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Domina im Irrenhaus

St. Vincent etabliert sich mit ihrem neuen Album endgültig als klügste Popkünstlerin der Gegenwart. Und gibt noch auf die behämmertste Frage eine clevere Antwort.

Hat sich für jedes ihrer Alben einen Archetypen ausgedacht: «Masseduction» von Annie Clark alias St. Vincent, sei eine «Domina in der Nervenheilanstalt, sexy, aber gerissen».
Hat sich für jedes ihrer Alben einen Archetypen ausgedacht: «Masseduction» von Annie Clark alias St. Vincent, sei eine «Domina in der Nervenheilanstalt, sexy, aber gerissen».
Nedda Afsari/Caroline International

Vielleicht einfach erst mal so herum: Nicht nur im Pop, aber da natürlich ganz besonders, lässt man sich ja mit allergrösstem Vergnügen schön für dumm verkaufen. Immer wieder. Und dann gleich noch mal. Weil: Man weiss schliesslich (oder ahnt es, aber das ist im Grunde dasselbe), dass das Schöne der Abglanz der Wahrheit ist. Also der Abglanz der einen grossen, allerletzten Wahrheit, die von ein paar Legionen fleissiger Geschäftsleute mit Glitzerkram und Showtreppe, mit Sexmäusen und Rocktrotteln, mit Basswumms und Synthie-Seen Tag für Tag aus den Nebelschwaden des kollektiven Unterbewusstseins ins Licht der grossen Monster-Playback-Show gehievt wird, die wir Gegenwart nennen. Worin die Wahrheit genau besteht, will am Ende aber natürlich doch niemand wissen. Man kann aber trotzdem nicht wegsehen. Wie bei einer Unfallstelle, an der man vorbeifährt.

Andererseits gibt es die 35-jährige amerikanische Songwriterin, Sängerin und Gitarristin Annie Clark alias St. Vincent, deren neues, sechstes Studioalbum «Masseduction» (Caroline International) nun erschienen ist. Für Popkünstler wie St. Vincent zählt vor allem erst mal der schöne Schein des Falschen, des Gespielten, des Aufgeführten, weshalb sie zuverlässig die einzigen sind, von denen ein paar nützliche Hinweise über obige Wahrheit zu bekommen sind, wenn man nur genau genug aufpasst, aber dazu später.

Bei einer Werbeveranstaltung zum Album in London wurde jeder, der mit ihr sprechen wollte, in eine rosa Holzbox geführt, in der sie den Kollegen vergnügt erklärte, dass das Gespräch in diesem Kasten selbstverständlich schon eine Performance sei, die Authentizität ihrer Musik dadurch aber nicht beschädigt werde. Hehe. An anderer Stelle bemerkte sie, dass sie sich für jedes ihrer Alben bislang einen Archetypen ausgedacht habe. Die 2011 erschienene Platte «Strange Mercy» sei «Desperate Housewife auf Pillen», der Archetyp des unbetitelten vorletzten Albums, für das sie mit einem Grammy ausgezeichnet wurde, ein «Near Future Cult Leader», ein künftiger Sektenführer, und «Masseduction» sei eine «Domina in der Nervenheilanstalt, sexy, aber gerissen.»

«Das Glas ist halb voll – mit Leere»

In allerfeinsten Schwindel geriet man dann, als man auf ihrem Instagram-Account in den vergangenen Wochen die kleinen Clips sah, in denen sie – vor knallgrünem Hintergrund aufrecht sitzend auf einem grünen Plastikstuhl – genauso aussah: wie eine gerissene Domina in einer Nervenheilanstalt. Zu strengem schwarzen Bob und pinkem Lippenstift trägt sie darin einen ebenso pinken Bleistiftrock, einen breiten schwarzen Gürtel und eine durchsichtige Latexbluse – und gibt auf die exemplarisch behämmertsten Fragen, denen Popstars so ausgesetzt sind, die exemplarisch cleversten Antworten. Freundlich, aber ehrfurchgebietend geistesgegenwärtig: Ob sie sich denn selbst googele? «Das ist die einzige Form von Masturbation, die ich nicht schätze.» Was für sie Verführung sei? «Verführung ist, wenn die Party-Einladung besser ist als die Party.» Was sie über Selfies denke? «Ich denke, dass es Selfies sehr viel leichter gemacht haben, narzisstische Persönlichkeitsstörungen zu diagnostizieren.» Und ist denn das Glas halb voll oder halb leer? «Das Glas ist halb voll – mit Leere.»

