Tina taumelte – und erstieg den Pop-Thron

Tina Turner hatte «ein fürchterliches Leben». Doch die Sängerin kämpfte sich frei und wurde zum Superstar. Am Dienstag wird sie 80.

Wie hatte sie sich mit 80 vorgestellt? Tina Turner beantwortet die Frage per Geburtstagsgruss auf Facebook.


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Nutbush, Tennessee, ist kein Sehnsuchtsort. Dennoch weiss die Welt, wie es in diesem Ort am Highway 19 ausgesehen hat, als Anna Mae Bullock vor 80 Jahren geboren wurde, Jahrzehnte, bevor sie als Tina Turner zum Popsuperstar wurde. Dort gab es eine Schnapsfabrik, ein Schulhaus, ein Gefängnis, Toilettenhäuschen und eine Kirche, in der dann alle – die Baumwollfeldarbeiter wie die Knastbrüder – am Sonntag zur Predigt erschienen.

Tina Turner sang ihre Erinnerung an den Geburtsort und Ort ihrer Kindheit nicht als Ballade, nicht als Blues, denn mit ihrer unverletzlich wirkenden Stimme musste sie «Nutbush City Limits» als minimalen, scharfen Rock-’n’-Roll-Song performen und die Nutbush-Raumkoordinaten – «a church house gin house / a school house out house» – beinahe rausschreien.

Verewigt in der Rock-’n’-Roll-Geschichte: «Nutbush City Limits». Video: Tina Turner Timeline (Youtube)

«Nutbush City Limits» ist eine Erinnerung daran, woher Tina Turner stammt. Denn sie, die heute in Küsnacht am Zürichsee mit ihrem Ehemann Erwin Bach wohnt, in einem Haus mit dem klingenden Namen «Château Algonquin», hat ein «furchtbares Leben gehabt», wie sie unlängst der «New York Times» erzählt hat.

Zerstören konnte er sie nicht

Dieses furchtbare Leben: Es hängt vor allem mit einem Mann zusammen, mit dem sie «Nutbush City Limits» 1973 aufgenommen hat. Dieser Mann heisst Ike Turner. Der Rock-’n’-Roll-Pionier zwang ihr ihren Namen auf, weil sich Tina auf den Namen der Comic-Dschungelkönigin Sheena reimte, die Ike mochte. Und er kettete sie mit diesem neuen Namen, den er schützen liess, an sich.

«Er nannte mich ‹meine Million Dollar›. Er war davon abhängig, dass ich das Geld nach Hause brachte, mit dem er die Rechnungen bezahlte, und deshalb würde er mich nie gehen lassen», schrieb Tina Turner in ihren Memoiren «My Love Story», die vor einem Jahr veröffentlicht wurden. 1976, drei Jahre nach «Nutbush City Limits», das zu ihrem letzten gemeinsamen Hit wurde, flüchtete sie vor ihrem Drangsalierer. Denn Ike prügelte und erniedrigte sie, schleppte sie selbst in der Hochzeitsnacht in ein Puff und führte sie bis an den Rand des Suizids. Aber zerstören konnte er den Lebenswillen der Kämpferin Tina Turner nicht.

Einer ihrer grössten Songs: «River Deep – Mountain High». Video: Amajor 2002 (Youtube)

Kämpfen musste sie nicht nur gegen Ike Turner, sondern von früh an. Anna Mae Bullock war alles andere als ein Wunschkind; das Verhältnis zu ihrer Mutter war von Unverständnis geprägt, über Jahre hinweg lebte sie bei ihren Grosseltern. Sie fand aber Zuflucht in der weitläufigen Natur des Heimatortes, in der Musik und im Entertainment.

Und so ergriff sie als 18-Jährige das Mikrofon, als Ike Turner in St. Louis gastierte, wo sie damals lebte. 1958 setzte Ike «Little Ann» zunächst als Backgroundsängerin ein, 1960 erfand er dann die Ike and Tina Turner Revue, die zunehmend zur Tina Turner Show wurde, weil sie mit ihren Tänzen, ihren langen Beinen und ihrer raumfüllenden Stimme die Sensation auf den Showbühnen war.

Befreit von Ike: Tina Turner 1978. Foto: Getty Images

Ihre Stimme war damals aber nicht nur auf Kraft, auf Lautstärke und Ekstase getrimmt, auch wenn der wüste Begriff «Rockröhre», der von der deutschsprachigen Rockkritik nur zu gerne eingesetzt wird, mutmasslich wegen Tina Turner erfunden wurde. Dass sie damals auch anders singen konnte, ist in einer der grössten Aufnahmen ihrer Karriere zu hören.

