Die vier Frühlinge des Alice Cooper

Sein letzter Hit ist 26 Jahre her, aber Alice Cooper tourt unverdrossen weiter. Was einst verstörend war, ist beruhigend vertraut geworden. Im Februar wird er 70 Jahre alt.

Wollte lieber Captain Hook sein als Peter Pan: Alice Cooper, Prototyp des Schockrockers, undatiert. Foto: John Rowlands (Zuma, Dukas)

Wollte lieber Captain Hook sein als Peter Pan: Alice Cooper, Prototyp des Schockrockers, undatiert. Foto: John Rowlands (Zuma, Dukas)

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Der fünfte Frühling will nicht kommen, doch Alice Cooper stört das nicht. «Paranormal», sein im Sommer erschienenes 27. Studioalbum, ist eine ausgelassene, alberne Platte. In «Dynamite Road» singt er von einem nächtlichen Autorennen; eine «Limousine voller Partymädchen» bringt ihn samt Band und Cadillac von der Strasse ab. In «Fallen in Love» mimt er einen Casanova, der nach «girlie after girl» selbst sein Herz verliert, wie ein gestürzter Senior auf dem Boden liegt und kalauernd um Hilfe ruft: «I’ve fallen in love and I can’t get up.»

Ja, im Gospel «Holy Water» scheint Cooper den eigenen christlichen Glauben zu verspötteln, wenn er den steppenden Teufel gibt, der unterm Weihwasser blubbernd zu Gott findet: «Raise your eyes to the Lord above, yeah.» Die Songs sind nicht weltverändernd, aber kräftig, unterhaltend und durchwegs gut gesungen. Alice Cooper (69) ist seit acht langen Monaten mit ihnen auf Welttournee. Am Mittwoch tritt er in Zürich auf.

Erster Frühling: Captain Hook

Der erste Frühling kam mit der Alice Cooper Band. Vincent Furnier, geboren am 4. Februar 1948 in der Autostadt Detroit, wuchs auf in Phoenix, Arizona. Der Vater war Pfarrer, die Kindheit glücklich. Vincent war ein begabtes Kind, beliebt und charismatisch, kein Aussenseiter. Mit Beatles-Imitationen an der Schule entdeckte er sein Talent für die Bühne. «Die Mädchen fingen an zu schreien. Das wollte ich wieder hören.»

Alice Cooper «Paranormal» offizielles Video. Video: Reuters

1967 zog Furnier mit einer Band aus Schulfreunden nach Los Angeles und nahm den Namen Alice Cooper an. Er habe ihn spontan erfunden, schreibt er in seinen Memoiren: «Ich dachte an ein kleines Mädchen – mit einem Schleckstängel in der einen und einem Schlachtermesser in der anderen Hand.» Die Band spielte einen schrammeligen Psychedelic Rock, Frank Zappa nahm sie unter Vertrag. Doch der Erfolg kam erst mit dem Umzug nach Detroit, wo MC5 und die Stooges daheim waren.

Alice Cooper fand seine Nische: Make-up, Federboas, Schockeffekte. «Es gab so viele Rock-Helden, wir brauchten einen Rock-Bösewicht», sagt er im Fernsehfilm «The Story of Metal». Er habe immer Captain Hook sein wollen, nie ­Peter Pan. Spätestens ab dem Album «Killer» (1971) ist die Lust am Morbiden zentral, heissen die Songs «Dead Babies» und «Under My Wheels».

Bekannt wurde Cooper für seine wild theatralische Bühnenshow. Immer ging es um Provokation, die Band lag im inoffiziellen Wettstreit mit Iggy Pop und den Stooges. Was hat der andere gemacht letzte Nacht, können wir das toppen? Alice brachte Hässliches in die Flower-Power-Zeit, war ein Anti-Hippie, Wegbereiter des Punks – auch ästhetisch, mit verschmierter Schminke und zerrissenen Kleidern. «Ich habe diese Generation designt», sagt Cooper stolz im Film «Prime Cuts». Musikalisch war dies seine grosse Zeit: Die Alben «School’s Out» (1972) und «Billion Dollar Babies» (1973) sind Klassiker der Rockgeschichte.

