Der Hillbilly in ihm

Rockmusiker Jesse Hughes musste mit ansehen, wie Terroristen seine Fans töteten. Nun empfiehlt er Schusswaffen für alle – eine mörderische Logik.

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Sie sind nach Paris gekommen, um ihr Konzert zu Ende zu spielen. «Niemand wird uns verdammt noch mal aufhalten heute», schreit Jesse Hughes, Sänger und Gitarrist der US-Rockband Eagles of Death Metal, am Dienstagabend von der Bühne. Draussen auf der Strasse sind Sicherheitskräfte und Reporter, im Saal stehen Seelsorger bereit.

Todesfälle im Publikum sind das Schlimmste, was einem Musiker im Konzert geschehen kann. Die Fans zahlen Geld, um sie spielen zu hören – und werden im Gedränge erdrückt. Für die Eagles of Death Metal war das Grauen beispiellos: Als sie am 13. November im Pariser Club Bataclan auftraten, stürmten Islamisten den Saal und exekutierten 89 Anwesende mit Maschinenpistolen. Ein Blutbad. Die Band entkam, doch ihr T-Shirt-Verkäufer starb. Mit all den anderen.

Jesse Hughes (43) gibt sich als Redneck-Rocker. Bunte Tattoos, Südstaatenschnauz, Hosenträger, Zigarette im Mund. Das ist nicht komplett ernst gemeint; schon der Name seiner Band ist ja ein Witz, ausgedacht 1998 in einer Bar in Kalifornien. «Wir malten uns aus, wie es klingen sollte: Dance Rock 'n' Roll», sagten er und sein Bandkollege Josh Homme dem Magazin «Rolling Stone». Ihre Musik macht gute Laune, hat mit Metal nichts zu tun.

Das Publikum kam unbewaffnet

Doch das Massaker im Bataclan hat Hughes verwundet. Vor kurzem gab er einem französischen TV-Sender ein Interview; es zeigte einen gebrochenen Mann. «Ich schlafe gut», sagte er schluchzend, es schüttelte ihn. «Aber wenn ich wach bin, sehe ich Dinge, Albträume.» Hughes ist traumatisiert von der Gewalt, die ihm und seinen Fans widerfahren ist. Er kann einem leidtun.

Um die Welt gingen dann aber seine Aussagen über Waffen. Hughes hatte schon vor dem Anschlag gern erklärt, seine Hillbilly-Pose sei nicht nur Koketterie: «Ich bin wirklich konservativ, Mann.» Er hat ein Faible für Marihuana, aber vor allem für Jesus und Schusswaffen. Daran hat auch Paris nichts geändert. Im Gegenteil. «Haben eure französischen Waffengesetze auch nur eine einzige verdammte Person im Bataclan vor dem Tod bewahrt?», fragte er im TV-Interview.

Nein, was die Sache gestoppt habe, seien mutige Menschen mit Waffen gewesen: «Bis zu dem Zeitpunkt, da niemand mehr Waffen trägt, sollten alle Waffen tragen.» Damit spricht Hughes der US-Waffenlobby nach: Wären die Schüler in Newtown und Columbine bewaffnet gewesen, so wären die Amokläufer aufgehalten worden. Eine mörderische Logik. Dass Hughes sie unter Tränen vertritt, macht sie nur unheimlicher.

Das Publikum kam am Dienstag unbewaffnet. Am Eingang des Konzerthauses Olympia waren Metalldetektoren angebracht – das Bataclan wird noch bis Ende Jahr renoviert. Alle Überlebenden des Anschlags durften gratis hinein. Etliche kamen; auch sie wollten diesen Abend irgendwie zu Ende bringen. «Ich liebe euch alle», schrie Jesse Hughes weinend ins Publikum. Auf sehr entwaffnende Art.

Erstellt: 17.02.2016, 15:43 Uhr

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