Die Verführung der Massen ist trotzdem selbstverständlich das Letzte, worum es auf "Masseduction" geht. Und das liegt schon an der Musik. St. Vincent ist zuletzt durch Werbung für die Schmuckmarke Tiffany sowie Beziehungen zum Supermodel Cara Delevingne oder dem Hollywoodstar Kristen Stewart zu einer gewissen Mainstream-Berühmtheit gekommen, als Künstlerin macht sie unbeirrt eigenwilligen Indie-Elektro-Pop in der Tradition der Talking Heads. Die übliche Strategie von Kolleginnen wie Lady Gaga oder Miley Cyrus, die zu ihren oft irrsinnig smarten und erstaunlich mutigen Inszenierungen meist den denkbar gewöhnlichsten Kirmes-Techno spielen, gibt es bei ihr nicht. Dafür ist sie als Musik-Künstlerin zu versiert und zu ambitioniert.

Das ungehörte Album in der Jahresbestenliste

So etwas wie einen klassischen Hit findet man deshalb auf dem Album nicht. Bis auf «New York» vielleicht, der hinreissend nüchternen Piano-Hymne auf den zweiten Versuch in der Liebe: «You're the only Motherfucker in the city / who can handle me». Jetzt unbedingt schon einer der Songs des Jahres. Das Übrige ist zwar nicht weniger klug, aber doch sperriger, und – wie etwa in «Happy Birthday, Johnny» – nicht selten fast einem Hörspiel mit einem sehr guten Soundtrack näher als einem Popsong.

Hier und da gab es deswegen schon die gemeine Vermutung, «Masseduction» werde wahrscheinlich in jeder Jahresbestenliste auftauchen, jedoch kaum tatsächlich angehört werden. Aber dieses Schicksal teilen im Zeitalter von Streamingdiensten wie Spotify, die praktische Playlists für jede Gefühlslage anbieten und das Album als von den Künstlern selbst kuratierte Kunstform längst marginalisiert haben, grundsätzlich sehr, sehr viele Alben. Womöglich fast alle.

Musikalische und intellektuelle Hakenschläge

Viel interessanter ist, wie sehr einen dieses Album, wenn man sich denn darauf einlässt, zwanglos dazu zwingt zu hören. Und eine Weile mit St. Vincent die Welt zu schauen, die des Entertainment-Wahnsinns Hollywoods etwa wie in dem eingebremsten Disco-Stampfer «Los Ageless» zum Beispiel: «In Los Ageless, the waves they never break / They build and build until you don't have no escape.» Oder die Welt der Lustschmerzen und Rollenspiele aller Art, wie im irritierend gestelzt funkigen «Savior». Man kann da in einem viel zu engen, an allen Ecken und Ende zwickenden Krankenschwester-Kostüm stecken, die Dinge vollkommen im Griff haben und doch nicht die Rettung sein wollen: «But I keep you on your best behavior / Honey, I can't be your savior.»

Diese Platte ist voller musikalischer und intellektueller Hakenschläge, die einem weniger die Beine locker machen als unwiderstehlich an den paar Drähten zwischen den Ohren sägen wollen. Und sei es mit der ein oder anderen kunstvoll geschrammelten Gitarren-Kakofonie, wenn es denn sein muss. Im Titelsong «Masseduction» lautet die Zeile dazu: «I can't turn off what turns me on», ich kann einfach nicht ausmachen, was mich anmacht. Es liegt etwas gespannt Nervöses über diesen Songs, dass man leicht als angestrengt empfinden kann. Eigentlich ist aber genau die nervöse Gespanntheit das Geheimnis. Pop, der es einem leichter als nötig macht, gibt es mehr als genug. Viel zu wenig dagegen Musik, mit der man eine Ahnung davon bekommt, wie die Dinge liegen könnten, wenn wir uns denn die Mühe machten, ihnen einmal mit leichter Hand schwer auf den Zahn zu fühlen.

Ach ja, und zur Frage der Wahrheit des Pop im Allgemeinen und dem Rest des Lebens im Besonderen sagt St. Vincent übrigens, dass es auf die richtige Mischung aus Unterwerfung und Ausgelassenheit ankomme: «Wer sich selbst zu ernst nimmt, wird nicht durchkommen.»

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