«Die Täter- und Opferrollen sind gar nicht so klar verteilt»

Der Zürcher Journalist und ehemalige «Joiz in the Hood»-Moderator Ugur Gültekin fordert die Rapszene zu einer selbstkritischen Auseinandersetzung mit Sexismus auf.

«Es ist sehr sichtbar und wird sehr zelebriert»: Rapperin Kimbo aus Basel über Sexismus im Rap. Video: Youtube/SRF Virus


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Hip-Hop hatte immer wieder mit dem Vorwurf der Frauenfeindlichkeit zu kämpfen. Besonders in seiner massentauglichen Ausprägung finden Frauen meist nur als austauschbare, leicht bekleidete Tänzerinnen im Hintergrund von Rapvideos Platz. Bisher hatte man jedoch den Eindruck, die Sexismusdebatte würde im Zuge der #MeToo-Bewegung vor der Hip-Hop-Community haltmachen. Doch nun fordert Ugur Gültekin, ehemaliger Moderator der kultigen Hip-Hop-Sendung «Joiz in the Hood», die Szene dazu auf, sich eingehend mit der Thematik zu befassen:

Herr Gültekin, Sie haben auf Facebook die lokale Hip-Hop-Szene zu einer selbstkritischen Auseinandersetzung mit den Mechanismen des Sexismus und der weit verbreiteten homophoben Ausdrucksweise aufgefordert. Was hat Sie dazu veranlasst?
Auslöser war ein Video, das ich im Rahmen der «Bounce Cypher» für SRF Virus produziert hatte und in dem ich mit Teilnehmern der Cypher über Sexismus sprechen wollte. Dass sich im Video ausschliesslich Frauen zur Problematik sexistischer Raptexte bekannten, veranlasste mich zu der besagten Aufforderung.

Sind die Aussagen im Video für die Schweizer Rapszene repräsentativ?
Nicht ganz, die im Video zu Wort kommenden männlichen Rapper vertreten alle ziemlich ähnliche Ansichten. Das ist zufällig so gekommen. Es gab andere Voten, die im Schnitt offenbar nicht ganz so prioritär behandelt wurden. Es gäbe natürlich auch Rapper, die kritischere Ansichten vertreten hätten.

Wieso haben sich der Thematik nicht noch mehr Rapper angenommen?
Innerhalb der Hip-Hop-Szene ist ein starker Relativismus vorherrschend: «Das ist doch alles nicht so schlimm, alles nicht so gemeint.» Dabei handelt es sich um einen typischen Verdrängungsmechanismus, der dann einsetzt, wenn man über etwas nicht sprechen will, sich der Auseinandersetzung verweigert. Meiner Meinung nach kommt Sexismus im Rap aber nicht in einem höheren Masse vor als im Rest der Gesellschaft.

Bilder: Schweizer Rap-Geschichte

Das wird von Rappern ja oft als Argument genannt, dass Rap bloss der Spiegel einer sexistischen Gesellschaft sei. Wieso greift dieses Argument Ihrer Meinung nach trotzdem zu kurz?
Hip-Hop schöpft einen Teil seiner Identität auch aus der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Rap war schon immer gesellschaftskritisch. Rap muss reflexiv bleiben, sich weiterentwickeln. Auch 2018, da neue gesellschaftliche Phänomene kritisiert werden, wie momentan eben Sexismus. Denn wie Rassismus ist auch Sexismus ein Unterdrückungsmechanismus, den es zu durchbrechen gilt. Das ist es, was mir an der ganzen Debatte bisher zu wenig prominent diskutiert wird: die Einordnung von Sexismus in einen politischen, ökonomischen und religiösen Kontext.

Wie meinen Sie das?
Sexismus funktioniert oftmals auch nach dem Prinzip der Opferhierarchie: Unterdrückung, Ausbeutung und Gewalt werden dabei immer nach unten weitergegeben. Wir leben in einer Gesellschaft, die ihren Wohlstand auch weiblicher Arbeitskraft in Form von unbezahlter Haus- und Sozialarbeit schuldet. Es ist aber auch eine Gesellschaft, die auf religiösen Weltanschauungen basiert, in der ein imaginäres Alphamännchen der Begründer der Welt sein soll. Sexismus gehört deswegen zum ideologischen Unterbau der gesamten westlichen Gesellschaft und begrenzt sich selbstverständlich nicht nur auf den Raum einer relativ kleinen Subkultur.

