Musik nicht an, sie erklingt in derselben strengen Wehmut, mit der die tragischen und blutigen Erzählungen vergangener Jahrhunderte nachgesungen werden. Das Septett bringt das Spiel auf Gitarren, Elektrobass und Schlagzeug mit dem Klang von Dulcimer, Trommel und Geige zusammen, versetzt mit einem melancholischen, präzis vorgetragenen Satzgesang.

Gegen Mitternacht auf der gleichen Bühne springt die Musik vom Mittelalter in die Neuzeit, auch das passt zu einem Festival mit seiner Stilbreite, seinem musikalischen Angeboten aus allen Kontinenten und Epochen. Auf die Bühne kommen Christine and the Queens, eine junge Band um die Sängerin Héloïse Letissier. Zusammen geben sie ein Konzert, das musikalisch gefällt, gestisch überrascht und atmosphärisch überzeugt. Letissier kombiniert ihre elektrische Popmusik mit Video-Einspielungen auf dem Bühnenhintergrund und einer Choreograhie, bei der sie sich von vier Tänzern begleiten lässt. Die Sängerin sagt von sich, sie orientiere sich an der androgynen Ausstrahlung des jungen David Bowie und habe sich für ihre Auftritte bei englischen Drag-Queens inspiriert. Musik und Inszenierung haben etwas Sphärisches, leicht Ironisches und Poetisches zugleich, mit anderen Worten: zutiefst Französisches.

Paléo übrigens, das weiss heute keiner mehr, war der Name eines Rennpferdes aus der Region. Es hat schon lange die ewigen Weidgründe betreten, das Festival aber bleibt im Rennen. Und das ist gut so.

Erstellt: 25.07.2015, 15:13 Uhr

Videos


Hätte auf keiner Bühne östlich von Fribourg eine Chance: chanteuse Véronique Sanson. (Video: Rico Live/Youtube)


Interpreten der weit zurückreichenden französischen Musiktradition: Die Band Malicorne. (Video: MASQ Music/Youtube)


Elektrische Popmusik mit Video-Einspielungen: Christine and the Queens. (Video: Christine and the Queens/Youtube)

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Ein Festival wird 40

Ein Festival wird 40 Bis zum Sonntag spielt die Musik in Nyon am Paléo-Festival.

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