«Die Welt wäre gerettet»

Stephan Eicher über Gabber, Grauzone – und sein Treffen mit Greta Thunberg. Am Freitag spielt er vor Techno-Fans.

Partymachen allein genügt ihm nicht: Musiker Stephan Eicher.

Partymachen allein genügt ihm nicht: Musiker Stephan Eicher. Bild: Laurent Seroussi

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Kennen Sie «Noiken In Die Koiken»?
Nein. Pardon.

Maximal primitiver Techno: «Noiken In Die Koiken», 1992.

Ein Gabber-Klassiker.
Gabber kenne ich (imitiert den prügelnden Sound des Gabber-Technos). Habe ich aber nicht mehr gross mitgemacht. Da stellte die Szene gerade auf Amphetamin um. Das Genre davor kannte ich noch etwas besser. Es hiess Gogo, war housiger, man bewegte die Hüften mehr dazu. Gabber war die aufgespeedete Version.

Ist Ihnen Kevin Saunderson ein Begriff? Er tritt wie Sie am Lethargy-Festival auf.
Kenne ich nicht, nein. Nach Grauzone habe ich mich aus der elektronischen Musik verabschiedet. Ich wandte mich anderer Musik zu, als der schreckliche Roland D-50-Synthesizer in Mode kam und die Synthesizer-Sequenzen nicht mehr analog, sondern digital produziert wurden. Das klingt nun vielleicht etwas religiös, aber dieser Sound nährte meine Seele nicht mehr. Es wurde mir kalt – und so verbrannte ich die Brücke hinter mir, die Brücke ins Elektronik-Land. Jetzt nähere ich mich ihm wieder an. Nächstes Jahr werde ich mit Superpoze, einem jungen Elektronik-Künstler aus Frankreich, ein Album veröffentlichen, auf dem ich meine Vorstellung von elektronischer Musik realisieren werde.

Und diese Vorstellung wäre?
Melancholische Euphorie. Four Tet machte solche Musik, da bin ich begeistert. In einem Stück zum Beispiel windet er den Track immer weiter in die Höhe – und der erlösende Drop kommt und kommt einfach nicht. Auch Avicii hatte sie, diese melancholische Euphorie. Und vielleicht gibt es bald wieder ein Grauzone-Album. Ich wäre jedenfalls dabei. Es hängt allein von meinem Bruder ab, den ich für einen besseren Musiker als mich selber halte und den ich jetzt noch etwas antreiben muss. Er ist jedenfalls an der Arbeit. Hoffentlich liest er dieses Interview...

Von Stephan Eicher empfohlen: Four Tet, 2015.

Was ist mit der ungebrochenen Euphorie der Street Parade? Bass raus, warten, Bass rein, Hände in die Luft? So im Sinne von Mr. Fingers: «Once you enter my house it then becomes our house»?
Nein, nein! Es muss melancholisch sein. Man muss sich im Klaren darüber sein, dass etwas im Vergehen ist im Leben. Dass man letztlich auf sich selber zurückgeworfen wird. Um diese Qualität der Musik geht es mir. Johann Sebastian Bach war der erste Meister in dieser Disziplin.

House-Klassiker: «Can U Feel It?» von Mr. Fingers, 1987.

Der Grauzone-Song «Eisbär» aus den 80ern wird heute wild gefeiert und geremixt. Wie erklären Sie sich das?
Es geht um die absolute Reduktion. Drei Noten, ein spärlicher Text und fertig. Das spricht die Leute immer noch an. Noch immer gehen junge Musiker mit engen Jeans, einem Gitarren-Amp und einem Synthesizer in die Garage, um diesen Song zu covern. Das freut mich sehr.

«Eisbär», ein Stück von Eichers Band Grauzone, 1981.

Kennen Sie das Cover von Scholle, Sampler «Neuer Deutscher Dancefloor Stufe 3»?
Nein. Der Song gehört heute nicht mehr uns, sondern der Welt. Ich kann ihn schon lange nicht mehr kontrollieren und habe die Übersicht über die Interpretationen verloren.

Der «Eisbär»-Remix von Scholle, 1996.