Das war 1966, als sie bei Phil Spector – einem weiteren Monster der Popgeschichte – den Song «River Deep – Mountain High» eingesungen hat. Wie Tina Turners Stimme da sanft brilliert und nicht erdrückt wird von der orchestralen Wall of Sound des Produzenten; wie sie schliesslich triumphiert über den Chor und das Orchester, wenn sie die Grösse ihrer Liebe besingt, dann weist dies auch auf eine Unerschütterlichkeit hin, die sie nie aufgegeben hat, auch dann nicht, als ihre Karriere nach der Trennung von Ike in Trümmern lag. Damals, als sie pleite war, jahrelang niemand mehr mit ihr arbeiten wollte und sie als trauriger Act auf den Showbühnen Las Vegas unterzugehen drohte.

Wiedergeburt als globaler Popsuperstar: Tina Turners «Private Dancer». Video: Tina Turner Official (Youtube)

Aber es folgten die 80er, dieses seltsame Jahrzehnt, in dem Tina Turner zum Superstar wurde. Als «overnight sensation» wurde die bereits 45-Jährige gefeiert, als das Album «Private Dancer» 1984 zum Millionenseller mutierte. Es wurde behandelt, als stamme sie aus einem geschichtslosen Raum.

Aber die «neue» Tina Turner erschien ja auch als Popsängerin, die den schwarzen Soul und Rock ’n’ Roll fast ganz hinter sich liess, und nun auch Songs von David Bowie, mit dem sie eng befreundet war, oder Mark Knopfler interpretierte. Sie erschien auf der Kinoleinwand als Gegenspielerin von Mad Max und schmetterte mit «We Don’t Need Another Hero» die passende Heldenhymne, die nicht nur im Hollywoodactionkino keine Spur zu breit wirkte, sondern auch die Stadien ausfüllte.

«Ich hatte genug davon, alle anderen glücklich zu machen.»Tina Turner über ihr Karrierenende

Tina Turner lebte und liebte es wieder, das Showgeschäft. Sie zeigte ihre Beine, schüttelte ihre Perücken, die ihre ursprünglichen Haare schon seit den Tagen mit Ike verdeckten, zelebrierte den Sex, oder deutete ihn zumindest an, als sie sich 1985 bei Live Aid von Mick Jagger, der in den 60ern seine Tanzschritte von ihr klaute, den Minirock vom Leib reissen liess. Und kurz bevor dieses Jahrzehnt ein Ende gefunden hatte, sang sie den Song «The Best», jenen Siegerschlager, der in den Sportstadien fortan mit Queens «We Are the Champions» konkurrierte.

Wer hat die Tanzschritte erfunden? Tina Turner und Mick Jagger bei Live Aid. Video: Johanna Favorites (Youtube)

1993 wurde ihr Leben verfilmt, «What’s Love Got to Do with It» heisst das Biopic mit Angela Bassett als Tina, das alte Wunden entzündete, und ihre erlittene Pein an der Seite von Ike Turner auch einem nachgeborenen Blockbuster-Publikum vor Augen führte. Aber sie sang weiter, etwa den James-Bond-Song «Golden Eye» (1995), ging zur Jahrtausendwende auf eine erste Abschiedstour. 2009 zog sie sich nach einer zweiten Tour von den Bühnen definitiv zurück.

Dieses Leben im Rampenlicht vermisst Tina Turner nicht, sagte Tina Turner der «New York Times»-Reporterin» in Küsnacht noch. Denn: «Ich hatte genug davon, zu singen und alle anderen glücklich zu machen.» So inszenieren andere ihr Leben nach, schlüpfen andere in die Rolle dieser Rock-’n’-Roll- und Pop-Pionierin: Die Musical-Darstellerinnen dieser Welt, etwa derzeit am Broadway. Oder Beyoncé, deren Karriere ohne ein Idol wie Tina Turner nicht vorstellbar wäre.

Wenn Tina Turners anhaltende Präsenz eines zeigt, dann eben auch dies: Die Geschichte des Rock ’n’ Roll ist nicht nur eine männliche Heldengeschichte. Sondern sie fand ihre Dynamik auch durch afroamerikanische Frauen wie Anna Mae Bullock, die heute vor 80 Jahren in einem Nichtort wie Nutbush geboren wurde.

Rocklegenden gratulieren

Ronnie Wood von den Rolling Stones, Bryan Adams, Beatle Ringo Starr: Geburtstagsgrüsse per Video. Quelle: Facebook

Erstellt: 25.11.2019, 16:38 Uhr

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