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Eine Stimme für die Grenzgänger

Erst hat er Wirtschaft studiert, nun gilt der Bariton Benjamin Appl als Hoffnung des Liedgesangs. Nächste Woche bringt er sein «Heimat»-Programm ins Zürcher Kaufleuten.

Testet seine Möglichkeiten in alle Richtungen aus: Benjamin Appl. Foto: Sony Music
Testet seine Möglichkeiten in alle Richtungen aus: Benjamin Appl. Foto: Sony Music

Heimat: Das ist für Benjamin Appl Brahms’ Wiegenlied, das ihm seine Mutter einst gesungen hat, oder «Home, Sweet Home». Das ist Regensburg, wo er 1982 geboren wurde, aber auch England, wo er studiert hat und heute lebt. Heimat ist Klang und Geografie für den Bariton, sie wird definiert durch Orte und Menschen und Lieder, die ihm wichtig waren und immer noch sind. Und sie findet sich neuerdings auch auf einer CD mit ebendiesem Titel: «Heimat».

Video: Benjamin Appl - Der Wanderer an den Mond

Quelle: Youtube

So persönlich das Programm ist, das Appl präsentiert – es weist über seine Biografie hinaus. Auch wer nie in Regensburg war, kann Schuberts «Drang in die Ferne» oder «Das Heimweh» verstehen (ausser, er ist musikalisch ganz anderswo zu Hause). Und obwohl die Lieder Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte alt sind, haben sie in ihrer Zusammenstellung doch mit der Gegenwart zu tun. Denn entgegen den Gepflogenheiten der Romantik verliert sich der Sänger nicht in der Verzweiflung über die verlorene Heimat, sondern kommt wie viele Expats, Grenzgänger und andere Emigranten des 21. Jahrhunderts an in einer neuen Heimat, einer neuen Sprache. Die erste Hälfte der CD ist deutsch, die zweite englisch: Was für klassische Programme unüblich ist, hat hier seinen Sinn.

Singen für die Queen

Seine ersten musikalischen Erfahrungen hat Benjamin Appl einst bei den berühmten Regensburger Domspatzen gesammelt. Nach dem Stimmbruch nahm er Gesangsstunden, rein hobbymässig. Denn beruflich ging es zunächst in eine andere Richtung: Banklehre, BWL-Studium. Aus der geplanten Doktorarbeit wurde dann aber doch nichts; das Singen war wichtiger als die Finanzen. Und als «letzter Schüler des grossen Dietrich Fischer-Dieskau», als der Appl oft bezeichnet wird, hatte er bald einmal eine Empfehlung zu bieten, die ihm einige Türen geöffnet haben mochte.

Video: Benjamin Appl - Ich weiss bestimmt, ich werd' dich wiedersehen

Quelle: Youtube

So studierte er erst in München, dann an der renommierten Londoner Guildhall School. Von da war es ein Katzensprung in die Wigmore Hall, wo er inzwischen als Stammsänger auftritt. In diversen Opernhäusern konnte er sich neben dem Liedrepertoire eine zweite musikalische Heimat ersingen. Selbst die Queen hat ihn eingeladen, ebenso Benedikt XVI., als er noch Papst war. Und dann waren da die Sony-Strategen, die ihm einen Exklusivvertrag ausgestellt haben. Kein Wunder, Appl hat alles zu bieten, was sich ein Plattenlabel wünschen kann: eine vermarktbare Geschichte (Fischer-Dieskau! BWL!). Ein covertaugliches Gesicht. Und natürlich eine schöne Stimme.

Im Moment heisst das vor allem: eine wandlungsfähige Stimme. Anders als sein Förderer Fischer-Dieskau legt es Appl (noch) nicht darauf an, gleich im ersten Takt erkannt zu werden. Er pflegt keine Markenzeichen, sondern einen direkten, ganz auf das jeweilige Stück ausgerichteten Ton. So testet er die Möglichkeiten seines Baritons nach allen Richtungen aus: von lyrisch bis dramatisch, von schmissig bis schnulzig, von volksliedhaft bis zu kunstvoll, von ernst bis augenzwinkernd.

Schieferfarben, sinnbewusst

Das «Heimat»-Konzept eignet sich bestens für solche Experimente. Da kann man Schubert-Lieder der «Greensleeves»-Version von Britten gegenüberstellen, Poulencs jazziger «Hyde Park» begegnet Brahms’ «Mein Mädel hat einen Rosenmund» – und niemand wird dem Sänger Beliebigkeit vorwerfen können.

Video: Benjamin Appl - An das Vaterland

Quelle: Youtube

Stattdessen kann man die Vielseitigkeit loben. Schon viele haben das getan, von der «Süddeutschen Zeitung» bis zur «Brigitte». Sammelt man Kritiker-Adjektive, die für Appls Gesang verwendet wurden, kommt deshalb einiges zusammen: frisch, kultiviert, schieferfarben, manchmal staksig, spannend heutig, sinnbewusst. Man könnte zusammenfassen: offenbar fantasieanregend. Und das ist wohl das Beste, was man von einem Liedsänger sagen kann.

Benjamin Appl: Heimat; mit James Bailleu, Klavier (Sony). Soirée classique mit Benjamin Appl im Kaufleuten, Dienstag 20. Juni, 20 Uhr. Moderation: Susanne Kübler.

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