Bob Dylan im Hallenstadion – der Wüste lebt

Seine Stimme ist verloren. Trotzdem gab Dylan gestern in Zürich sein bestes Schweizer Konzert seit Jahren.

Will er sein Zeug wirklich bis zum letzten Tag aus sich herauskratzen? Bob Dylan 2012 während eines Konzerts in Spanien.

Will er sein Zeug wirklich bis zum letzten Tag aus sich herauskratzen? Bob Dylan 2012 während eines Konzerts in Spanien. Bild: Domenech Castello/Keystone

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Warum tut er sich das noch an? Warum tut er uns das an? Warum tun wir uns das an? Diese drei Fragen kreisen über den Auftritten von Bob Dylan wie Geier über einem sterbenden Kojoten. So geht das seit Jahren. Sollte er 90 Jahre alt werden, schrieb er einmal, man würde ihn wahrscheinlich auf einer Bühne antreffen. Er meinte es als Versprechen. Es stellte sich als Drohung heraus. Will er sein Zeug wirklich bis zum letzten Tag aus sich herauskratzen?

Jedenfalls ist er wieder da, und wir sind es auch. Seine Schweizer Konzerte der letzten Jahre waren im besten Fall langweilig (wie in Basel), oder sie klangen schauderhaft (wie in Montreux). Der letzte gute Auftritt von ihm gelang an einem Open Air im luzernischen Sursee. Das war im Sommer 2011.

Der letzte gute Auftritt: Sursee, 2011. Foto: Urs Flüeler, Keystone.

Das Hallenstadion ist anständig gefüllt, wobei die oberen Reihen abgedeckt sind. Zu zahlreich sind die Zuschauerinnen und Zuschauer, die seine Stimme nicht mehr vertragen, und man kann es ihnen nicht verdenken. Er singt nur noch approximativ, kriegt manchmal nicht mehr als ein paar Zeilen hin, dazu wimmert er fahrig auf seinem Keyboard. Jeden anderen Sänger würde man für eine solche Darbietung von der Bühne treten. Er darf, weil er kann. Seine Fans sehen ihm alles nach.

Und so beginnt auch das anderthalbstündige Konzert: Mit zwei Songs, bei denen man ihn fast nicht hört und darum froh ist. Schrecklich, genau wie befürchtet. Als man ihn schon aufgeben will, spielt seine exzellente Band eine federnde Version von «Highway 61 Revisited», und er singt wieder, als würde ihm die Musik etwas bedeuten. Und diese Spannung, diese Präsenz und Konzentration hält er fast das ganze Konzert durch. Man fragt sich gelegentlich, schafft er diesen Song noch, aber man langweilt sich nicht mehr. Es geht ihm wieder um etwas.

Video: «Highway 61» Der erste gelungene Song des Konzerts. Quelle: Youtube/Elston Gunn

Machen wir uns nichts vor: Seine Stimme ist verloren. Das merkt man gerade jetzt wieder, da die unveröffentlichten Aufnahmen aus seiner religiösen Phase in einer Grossedition herausgekommen sind. Damals war er von Gott ergriffen und sang wie ein Verrückter. Heute klingt er wie eine Ruine, bei der man sich den ganzen Tempel dazudenken muss.

Trotzdem bietet der Auftritt vom Mittwoch mehrere Momente von einer Intensität, die man ihm nicht mehr zugetraut hätte. Dazu gehören die drei Stücke aus seiner letzten Platte mit eigenen Liedern, «Tempest» von 2012, allen voran «Pay in Blood», ein Stück, das erst in dieser Aufführung sein Potenzial realisiert.

Video: «Duquesne Whistle» Ein Song von Dylans letzter Platte «Tempest». Quelle: Youtube/Bob Dylan

Dazu gehört eine völlig umarrangierte Version von «Tangled up in Blue», das er in den letzten Jahren kaputtgesungen hat. Dazu gehören schliesslich die innig vorgetragenen Lieder aus dem Great American Songbook, darunter «Melancholy Mood» und «Once upon a Time».

Video: «Tangled Up in Blue» In den letzten Jahren kaputtgesungen, gestern von unterwarteter Intensität: «Tangled up in Blue». Quelle: Youtube/Bob Dylan

Am meisten gefällt aber nicht, was er singt, sondern wie er spielt. Dylan begleitet seine Band mit einem Gospelpiano, das er bei Gelegenheit zu schnell gehämmerten Akkorden beschleunigt. Er steht und spielt hinter dem Flügel, und man muss an seinen Berufswunsch denken, den er in der Schule hinschrieb: Begleitmusiker zu werden von Little Richard.

Das Allerschönste an diesem Abend ist seine Mundharmonika: Er spielt sie nicht ein einziges Mal.

Erstellt: 12.04.2018, 08:04 Uhr

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