Dunkle Stimmen für weisse Nächte

Der Senegalese Faada Freddy und seine Mitsänger fegen mit einem exzellenten A-cappella-Konzert die Konkurrenten von der Bühne. Der vierte Tag des 40. Paléo-Festivals liefert einen Höhepunkt.

Überzeugte mit seiner Crew das Publikum in Nyon: Der 40-jährige 
Bandleader Faada Freddy.

Überzeugte mit seiner Crew das Publikum in Nyon: Der 40-jährige Bandleader Faada Freddy.

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Er hätte seine Kollegen in Schaffenskrisen getrieben, wären sie nicht mit eigenen Auftritten beschäftigt gewesen. Denn Faada Freddy und sein mitreissendes Begleitquintett haben mühelos demonstriert, wie sich mit einem Minimum an Instrumenten eine grösstmögliche Wirkung erzielen lässt. Genau genommen haben die Musiker und die eine Musikerin gar keine Instrumente mitgebracht. Ausser ihren Stimmen, dem Klatschen ihrer Hände und dem Beklopfen ihrer Körper. Mithilfe dieser anatomischen Instrumentierung setzen die sechs einen Höhepunkt am 40. Paléo von Nyon, direkter ausgedrückt: Sie fegen alle anderen von der Bühne.

Musik für Gott und Lenden

Der 40-jährige Bandleader, geboren als Abdoul Fatah Seck in der Küstenstadt Saint-Louis im Norden von Senegal, begann in den Neunzigern mit dem Trio Daara J, das den aus Amerika eingeschleppten Hip-Hop mit hart skandierten Reimen auf Wolof versah, der Verkehrssprache Senegals. Schon auf den frühen Aufnahmen hörte man Faada Freddys geschmeidige Soulstimme heraus; mit ihrer Hilfe begann er dann seine Solokarriere.

Orientierte sich vom Sprechgesang zurück an die Herkunft der schwarzen amerikanischen Musik, Gospel und Soul, der beschwörenden Musik für Gott und Lenden. «Gospel Journey», Freddys erstes, im Frühling erschienenes Soloalbum, fasst die musikalische Erkenntnis dieser Reise zusammen: stimmig, stimmend, stimmungsvoll: A cappella.

(Video: Youtube/Faada Freddy)

In Nyon im kleinen Nebenzelt, das «le détour» heisst, der Umweg, übertrifft der Sänger mit seinem Auftritt alle Erwartungen, die aus seiner Platte und den Pressebegeisterungen herausdrängten. Der Verzicht auf Begleitinstrumente bringt nicht nur die Virtuosität der Vokalisten klar zur Geltung, er legt auch die musikalischen Traditionen frei, welche die sechs mehrsprachig bedienen, zitieren, transzendieren und weiterdenken: im akzentfreien Englisch intonierter Soul und Rhythm ’n’ Blues, Elemente von Rap und Hip-Hop und traditionelle Gesangsweisen.

Bald gleitet der Vorsänger in eine Ballade, dann wieder ahmt er das Zischen, Rollen und Klopfen eines Schlagzeugers nach, steigert sich ins Falsett, schreit und juchzt, wimmert und stöhnt und tanzt dazu, als treibe die Musik den Körper an und nicht umgekehrt. Ein bisschen rauer hätte man sich die Interpretationen noch gewünscht, man hört ihnen das Bemühen um internationale Gefälligkeit etwas zu deutlich an; aber das bleibt Kritik auf sehr hohem Niveau.

Das Muskelspiel von Ben Harper

Während der eine sich von den Mitsängern im kleinen Zelt befeuern lässt, fährt der andere auf der grossen Bühne eine gut bestückte, perkussiv verstärkte Begleitband auf. Die Mittel unterscheiden sich, die Auftritte gleichen sich in der Qualität. Denn auch Ben Harper und seine Innocent Criminals gaben ein überzeugendes Konzert. Der multikulturelle Kalifornier mit indianischen, afroamerikanischen und jüdischen Wurzeln begann als Folksänger, der sich mit traditionellen Saiteninstrumenten wie Dobro begleitete.

(Video: Youtube/Faada Freddy)

Im Lauf der Zeit eignete er sich Elemente von Funk, Blues und Reggae an, die seine Songs zunehmend bestimmten und auch seinen Auftritt grundieren. Harpers musikalisches Talent als Multiinstrumentalist und Songschreiber ist unbestritten, es ist eher seine Persönlichkeit, die stören kann. Der 45-Jährige, die Verehrung seiner Fans bestätigt es, neigt zum Messianischen, es drohen Pathos und Selbstgefälligkeit. An diesem Konzert behält er beides unter Kontrolle und konzentriert sich auf die Musik, sie klingt muskulös und sprungbereit, panthergleich: So gut hat man ihn schon lange nicht mehr gehört. Zwei Konzerte, zwei Kontraste, zwei Kulminationen: Darum geht man ans Paléo, darum kehrt man nach Nyon zurück. Immer wieder.

Erstellt: 24.07.2015, 15:04 Uhr

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