Die Sprengkraft der Musik

Das Londoner Victoria & Albert Museum führt anhand von sieben Werken durch die Geschichte der Oper.

Im Kulturraum Europa: Edouard Manets Gemälde «La Musique aux Tuileries» («Musik in den Tuilerien») von 1862. Bild: The National Gallery, London; Scala, Florenz

Im Kulturraum Europa: Edouard Manets Gemälde «La Musique aux Tuileries» («Musik in den Tuilerien») von 1862. Bild: The National Gallery, London; Scala, Florenz

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Die grosse Londoner Opernshow dieses Herbstes darf man nicht im Royal Opera House am Covent Garden suchen. Sie findet ganz woanders statt, nämlich in den neuen Kellergewölben des Victoria & Albert Museum, im kürzlich eröffneten Sainsbury-Flügel, an der Exhibition Road in South Kensington.

«Passion, Power and Politics» verspricht die Ausstellung, und sie hält ihr Versprechen. Es gibt reichlich von allem: Wie sich die Oper gesellschaftlichen Entwicklungen verdankt, wie sie rebelliert gegen gesellschaftliche Verhältnisse. Das wollten die Ausstellungsmacher für Opernliebhaber, aber auch für «beginners» inszenieren. Es ist das Spannungsfeld, in dem sich diese Show bewegt.

Den Anstoss gab der inzwischen verstorbene deutsche V-&-A-Direktor Martin Roth zusammen mit dem Dänen Kasper Holt, dem früheren Direktor des Königlichen Opernhauses. Auch der Musikchef der Royal Opera, Antonio Pappano, war mit von der Partie. Das Ganze wurde eine Art Multimediaveranstaltung von ausgesprochen multinationalem Charakter. Die Qualität der Kopfhörer-Akustik und die sorgsam durchdachte Darbietung machen sie zu einem Vergnügen, nicht zur drögen Lektion.

Kurtisanen und reiche Bürger

Statt die Ausstellung mit 400 Jahren Operngeschichte zu überladen, haben das Museum und seine Kuratorin Kate Bailey gezielt sieben Opern von sieben Komponisten, aufgeführt in sieben verschiedenen Städten, aufs Programm gesetzt, und jeder davon den nötigen Platz eingeräumt. Die Auswahl hat die eine oder andere Frage aufgeworfen. Sie hat aber – im Konzept dieser Ausstellung – vieles für sich.

So beginnt die Show mit Monteverdis «L’incoronazione di Poppea», 1643 auf die Bühne gebracht in Venedig. Kostbare Tafelware, Kurtisanen-Plattformschuhe, heitere Salonszenen illustrieren den damaligen Reichtum der Stadt, weisen auf seine wohlhabende Bürgerschaft hin. Als eine der ersten öffentlichen Opern stuft das V & A «Poppea» ein: als den Punkt, an dem sich Pantomime, Karneval, Strassentheater und höfische Opern zu etwas Neuem verbanden – halt zur «opera», die alles Bisherige umfasst.

Mit besonderer Hingabe ist die zweite Station inszeniert, zu Händels «Rinaldo» – immerhin geht es um das London des Jahres 1711, um die Welthandelsstadt an der Themse, um Krone, Schifffahrt und um globales Geschäft. Ein im Graffiti-Stil gehaltener Wandtext über den Köpfen der Besucher erläutert, dass hier ein Teutone den Briten «Unterhaltung nach italienischer Art» bescherte. «Junger deutscher Komponist», meldet ein anderer Text, «nimmt die Stadt im Sturm.»

Nie zuvor ausgestellte Partituren

Nicht jedem war das recht. Ein Teil der Londoner Presse betrachtete die «europäische Oper» als Bedrohung für die eigenen Theatertraditionen. Verdrossen vermerkte 1711 die Zeitschrift «The Spectator», dereinst würden sich «unsere Urenkel fragen, warum ihre Vorfahren in ihrem eigenen Land gleichsam wie Ausländer auf den Rängen sassen und Dramen verfolgten, die in einer Sprache verfasst waren, die sie nicht verstanden».

