«Ein trauriges Statement über Europa»

Ostblock-Mafia, Schweizer Katzenjammer und melkende Polinnen: Historiker Dean Vuletic über versteckte politische Botschaften am Eurovision Song Contest.

«We Are Slavic»: Polnischer ESC-Beitrag aus dem Jahr 2014.

«We Are Slavic»: Polnischer ESC-Beitrag aus dem Jahr 2014.

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Wer gewinnt den diesjährigen Song Contest?
Die Wettbüros sagen Russland oder Frankreich. Russland hat ganz einfach viel investiert, der Song ist im Dance-Pop-Stil und auf Englisch gesungen. Und Frankreich ist nach den Terroranschlägen politisch opportun, zumal der Sänger israelische Wurzeln hat.

Russland kann auf die Stimmen von anderen osteuropäischen Ländern zählen. Aber Frankreich hat keine Nachbarslobby.
Die sogenannten Voting-Blocks spielen keine grosse Rolle mehr, das wird gerne übertrieben. Natürlich stimmen gewisse Nachbarländer füreinander. Aber es ist nicht entscheidend – sonst hätten wir ja immer die gleichen Gewinner. Zudem wurde das Wahlsystem in den letzten Jahren verbessert. Der Vorwurf des Block-Votings sagt mehr über die geopolitische Situation des Absenders aus als übers Abstimmungsverfahren.

Der Australier Dean Vuletic hat in den USA Geschichte studiert. Er lehrt und forscht derzeit an der Universität Wien über die Geschichte und Bedeutung des Eurovision Song Contest.

An welche Länder denken Sie?
In Österreich jammerte man lange, das Land habe keine Freunde in Europa und so keine Chance am Song Contest – bis Conchita Wurst gewann. Das war sehr aufschlussreich und zeigte, wie man als Österreicher die eigene Position in Europa empfindet. Unter Kanzler Bruno Kreisky wurde Österreich eine «Insel der Seligen» genannt. Tatsächlich fühlen sich immer noch viele Österreicher von Staaten umgeben, mit denen man in der Vergangenheit problematische Beziehungen hatte: Deutschland, Italien und die slawischen Nachbarn.

Die Schweiz jammert ähnlich, hat allerdings keine traumatische Vergangenheit mit seinen Nachbarn. Liegt das am Euroskeptizismus? In England mokiert man sich ja auch gerne über den ESC.
Im Fall von England liegt dies eher an einer Art postkolonialer Melancholie, die natürlich mit Skepsis gegenüber Europa einhergeht. Interessanterweise gibt es aber keine generelle Korrelation zwischen fehlender ESC-Begeisterung und Euroskeptizismus. Nehmen wir ­Island: Über 90 Prozent der Einwohner gucken den ESC, aber das Land hat seinen Antrag auf EU-Mitgliedschaft zurückgezogen. Und was den Schweizer Katzenjammer angeht: Ihr habt einfach schon lange nicht mehr gewonnen!

Viele Schweizer beklagen das öffentlich-rechtliche Engagement beim Song Contest: wieso Gebühren für eine Kitschshow zahlen?
Schon in den Anfangszeiten des Contest gab es Diskussionen, ob man ihn wegen der zunehmenden Kommerzialisierung weiterführen soll. Tatsächlich kollidiert diese mit dem Service-public-Gedanken. Auch Conchitas Darbietung, allenthalben als politischer Akt gefeiert, war in erster Linie Eigenwerbung, woraus sie auch nie einen Hehl machte. Ich persönlich denke auch, dass man den Contest weniger kommerziell gestalten sollte; vielleicht würde so auch das­ musikalische Niveau wieder steigen. Doch der Trend geht in die andere Richtung. Heute finanzieren einige Kandidaten sich gar selber, ohne jede vorherige Mitsprache des Publikums. Diesmal etwa Kroatien oder San Marino: rein kommerziell ausgerichtete Projekte, natürlich auf Englisch gesungen, weil man auf den internationalen Markt abzielt.

