Baschi-Bashing

Auf seinem neuen Album «1986» lässt sich der Sänger von Pop-Promis dissen. Kommt das gut? Zeit für einen Hausbesuch.

Hat das Gefühl, dass er etwas hinter sich lassen könnte: Baschi in seinem Studio in Möhlin. Foto: Fabienne Andreoli

Hat das Gefühl, dass er etwas hinter sich lassen könnte: Baschi in seinem Studio in Möhlin. Foto: Fabienne Andreoli

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Baschi lässt sich beschimpfen. Einem wie ihm, der landläufig als Rebell, als «James Dean des Schweizer Pop» gilt, darf man alles anhängen: «Schlampe» oder «Wichser» beispielsweise; und im Bett sei er ohnehin nur ein kleiner Specht, der seinen letzten Grosserfolg vor zwölf Jahren mit dem Fussballklassiker «Bring en hei» verbuchen konnte. «Liebi, Sex und Geld», kurz «LSG»: Daraus bestehe die Welt von Baschi. Doch der Baselbieter benötigt für diese Tirade nicht einmal seine Kritiker. Vielmehr hat er dazu Schweizer Pop- und Pop-Halbpromis – von Büne Huber über Viola Tami bis hin zum verwegenen Knöppel-Sänger Jack Stoiker – eingeladen, die im Eröffnungsstück seines neuen Albums «1986» dem Baschi-Bashing genüsslich nachkommen.

Natürlich stellt sich da die Nachfrage: Ist der Song «LSG» noch entwaffnende Selbstironie oder schon kommerzielles Kalkül, um wieder einmal eine lässige Schlagzeile zu landen? «Ihr traut mir zu viel zu», antwortet Baschi dann und weist darauf hin, dass diese Nummer kein Resultat von stundenlangen Marketingmeetings gewesen sei. Sondern eine schnelle Idee, auf die alle angesprungen seien.

Star für die Post-Gölä-Ära

Als er das erzählt, sitzt dieser Baschi, der eigentlich Sebastian Bürgin heisst, barfuss vor der Direktorenvilla im Bata-Park am Rande der Aargauer Gemeinde Möhlin: Dort, wo er mit seinem Geschäftspartner das Studio Rebel Inc. betreibt. Er ist an diesem Spätsommermorgen – einen Tag vor seinem 32. Geburtstag – verkatert, und sein zerknitterter Blick schweift über den Garten mit dem knietiefen Pool. Man könnte hier prima eine Swiss­miniatur-Version der Reality-Show «MTV Cribs» drehen, jener US-Serie, in der Rap- und Möchtegern-Rapstars ihre üppigen Bling-Bling-Anwesen präsentieren.

Die Kameras würden in Baschis Welt wohlausgestattete Aufnahmeräume einfangen, Platin-Schallplatten sowie den Prix-Walo-Award abfilmen, und vielleicht würden sie auf jene Auszeichnung zoomen, die an seine Teilnahme in der ersten «Music Star»-Staffel erinnert, wo er als 17-Jähriger entdeckt wurde. Dort, wo alles angefangen hat.

Auf diesen lockeren Kerl hat 2003 ja wirklich niemand gewartet. Und doch kam er genau zur rechten Zeit.

Warum hängt diese noch an der Wand? «Nostalgie», sagt Baschi auf der Haustour. Er erinnert sich dann an all jene, die so verbissen um den Titel gekämpft haben – und wer hats geschafft, wer hat diese Zeit überlebt? «Dr Baschi».

Auf diesen lockeren Kerl hat 2003 ja wirklich niemand gewartet. Und doch kam er genau zur rechten Zeit: Mit seinem Gitarrenmundartpop, der die grösstmögliche Menschenmasse anzusprechen versucht, war Baschi die ideale Figur für das an­brechende Post-Gölä-Zeitalter. Denn er kannte keine Berührungsängste, er liess sich aber auch nicht vereinnahmen, nicht einmal von jenen Swissness-Kräften, denen er mit dem Titel seines Erfolgsalbum «Fürs Volk» eigentlich eine Steilvorlage geliefert hatte. Ganz zu schweigen von «Bring en hei», dieser patriotischen Melodie schlechthin. Baschi, der sich als «einfach gestrickter Mensch, der das Wahnsinnige sucht» beschreibt, blieb als Figur stets eine Spur zu verspielt, zu unberechenbar. «Ich bin kein Trauffer», sagt er lapidar – und grenzt sich so vom derzeit so erfolgreichen Heimatpop-Musiker ab.

«Baschi - Wenn dWält 1986». Video: Youtube/BaschiVEVO

Seine Stimme, die einen gewissen Wiedererkennungswert hat, half Baschi dabei zweifellos. Es ist eine Stimme, die Zigaretten und Alkohol kennt und auch das süsse Draufgängertum zelebriert. Eine, die keine Angst hat, Texte voller Pathos zu singen, die auch auf seinem neuen Album keine Klischees auslassen. Wenn man ihn dann auf Passagen wie «Du bisch perfekt wie en zuckersüesse Kuss» hinweist, muss Baschi selber lachen. «Ich kann mich nicht verstellen. Ich habe meinen Wortschatz, ich kann kein Instrument perfekt spielen.»

Und überhaupt: Solange solche Zeilen ihn und seine Fans berühren, was soll daran schlecht sein? «In Gottes Namen», seufzt Baschi dann. «Es ist nun einmal so passiert, dass es Leute gibt, die meine Musik gernhaben.» Seine Kunst stelle er ja nicht als das Allergrösste dar, auch wenn er auf seiner neuen Platte einige «Seelenstrips» aufführe, beispielsweise im Song «Liverpool», den er einem verstorbenen Freund widmet.

Gefangen in der Schweiz

Baschi im Jahr 2018 ist aber auch einer, der leicht ins Hadern kommt. Denn der kleine Schweizer Markt, dessen Grenzen er bereits 2011 mit seinem kom­merziell erfolglosen Hochdeutsch-Album «Auf grosser Fahrt» sprengen wollte, kann es für ihn nicht gewesen sein, oder? «Die Träume von der Karriere im Ausland sind nicht begraben», sagt der offenherzige Baschi dann, «das schlummert schon in mir.» Und auch wenn das jetzt von aussen alles so toll aussehe – das Studio, die Poolpartys, die Tochter von Ex-Fussballstar Günter Netzer als Freundin («ausgerechnet!», ruft er selbstironisch aus) –, gebe es auch die anderen Seiten: «Man fährt alleine im Auto heim, hört DRS 1, geht in die Wohnung, macht die Tür zu, und sieht zuerst den Siff, weil du seit zehn Tagen nicht mehr zu Hause warst.»

«Ich bin kein Trauffer», sagt Baschi. Foto: Fabienne Andreoli.

Selbst ihn trifft jenes Schicksal, das so viele Schweizer Popmusiker vereint: jenes, dass man sehr rasch alles gesehen hat und nur noch im Loop lebt. «Eigentlich bewegt sich mein Leben im verdammten Halbkreis zwischen Basel, Möhlin und Zürich, und richtig Neues erlebt man hier nicht mehr.»

Wie wäre es denn mit einem Ausbruch, und sei es nur, den radiooptimierten Pop, der den Ton auch auf «1986» bestimmt, einmal links liegen zu lassen? «Nach 15 Jahren in dieser Maschinerie, nach acht Alben, habe ich schon das Gefühl, dass ich etwas hinter mir lassen könnte.» Aber eben, sagt Baschi ernüchtert, die nächste Steuerrechnung muss ja auch bezahlt werden.

Baschi: 1986 (Universal) (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.09.2018, 07:03 Uhr

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