So viel anders sind auch die Argumente nicht, mit denen mancher in England heute «den Europäern» gern die Tür weisen würde. Wer dagegen durch die Räume der Ausstellung schlendert, spürt nichts als Austausch und enge Beziehungen. Auf Mozarts «Le nozze di Figaro» in Wien (1786) und Verdis «Nabucco» in Mailand (1842) folgt die berühmte «Tannhäuser»-Aufführung Wagners in Paris von 1861, die einen beispiellosen Skandal entfachte.

Wie ein weites Tableau liegt in dieser Ausstellung der Kulturraum Europa vor dem Betrachter. Kleine Kostbarkeiten an Gemälden und anderen Objekten sind einzelnen Opern zugeteilt. Wie Mozarts Piano, Ölporträts des jungen Verdi, Manets Gemälde «Musik in den Tuilerien». Maria Callas’ unvergessliche Stimme bringt sich in Erinnerung. Nie zuvor ausgestellte Partituren sind zu sehen.

Laufend neue Überraschungen

Im Händel-Bereich stösst man auf Meerjungfrauen nebst schwankender Galeone auf einer liebevoll nachgestalteten und von allen Seiten einsehbaren Barockbühne, einem Kleinod früher Mechanik und Maschinerie. Im Wagner-Teil laufen auf sechs Bildschirmen simultan sechs verschiedene historische Venusberg-Inszenierungen grosser Opernhäuser. Jeder Raum wartet mit neuen Überraschungen auf.

Der wachsende Wunsch nach Selbstbestimmung und Ideen sozialer Reform, Rebellion gegen Klassenschranken und Geschlechterrollen spiegeln sich im Abgebildeten und im zu Hörenden. Geradezu revolutionär musste im 18. Jahrhundert anmuten, dass eine Gräfin und ihr Dienstmädchen in Mozarts «Figaro» als gleichberechtigte Sängerinnen nebeneinander auftraten.

Spiel um Sex und Gewalt

Bei Richard Strauss’ «Salome» streicht die Ausstellung heraus, wie sehr diese Oper den Funken des Feminismus mit entzündete – wie sehr sie eine neue Zeit reflektierte, mit ihrem Spiel um Sex und Gewalt. Um das grausige Finale so recht auszukosten, ist man eingeladen, sich mitten im Raum auf Sigmund Freuds Couch niederzulassen, was dem Ganzen eine besondere Note gibt. Und auch hier, im Dresden von 1905, findet man sich mitten in Europa. Strauss benutzte die deutsche Übersetzung eines ebenso berühmten Textes, den der Ire Oscar Wilde auf Französisch schrieb.

Passion? Power? Politics? Das trifft auch auf die letzte, die siebte Oper zu, die das V & A wählte. Schostakowitschs «Lady Macbeth von Mzensk» missfiel bei einer Aufführung 1934 in Leningrad Josef Stalin so sehr, dass er das Opernhaus vorzeitig im Protest verliess. Das Stück wurde abgesetzt, zeitweise fürchtete Schostakowitsch um sein Leben. Er sollte nie mehr eine Oper schreiben nach dieser öffentlichen Verurteilung.

Wird die Show auch «beginners» anziehen? Mit Besucherrekorden wie bei der V-&-A-Ausstellung über die Pop-Kultur der 60-Jahre rechnet niemand. Aber nicht nur der Londoner «Guardian» nimmt die Oper gegen den Vorwurf der Abgehobenheit in Schutz: «Die Oper wird oft als elitär verschrien. Aber da ist noch eine ganz andere Geschichte, welche die Geschichte der Oper erzählt.»

«Opera: Passion, Power and Politics», Victoria & Albert Museum London. Bis 25. Februar 2018. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.11.2017, 18:18 Uhr

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