Wie kann man in diesem Zusammenhang vermeiden, dass sich der Sprachgebrauch bloss zu einer oberflächlichen politischen Korrektheit hinwendet, also dass man einfach einige Wörter aus den Raptexten streicht, im Grunde aber dieselben sexistischen Strukturen reproduziert?
Das ist die zentrale Herausforderung. Es geht ja nicht um einige Wörter. Ob jemand jetzt «Bitch» rappt oder nicht, ist mir eigentlich auch egal. Wichtig ist, welche Ideologien jemand vertritt, für welche Werte und Einstellungen jemand steht, welche politischen Parteien er wählt – und wie die Person selbst im Alltag handelt.

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Wie fielen die Reaktionen auf Ihre Aufforderung aus?
Bisher reagierten vorwiegend Leute, die die Aufforderung entweder hochkant von sich weisen oder denen Rap generell zu frauenfeindlich ist. Die Leute, die ich eigentlich ansprechen wollte, gaben sich bisher ziemlich bedeckt. Ich habe den Eindruck, als hätten sie Angst, sich zum Thema zu äussern.

Aus Angst, die Sexismusdebatte arte zu einer Hexenjagd aus?
Genau, das ist in anderen Kunstszenen ja bereits zu beobachten. Das ist meiner Meinung nach eine der grössten Gefahren: dass wir am Ende eine Situation haben, in der sich niemand mehr traut, sich zu exponieren und sich des Themas öffentlich anzunehmen. Dabei sind die Täter- und Opferrollen gar nicht so klar verteilt. Denn es ist eben auch Sexismus, wenn es keinen ausreichenden Vaterschaftsurlaub gibt, jungen Männern das Bild vermittelt wird, sie dürften in ihrer Emotionalität keine Schwächen zeigen, und wenn ihre sexuelle Lust zu einem Hochleistungssport hochstilisiert wird. Es geht also auch um Unverwundbarkeit, Selbstoptimierung und Potenz im ökonomischen Sinn.

Und so sind die meisten «Pussy»-, «Bitch»- und «Schwuchtel»-Referenzen ja auch zu verstehen, nämlich, dass man seinen musikalischen Kontrahenten herabsetzt, und sich selbst in einer Position der Stärke skizziert ...
Dieses Eingeständnis braucht es, um sich bewusst zu werden, dass man das Weibliche und das Homosexuelle als Synonym von Schwäche gebraucht. Hier könnten neue und kreativere Formen verwendet werden, um seinen eigenen Wert zu beschreiben. Aber das ist ein Prozess, das geht nicht von heute auf morgen. Auch bei mir dauerte es mehrere Jahre, bis ich das eingesehen habe.

Die Manchester Art Gallery liess in einem Versuch, politische Korrektheit auf Kunst zu übertragen, unlängst das Gemälde «Hylas und die Nymphen» entfernen, das einen Mann beim Baden mit nackten Frauen zeigt. Müssten konsequenterweise jetzt auch Veranstalter keine DJs mehr buchen, die sexistische Songs von etablierten Hip-Hop-Künstlern wie 50 Cent oder Snoop Dogg spielen?
Nein, das wäre sicherlich der falsche Ansatz. Zensur und Ausschluss werden uns in dieser Thematik nicht weiterbringen. Umerziehungsmassnahmen und Verbote – besonders in der Kunst – sind völlig fehl am Platz. Kunst muss frei sein. Was man machen kann, ist einen Diskurs anstossen. Das war auch meine Absicht mit dem Post. Ich bin kein Moralist oder Hüter politischer Korrektheit. Im Gegenteil: Ich bin Gegner der herrschenden Moral, die Unterdrückung, Gewalt und Krieg legitimiert. Ich will Raum für Utopien schaffen.

Wie stellen Sie sicher, dass die Debatte um Sexismus im Rap nicht bald wieder abflacht?
Ich bin momentan in Kontakt mit einigen Leuten, die uns dabei unterstützen könnten, eine Plattform zu kreieren, um diese Thematik öffentlich zu diskutieren. Meine Absicht ist es, verschiedene Ansichten zusammenzubringen, sodass diese Reflexion auch in der Hip-Hop-Szene stattfindet. Ich denke, von aussen wird man überrascht sein, wie viele Leute aus der Szene über Sexismus sprechen wollen.


Die Virus Bounce Cypher 2018

Sieben Stunden Rap: An der Virus Bounce Cypher trafen sich Rapper aus der ganzen Schweiz. Video: Youtube / SRF Virus

Erstellt: 19.02.2018, 19:16 Uhr

«Denn wie Rassismus ist auch Sexismus ein Unterdrückungsmechanismus, den es zu durchbrechen gilt»: Ugur Gültekin, Journalist und ehemaliger Moderator der Hip-Hop-Sendung «Joiz in the Hood».

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