Der Song Contest wurde zehn Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs gegründet, um Europa über Musik zusammenzubringen – ausgerechnet über einen Konkurrenzwettbewerb.
Ja, das ist ein Paradox. Ich glaube auch nicht, dass der ESC das Gefühl einer «europäischen Identität» herstellt, wie die Veranstalter sich das wünschen: ein idealisiertes, multikulturelles Bild der europäischen Realität. Der Contest mag eine gemeinsame kulturelle Referenz darstellen, aber letztlich geht es um die einzelnen Länder. Der Song Contest festigt in erster Linie nationale Identitäten. Gerade jungen Staaten dient er als diskursives Werkzeug, um den Platz in Europa zu definieren.

Festigt der Contest sogar nationale Klischees?
Absolut. Nur schon wegen des Zeit­faktors: Die Länder haben nur ein paar Minuten, um sich zu präsentieren. Die Botschaft muss also schnell und knapp vermittelbar sein. Nicht zufällig haben sich immer wieder autoritäre Regimes den Song Contest zunutze gemacht. Francos Spanien hat viel in den Sieg 1968 investiert, um sich im Jahr darauf als Contest-Gastgeber der Welt als boomendes Tourismusland präsentieren zu können. Ähnlich das kommunistische Jugoslawien, das sich dem Westen über den Contest als «westlichster» kommunistischer Staat präsentieren wollte. Aserbeidschan oder Putins Russland sind weitere, aktuelle Beispiele.

Folgt auch die westliche Entrüstung nach Ost-Siegen, zum Beispiel nach dem Sieg Aserbeidschans 2011, einem Vorurteil: hier der zivilisierte Westen, dort der tribalistische und korrupte Osten?
Wahrscheinlich stimmt das. Doch das ist das Tolle am ESC – man kann mit diesen Klischees spielen, wie es osteuropäische Beiträge in den letzten Jahren taten. Etwa Polen, als es melkende Blondinen auf die Bühne schickte. Das war eine clevere Kritik der nach wie vor bestehenden westlichen Vorurteile über slawische Frauen und das rurale Polen sowie die kommunistische Vergangenheit.

Wann sind politische Botschaften am ESC erfolgreich?
Wenn es subtile Botschaften sind, die verschieden interpretierbar sind. In den frühen 60er-Jahren gewann Jean-Claude Pascal mit «Nous les amoureux», einer scheinbar harmlosen Ballade. Später ­bestätigte er, dass der Song eine homosexuelle Botschaft transportierte. Wenn die politische Botschaft offensichtlich ist und dazu noch national ausgerichtet, schneiden die Songs schlecht ab. So wie die Songs, die Portugal in den 70ern ins Rennen schickte, oder jene, die die Kandidaten aus Bosnien und Kroatien in den 90ern über den Krieg sangen.

Die Politik vieler europäischer Länder dreht in Richtung nationalkonservativ. Zeigt sich dies am ESC?
Ja, die Fernsehsender aus diesen Staaten präsentieren Lieder, die Beschönigungsbilder von ihren Staaten als friedlich und tolerant fördern. Wie die Lieder aus Russland und Ungarn im vergangenen Jahr.

Was sagt der ESC über das heutige Europa aus?
Dass es sehr wirtschaftlich funktioniert. Das zeigt sich etwa darin, dass man Australien nun zum zweiten Mal auftreten lässt. Dabei müsste man doch zuerst ­gucken, wie man mit Kosovo umgeht. Wieso erlaubt man dem Staat nicht, am ESC teilzunehmen? Nun, weil Australien ein grosser TV-Markt ist und zudem das Sprungbrett in den noch grösseren asiatischen Markt darstellt. Was für ein trauriges Statement über das heutige Europa.

Geht es am Contest überhaupt um Musik?
(lacht) Ein bisschen.

Politik im Trockeneis: Tagesanzeiger.ch/Newsnet begleitet das heutige ESC-Halbfinale, wo die Schweiz antritt, mit einem Live-Ticker. Ab 21 Uhr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.05.2016, 10:07 Uhr

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