Zweiter Frühling: Kitsch

Den zweiten Frühling schaffte er allein. 1974 löste sich Alice Cooper von den Jugendfreunden, und das Vaudeville-Element, die Show, wurde noch wichtiger. Die fast zweijährige Tournee zum Album «Welcome to My Nightmare» (1975) setzte Massstäbe, was Bühnenzauber anging: Riesenspinnen, Puppen, Luftballons. «Alice Cooper hat eigentlich alles als Erster gemacht, es ist nervtötend», sagte der US-Sänger Rob Zombie einmal. Noch 2017 nutzt Cooper viele Gimmicks aus der Zeit, etwa die Guillotine.

Während Rockmusik Ende der 70er-Jahre härter wurde, Punk und Metal kamen, wurde Cooper selber heiterer, glamouröser; Alben wie «Goes to Hell» (1976) und «Lace and Whiskey» (1977) sind Kitschbomben. «Balladen schreiben fällt mir leichter als alles andere in der Welt», bemerkt Alice in seinen Memoiren. 1975 heiratete er die Bühnentänzerin Sheryl Goddard, die beiden sind bis heute ein Paar und haben drei Kinder. Tochter Calico (geboren 1981) zog lange selber als Tänzerin im Tourneetross ihres Vaters um die Welt.

Gesundheitlich beginnt Cooper Mitte der 70er zu schlingern. «Die Alice-Figur hätte mich fast umgebracht», sagt er im Film «Super Duper Alice Cooper» (2014). Er ist Alkoholiker, braucht den Whisky zum Aufstehen. Seine Frau lässt ihn einweisen, wie man auf der Irrenhausplatte «From the Inside» (1978) nachhören kann. Doch Cooper bleibt nicht lange trocken.

Sein dritter Frühling ist eher ein Herbst: Alice zappelt als New-Wave-Rocker über die Bühne, ausgezehrt, verrückt. Filmaufnahmen aus der Zeit erschrecken. Kreativ ist er trotzdem; «Special Forces» (1981) ist für viele Fans eine heimliche Lieblingsplatte. Cooper selber erinnert sich nicht daran, sie gemacht zu haben. «Andere haben Blackout-Wochenenden. Ich habe Blackout-Jahre», schreibt er.

Ab 1983 ging es nicht mehr, und Alice Cooper verschwand. Setzte aus und konzentrierte sich aufs Golfspiel, das er heute meisterhaft beherrschen soll.

Vierter Frühling: Hardrock

Sein vierter Frühling war die Neuerfindung als Hardrocker. Nüchtern und in Lederjacke schaffte Alice es zurück, «Trash» (1989) und der Radiohit «Poison» katapultierten ihn neben Mötley Crüe und Guns N’ Roses in die Hitparaden. Er selber nennt «Trash» ein «ex­trem kommerzielles Album», doch es funktioniert bis heute. Die Bühnenshow war düsterer denn je, ganz auf Horrorfilm getrimmt. Christliche Elternverbände demonstrierten verlässlich gegen seine Konzerte. Sie hatten verpasst, dass der Mann hinter der Kunstfigur inzwischen selber Christ geworden war.

Bald liess die Aufregung nach, diesmal für länger: Seit «Hey Stoopid» (1991) hat Cooper acht Alben gemacht und hunderte Konzerte gegeben, aber kaum mehr Aufsehen erregt. Es scheint ihn nicht zu quälen. «Rock ’n’ Roll ist eine Achterbahn, mal geht es hoch, dann wieder runter», sagte er im Sommer 2000 in Zürich. Nun geht es seit 26 Jahren geradeaus. Alice Cooper hat sich eingemittet, ist weder peinlich noch packend, sondern ein solider Rezitator des eigenen Werks. Er reist um die Welt, jedes Jahr von neuem, und spielt den treuen Fans die Kunstfigur vor. Was einst neu und verstörend war, ist beruhigend vertraut geworden. Die Musik wird immer zeitloser, klingt wie die Songs aus seiner eigenen Classic-Rock-Radioshow «Nights with Alice Cooper».

Kann es das gewesen sein, läge nicht ein fünfter Frühling drin? Manche Fans wünschten, Alice würde die Schockrock-Requisiten beiseitelegen und ein letztes Mal etwas wagen. Ein Duett mit Tori Amos, die sein «Only Women Bleed» gesungen hat, eine Weihnachtsplatte oder eine swingende Alice-Sinatra-Show. Aber nein, Cooper macht weiter wie bisher. Make-up, Federboa, Guillotine. Wie singt er auf der letzten Platte? «Life is just a party, man.» Soll gelten.

Alice Cooper, 29. November 2017, 20 Uhr, Samsung Hall, Dübendorf

Erstellt: 23.11.2017, 19:11 Uhr

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