Der Eisbär ist ein tragisches Symbol der Klimaerwärmung. Könnte das Revival auch ein bisschen damit zu tun haben?
Ich habe nichts dagegen, wenn die jungen Klimaaktivisten den Song nun für ihre Zwecke benutzen. Wobei ich mich manchmal schon frage, wie viel dieser Aktivismus uns bringt. Sicher, es ist besser als nichts, aus der immer gleichen Aluminiumflasche statt aus immer neuen Plastikfläschchen zu trinken. Aber jetzt muss doch endlich die Kerosin-Besteuerung her! Und dann das Geld in Innovation investieren. Das würde was bringen. Ich traf Greta Thunberg ja mal zufällig in Paris, nach einer TV-Show. Ich sagte ihr, man müsse nun unbedingt auf die Kerosin-Besteuerung hinarbeiten. Sie schaute mich nur scheps an.

Greta Thunberg hat nicht auf Stephan Eicher gehört.
Nein! Sonst wäre die Welt jetzt gerettet. (lacht)

Sie verabschiedeten sich just aus der elektronischen Musik, als die Ära der Monster-Raves anbrach. Nie neidisch gewesen auf Dr. Motte, der auf seinem dicken Love-Mobile thronte, um sich herum Hunderttausende, die zu seinem Beat tanzten?
Nein, ich bin nie neidisch gewesen auf Dr. Motte. Ein Indie-Rave in der Bretagne 1996: ein paar Lastwagen, Scheinwerfer und Tänzer. Der Staub steigt auf. Das war eine berührende Erfahrung – und meine einzige persönliche Erinnerung an die Rave-Zeit.

Jetzt findet einer der grössten Raves in Zürich statt. Wie deuten Sie das?
Darauf sollten wir uns bitte nichts einbilden. Das hat einen sehr einfachen Grund: Die Jungen bekommen in der Schweiz noch gutes Sackgeld. Damit können sie Künstler einladen, teure Kostüme anschaffen. Und das Bedürfnis nach Karneval – einmal frei zu sein im Jahr. Und Drogen.

Ist Ihr Auftritt an der Lethargy-Party in gewisser Hinsicht ein künstlerisches Wagnis? Balkan-Brass für Techno-Fans?
Machen Sie sich keine Sorgen. Unsere Hi-Hat haut rein wie purer Techno. Und in der Roten Fabrik fühle ich mich sowieso daheim, ich lebte dort ja Ende der 1970er. Das wird amüsant.

Werden Sie am Wochenende raven gehen an der Street Parade?
Nein. Eine Million Leute auf einem Fleck – das macht mich nervös. Das erinnert mich an gewisse schwarzweisse Filmaufnahmen. Ich bin für die kleine Gruppe. In Südfrankreich, wo ich wohne, habe ich einen Chor gegründet, um etwas gegen die gesellschaftliche Spaltung zu tun. Die meisten Leute in diesem Dorf wählen den Front National, muss man wissen. Jetzt singen wir zusammen, und es funktioniert. Wir kommen uns näher, singend.

Erstellt: 08.08.2019, 16:42 Uhr

Zur Person

Stephan Eicher (*1960) gehört zu den bekanntesten Musikern der Schweiz. Eicher singt auf Deutsch, Französisch und Englisch – unter anderem. Auch musikalische ist der Berner höchst vielfältig: Er war mit der Band Grauzone Teil der Neuen Deutschen Welle, als Chansonnier in Frankreichs Top Ten und ging jüngst mit Bestseller-Autor Martin Suter auf Tournee. Am Lethargy-Festival tritt Eicher mit seiner Brass-Band Traktorkestar auf. (lsch)

Lethargy, Energy, Street Parade

Das Lethargy-Festival wurde vor 25 Jahren als Gegenentwurf zur grossen Kommerz-Party der Street Parade, der Energy, gegründet. Die Lethargy, angesiedelt in Wollishofen, bietet während des Wochenendes ein ambitioniertes Programm. Mit der Verpflichtung von Stephan Eicher öffnet sich das Festival gegenüber dem Pop. Weiterhin dominiert aber die elektronische Musik, diesmal prominent vertreten durch den Detroit-Techno-Pionier Kevin Saunderson oder die französische DJ-Künstlerin Miss Kittin. (lsch)

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