Die Selbstüberschätzung des Dieter Bohlen

Was immer der Bohlen anfasst, es wird zu Gold. Doch wie ist ihm sein Live-Auftritt im Zürcher Hallenstadion gelungen?

Zu jedem Stück liefert Dieter Bohlen die entsprechende Chart-Position: Konzert in Köln. Foto: Henning Kaiser, Keystone

Zu jedem Stück liefert Dieter Bohlen die entsprechende Chart-Position: Konzert in Köln. Foto: Henning Kaiser, Keystone

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Nein, dieser Mann hätte nicht die geringste Chance. Würde er mit diesem Vortrag an einem televisionären Singwettbewerb vorstellig, er würde unter Spott, Schimpf und Schande nach Hause geschickt. Es klingt nicht so, als entweiche seine Stimme grazil seinem Seelenschlund, es klingt, als würde da etwas Stimmähnliches unangenehm aufstossen.

Der Mann auf der Bühne heisst Dieter Bohlen, er war mit seinem Duo Modern Talking der erfolgreichste deutsche Act der Achtzigerjahre, hat Hits geschrieben, mit denen man nächtelang Festzelte von Berchtesgaden bis Brunsbüttel bespassen könnte, und seit 2002 ist er der oberste Richter der deutschen Casting-Show «Deutschland sucht den Superstar».

In den Refrains retten ihn Playback und Background-Sänger.

Nun steht er also im bestuhlten und mit geschätzten 4000 Zuhörern beileibe nicht ausverkauften Hallenstadion selber hinter dem Gesangsmikrofon und röchelt sich mit Liveband durch ein Programm seiner goldigsten Melodien.

Man könnte von einer dunklen Stimmfarbe sprechen, wenn man dieses Frank-Zander-artige Hauch-Gebrummel genauer umreissen möchte, mit dem sich Dieter Bohlen durch die Strophen kämpft (in den Refrains retten ihn Playback und Background-Sänger). Der Juror Dieter Bohlen würde wohl drastischere Worte finden: «Wenn ich mir morgens einen Pickel ausdrücke, dann hat das mehr Power als deine Stimme», hat er einst einem Kandidaten beschieden. Eine Einschätzung, die sich problemlos auf seine Singstimme anwenden liesse.

«You can win if you want» heisst es im Refrain seines ersten Songs. Es stammt aus dem Aufschwungjahr 1985, doch der studierte Diplomkaufmann besingt hier nicht das Versprechen des Kapitalismus, er meint es – wie fast alles, was er singt – romantisch: Gewinnen kann, wer eine Romanze mit ihm eingeht.

Millionenseller aus dem Modern-Talking-Zeitalter

Im Hallenstadion tänzeln und klatschen mehrheitlich Menschen, deren Romanze mit Dieter Bohlen etwa in jener Zeit – Mitte der Achtziger – begonnen haben muss. Sie sind ihm offensichtlich bis heute treu geblieben, geben sich textsicher beim enthusiasmiert bejubelten Andrea-Berg-Beatrice-Egli-und-DJ-Ötzi-Schlager-Medley oder bei den dargebrachten DSDS-Siegertiteln. Und sie horchen gebannt seinen Backstage-Geschichten über die Pietro Lombardis, Mehrzad Marashis, Mark Medlocks oder wie all die Instant-Stars hiessen, die er erschaffen hat.

Der Rest sind die Millionenseller aus dem Modern-Talking-Zeitalter: «Cheri Cheri Lady», «Geronimo’s Cadillac», «Brother Louie», «You’re My Heart, You’re My Soul». Lieder, die man sich ja mal antun kann, wenn Umstände zusammenkommen wie süffige Alkoholika, vorgerückte Stunde, ein sehr uneitler DJ und eine Ansammlung von Menschen, die sämtliche Schamgefühle abgelegt haben. Das Muster: Gequietsche in Eunuchentonlage (Eigeneinschätzung Bohlen), unproblematische Beats und Melodien, die haarscharf an bereits Bekanntem vorbeischrammen.

Das hat Dieter Bohlen schon öfter Plagiatsvorwürfe eingebrockt, doch da er sich eher vorhandener Strukturen und Harmoniefolgen als ganzer Melodien bedient, blieb sein Tun bisher ungeahndet.

Auch auf Youtube geht man den Plagiatsvorwürfen gegen Dieter Bohlen nach. Video: Yotube

Zu jedem Stück liefert er die entsprechende Chart-Position, sofern es sich dabei um Toppositionen handelte. Das Sich-Aufbauschen ist ein alter Bohlen-Tick: Der nächste Song? «Ein Riesentitel.» Das letzte Konzert: «Natürlich alles ausverkauft.» Sein Instagram-Konto: «1, 4 Millionen Follower aus aller Welt.»

Die schärfsten Bodys und die geilsten Bräute laufen ja bekanntlich in Rio rum.»Dieter Bohlen

Und ja, man kann ihm tatsächlich zugute halten, dass er seit drei Jahrzehnten prima im Geschäft ist – ausser einiger ungünstiger Jahre in den Neunzigern. Während andere von seinem Schlag sich damit zufriedengaben, nur noch durch die einschlägigen Eighties-Nostalgiesendungen zu tingeln, kämpfte Bohlen weiter um Anerkennung.

Und er begann – zum Entsetzen der Literaturwelt – auch noch autobiografische Schundbücher zu schreiben. Natürlich ebenfalls höchst erfolgreich. Ein kleiner Auszug: «Siehe da: Zwei herzallerliebste kleine Williams-Christ-Birnchen, ready for pflücking» (über die Brüste von Nena). Oder: «Die schärfsten Bodys und die geilsten Bräute laufen ja bekanntlich in Rio rum» (über einen Sex-Trip nach Brasilien).

Der unverfälschte Juror

«TV Makes The Superstar» hiess die letzte Single von Modern Talking, bevor sich das fulminant behaarte Duo 2002 endgültig im Streit auflöste. Bohlen singt das Lied auch in Zürich, wohl auch, weil der Leitspruch sein Überleben in den Nullerjahren sicherte.

Zusammen mit dem Medienimperium Bertelsmann wurde nach Formaten gefahndet, die zur Popularitätsmehrung des Mannes beitragen sollten, der dem Betrieb schon so viele Millionen eingebracht hatte. Und Bohlen, der das Buch «Die Ökonomie der Aufmerksamkeit» mehr als einmal gelesen haben soll, lieferte auch im RTL-Casting-Format beeindruckend ab. Hier besetzt er – zumindest in den Augen seiner Fans – die Funktion des Unverfälschten, der sich zu sagen traut, was alle denken. Die Einschaltquoten sind formidabel.

Eine These in «Die Ökonomie der Aufmerksamkeit» ist die, dass sich ein Popstar nur dann durchsetzt, wenn er seinem Publikum vermittelt, selber in ähnlichem Masse glänzen zu können. Womit wir wieder beim ersten Song des Konzerts wären: «You can win if you want» ist eines der Lebensmottos des Herrn Bohlen. Ein anderes: «Ich würde auch fünf Kilogramm Hackfleisch in die Charts kriegen.»

Erstellt: 15.09.2019, 08:55 Uhr

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