Echo-Preis? Wollen wir nicht mehr

Nach der Auszeichnung der Rapper Farid Bang und Kollegah geben diverse Musiker ihre Echos zurück. Andere protestieren - darunter Sophie Hunger.

Als «katastrophal» bezeichnete Sophie Hunger (hier bei der Verleihung des Schweizer Musikpreises 2016) die umstrittene Echo-Vergabe.

Als «katastrophal» bezeichnete Sophie Hunger (hier bei der Verleihung des Schweizer Musikpreises 2016) die umstrittene Echo-Vergabe. Bild: Keystone

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Bislang war der Echo eine renommierte Auszeichnung in der Musikbranche, doch nach der Würdigung für die umstrittenen Rapper Kollegah und Farid Bang nehmen Preisträger Abstand.

Als erste gaben die jungen Musiker des Berliner Notos-Quartetts den Preis zurück, den sie letztes Jahr als Nachwuchskünstler erhalten hatten: Der Echo sei nun «nichts mehr als ein Symbol der Schande», schrieben sie auf Facebook. Es folgte Klaus Voormann, Freund und Wegbegleiter der Beatles, der am Montag den Echo für sein Lebenswerk zurückgab. «Was sich für mich als Geschenk anlässlich meines 80. Geburtstags anfühlte, entpuppt sich nun als grosse Enttäuschung», teilte der Musiker und Grafiker mit. Und auch der Pianist Igor Levit distanziert sich von der Auszeichnung, die er 2014 erhalten hat.

Peter Maffay fordert Rücktritt

Am letzten Sonntag hat bereits die Schweizer Sängerin und Songwriterin Sophie Hunger in den sozialen Medien kritisiert, der Entscheid des Beirats sei «katastrophal». Mit einem Preis gebe man zum Ausdruck: «Das ist richtig, das ist gut, das ist das Beste», schrieb sie in einem offenen Brief an die Ethikkommission, die beschlossen hatte, die beiden Rapper trotz offenkundig antisemitischer Texte zur Echo-Verleihung zuzulassen. Der Sänger Peter Maffay forderte die Verantwortlichen zum Rücktritt auf.

Auch andere Musiker und Kulturschaffende machten ihrem Unmut Luft, was den deutschen Verband Musikindustrie dazu veranlasste, das Konzept des Preises zu überarbeiten. Auf der Facebook-Seite des Preises hiess es von den Veranstaltern am Montagabend: «Wenn im Zuge der aktuellen Diskussion Künstler entscheiden, ihren Echo zurückzugeben, bedauern wir das zutiefst, müssen diese Entscheidung aber natürlich respektieren. Wir hoffen, dass die Künstler trotzdem die Debatte mit uns weiter führen, in der es um mehr als um diesen Musikpreis geht.»

Grund für den Proteststurm ist das Album «Jung, Brutal, Gutaussehend 3», für das die beiden Rapper am Donnerstagabend mit einem Echo gewürdigt worden waren. Es wird als antisemitisch kritisiert – wegen Textzeilen wie «Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen» und «Mache wieder mal ’nen Holocaust, komm’ an mit dem Molotow». Der Echo orientiert sich unter anderem an den Verkaufszahlen.

«Menschenverachtende Brutalität»

«Was muss passieren, dass ein Echo-Ethikrat Konsequenzen ergreift und eine Nominierung trotz Megaumsätzen eines Albums aus ethischen Gründen ablehnt?», fragte Voormann deshalb: «Provokation ist erlaubt und manchmal sogar notwendig, um Denkanstösse zu geben»; aber die Grenze zu menschenverachtenden, frauenfeindlichen, rassistischen, antisemitischen und gewaltverherrlichenden Äusserungen und Taten dürfe nicht überschritten werden.

Auch Rocksänger Wolfgang Niedecken, der Voormann den Echo überreicht hatte, richtet scharfe Vorwürfe an die Echo-Veranstalter. Man habe ihn und Voormann bei der Verleihung der Musikpreise «ganz einfach ins Messer laufen lassen», schrieb der BAP-Musiker auf Facebook.

Niedecken erklärte, er habe die Texte der Rapper nicht gekannt. «Beim vorletzten Show-Act wurden wir dann mit der menschenverachtenden Brutalität der beiden Schein-Musikanten konfrontiert, allerdings ohne irgendetwas von deren Gebrabbel zu verstehen. Textverständlichkeit: Fehlanzeige. Und dann standen auch schon unsere beiden Gitarren auf der Bühne und ich musste blitzartig entscheiden, wie ich mich adäquat verhalten sollte.»

Campino mit Heiligenschein

Bei der Preisverleihung am Donnerstagabend – dem Holocaust-Gedenktag in Israel – hatte unter anderem Campino, der Sänger der Toten Hosen, auf der Bühne Stellung bezogen. «Wenn es um frauenverachtende, homophobe, rechtsextreme und antisemitische Beleidigungen geht», sei für ihn die Grenze überschritten. Trotzdem wurden die Rapper später ausgezeichnet. Unter lauten Buhrufen und Pfiffen zeigte Kollegah eine Karikatur Campinos, mit Heiligenschein. (SDA/suk)

Erstellt: 17.04.2018, 14:10 Uhr

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