Dieser Jazz, er ist für Tausende

Veteranen wie Billy Cobham, Stanley Clarke oder die Yellowjackets lockten ein grosses Publikum ans Zürcher Jazznojazz-Festival. Zu hören gabs dabei altersgereifte, entspannt rollende Grooves.

Handwerklich unfehlbar: Bob Mintzer von den Yellowjackets. Foto: Palma Fiacco

Handwerklich unfehlbar: Bob Mintzer von den Yellowjackets. Foto: Palma Fiacco

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Soll noch einer sagen, Jazz sei in Zürich nur eine Randgruppensportart wie, ­sagen wir: Curling, Schach oder Dressurreiten. Zumindest im November wird Zürich alljährlich zu einer Art Jazzstadt. Und auch jetzt jagen sich hier die blauen Töne des Jazz wieder – die beiden grossen, mehrtägigen Zürcher Jazzfestivals werden ausgerichtet: das Jazznojazz und das Unerhört-Festival, beide sind nun fast zwanzig Jahre alt.

Und gäbe es die beiden Festivals nicht, man müsste sie erfinden. Denn sie bedienen zwei ganz verschiedene Typen von Jazzfans: Das fast einwöchige Unerhört-Festival, das in drei Wochen startet, liebt experimentelle Jazztöne und will Humus für ein aktuelles, kreatives Jazzschaffen sein. Das Jazznojazz hingegen, vergangenen Mittwoch bis Samstag in der Gessnerallee spielend, möchte mit Jazz primär die Herzen der vielen, der ganz vielen erreichen. Jazz darf hier auch den Vergnügungsfaktor einer Party streifen und muss nicht mit Mehrheitsmeinungen kollidieren. Dieses Jahr hat der smarte Festivalchef Johannes Vogel wiederum mit goldenem Händchen in diese Richtung programmiert: Mehr als 9000 Personen besuchten eines oder mehrere der rund zwanzig Konzerte an den vier Jazznojazz-Abenden.

Was für ein Drum-Set!

Neben angesagten jungen Musikerinnen und Musikern wie Cory Henry, Kamasi Washington oder Cécile McLorint Salvant dienten am Jazznojazz vor allem Formationen als Publikumsmagnet, die ihre Wurzeln im Fusionjazz der 70er-Jahre haben. Da war am Donnerstagabend etwa Drummer-Held Billy Cobham, er hatte eine Wiederbesichtigung seines berühmten Albums «Crosswinds» von 1974 versprochen.

Und das wurde nun viel besser als erwartet. Noch immer ist zwar das Drum-Set von Cobham wie weiland in den Siebzigern furchterregend gross mit seinen sieben Toms, sechs Cymbals, der zweifachen Pauke. Und noch immer ist der 73-jährige Drummer-Tausendsassa zu fast jeglicher Virtuosität fähig, er, der doch beim Mahavishnu Orchestra schnellste ungerade 9/8-Metren ganz leichthändig trommelte. Doch will er Virtuosität überhaupt noch? Die Grooves im mittleren Tempo und im schlichten Viervierteltakt bevorzugt Billy Cobham heute weit mehr. Er präsentierte so einen unglaublich entspannt rollenden, einen gewissermassen altersgereiften Fusionjazz.

Am selben Abend dann Stanley Clarke, Kontrabassist und E-Bassist, Jahrgang 1951, berühmt geworden einst an der Seite von Chick Corea. Auch Clarke bot eine spezifische Spielart aus dem Fusion-Panorama: ein sehr jazziger Fusion mit hauptsächlich akustischen Instrumenten. Und natürlich, wer wollte das technische Können Clarkes bestreiten, dieses Schnellfingrigen? Doch zeigte sich hier auch eine Schattenseite des ­Fusion: der Leistungsfetischismus. Wo Clarke selbst von diesem Problem zumindest gestreift erschien, wurde der junge Pianist Beka Gochiashvili gleichsam zu seinem Opfer. Er raste wie ein Verrückter über die Klaviertastatur. Rauf, runter, rauf, runter. Runter, runter, rauf, rauf. Das war zu viel.

Optimistische Klangbilder

Ganz wunderbar dann wieder der Auftritt der Yellowjackets am Freitagabend. Seit 38 Jahren würde ihr Quartett existieren, betonte Saxofonist Bob Mintzer, und es lag nicht wenig Stolz in seiner Ansage. Auch hier waren handwerklich Unfehlbare am Werk wie bei Stanley Clarke – die vier Musiker definierten sich allerdings fast durchwegs in ihrem Verhältnis zum Gesamtensemble und nicht in der Zurschaustellung individueller Virtuosität. Die Band spielte sich durch jüngere und ältere Stücke – lichtdurchflutete, optimistische und nicht selten leise träumerische Klangbilder wie zum Beispiel in «Golden State».

Und wenn sie den Klassiker «Greenhouse» von 1991 brachten, zeigten die Yellowjackets eine weitere Facette der Fusionmusik auf: Dieses weiträumige Stück schlängelte sich durch ein komplexes Arrangement voller unterschiedlich funktionierender Teilabschnitte. Die Band interpretierte den Fusionjazz als ein hochgezüchtetes, in jeder Beziehung raffiniertes Genre: Das hatte einen tüchtigen Schuss Poesie, Lyrismus.

Fusion nochmals ganz anders dann am Samstagabend mit Blood, Sweat & Tears, der bereits in den Sechzigern fussenden berühmten Combo, bei der allerdings mittlerweile kein einziges Gründungsmitglied mehr mittut: Die neun Musiker boten Rock- und Bluesnahes. Und sie führten vor, dass Fusion nicht nur das Hoheitsgebiet ist von Keyboardern, E-Gitarristen und Schlagzeugern. Die Stunde der Bläser! Zwei an Trompeten, einer an der Posaune, einer am Tenorsaxofon liessen es knallen, bündelten ihre Energien in der Satzarbeit mit vielen hohen Spitzentönen.

So konnte man das diesjährige Jazznojazz als eine Art Seminar besuchen zur Frage, wie Fusion funktioniert. Die Zuhörer konnten erkennen, dass diese Musik über mehr Ansätze verfügt, als ihr – nicht immer nur guter – Ruf es glauben macht. Sie konnten auch erkennen, wie sehr diese Musik bis heute ein Publikum anziehen und im Konzert beglücken kann.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.11.2017, 23:13 Uhr

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