Einfache Musik für Menschen, denen die Welt zu kompliziert ist

Andreas Gabalier wird vorgeworfen, dem Nationalismus musikalische Nahrung zu liefern. Stimmt das? Und was hat Gölä damit zu tun?

«Hallohalli»: Andreas Gabalier, der Mann mit der Elvis-Tolle und der Lederhose, hat den Titel «VolksRock’n’Roller» patentieren lassen. Foto: Gina Wetzler (Redferns)

«Hallohalli»: Andreas Gabalier, der Mann mit der Elvis-Tolle und der Lederhose, hat den Titel «VolksRock’n’Roller» patentieren lassen. Foto: Gina Wetzler (Redferns)

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«Hallohalli halliiihallo halli ­halli hallo», ruft Andreas Gabalier in seinem neuesten Hit einer gewissen «Lip­stick Lady» zu. Sie solle ihn bitte nicht so anschauen, «wei i mi dann nimmer halten kann», warnt er die Frau. Im dazugehörigen Video wird das ganze Ausmass seines Dilemmas offenbar. Gabalier reitet tagträumend mit der Lipstick Lady auf einem Einhorn durch die Landschaft, die Ansicht ihres Décolletés veranlasst ihn zu Ersatzhandlungen wie dem Melken eines fetten Kuheuters, und irgendwann verschwindet er mit der Lippenstiftfrau und drei weiteren Blondheiten zum Verrichten unkeuscher Handlungen in einem alpinen Abort.

Es wurde dem Österreicher, der sich den Titel «VolksRock’n’Roller» hat patentieren lassen, schon so vieles vorgeworfen: Ein rechter Populist in Musikantengestalt sei er, der mit seiner Heimattümelei ideologische Nahrung liefere für einen neuen Nationalismus. In der Presse wurde er deshalb bereits als «Lord Gaga der Volksmusik» bezeichnet, als «alpines Angstmännchen – nationalsexuell, rechts und frauenfeindlich».

Meister der Vernebelung 

Seither wird jede Zeile, die er in Umlauf bringt, umgehend auf braunes Gedankengut abgeklopft. Oder es wird darüber gestritten, ob die Pose auf dem Cover des Albums «VolksRock’n’Roller» einem Hakenkreuz gleiche oder bloss höchst unbequem sei.

Doch der Mann mit der Lederhose und der Elvis-Tolle ist ein Meister der Vernebelung. In Interviews lässt er alles im Ungefähren: Wenn er bei einer Preisverleihung beklagt, dass man es nicht leicht auf dieser Welt habe, wenn man «als Manderl noch auf ein Weiberl steht», dann will er das nicht als Angriff auf sexuell Andersdenkende verstanden wissen, sondern bloss als lustige Bemerkung von einem, der ja «durchaus auch homosexuelle Freunde» habe.

Und wenn er im Rahmen eines Formel-1-Rennens die österreichische Nationalhymne anstimmt, aber nicht mit dem 2011 abgeänderten Text, der neben den Söhnen auch die Töchter des Landes einschliesst: Dann reagiert er auf Kritik höchst beleidigt. «Da steht man oben, singt die Hymne und muss sofort ein Rechter sein, weil man es gesungen hat, wie man es lange Zeit gesungen hat. Des find ich manchmal a bisserl traurig.»

Zündeln, aber mit dem Brand nichts zu tun haben wollen: Das istGabaliers Strategie.

Zündeln, aber mit dem Brand nichts zu tun haben wollen, das ist die Strategie des Steirers. Darin unterscheidet er sich nur unwesentlich von den rechten Populisten, die ihm begeistert Applaus spenden. Doch vergleicht man das Gebaren des einstigen Jus-Studenten mit dem Auftreten von Gölä – seinem schweizerischen Pendant –, dann kann man von einer fast schon schöngeistigen Art der Meinungsvermittlung sprechen.

Während Gölä (der jüngst für eine SVP-Nationalratskandidatur angefragt wurde) gerne den Politpolterer gibt, der Waffen für alle «anständigen Bürger» fordert und Sozialhilfebezüger als arbeitsscheu bezeichnet, gibt es im Weltbild von Gabalier auch Enklaven der Einsicht.

Ein Journalist der «Welt» wies ihn kürzlich darauf hin, dass manche, die den Wert der Heimat so betonten wie er, andere ganz gerne davon ausschliessen würden. Gabaliers Antwort: «Wer seine Heimat liebt wie ich, der weiss, was die Menschen auf sich nehmen, die ihre Länder verlassen. Solchen verzweifelten Menschen, die Hilfe brauchen, reicht man die Hand.»

Depperte Musik

Nein, es ist nicht einfach mit dem «VolksRock’n’Roller». Hört man sich sein neues Album an, dann scheint sein grösstes Vergehen tatsächlich darin zu bestehen, die Menschen mit depperter Musik – einer auf Vorschulniveau heruntergestuften Variante des fetzigen Alpinschlagers – zu unterhalten.

Etwas vereinfacht lässt sich die Aufregung darauf reduzieren, dass da ein mutmasslicher Rechtswähler Musik macht, was bei heutigen politischen Verhältnissen nicht mehr aussergewöhnlich ist. Wo eine Nachfrage ist, da wird ein Angebot geschaffen. So wurde eine Musiksparte herangezüchtet, die jenen Heimat bieten soll, die das Hiesige dem Auswärtigen und das Gestrige dem Heutigen vorziehen.

Der Erfolg der neuen Volkstümlichkeit ist augenscheinlich. So scheint das Zürcher Hallenstadion gerade eine Erlebnis­woche für die Freunde dieser Sparte ausgerufen zu haben: Gestern der «Alpentainer» Trauffer, heute Andreas Gabalier und am nächsten Wochenende gleich dreimal Gölä.

Der Heidi-Effekt

Auch in der Schweizer Hitparade wimmelt es von Musik, die auf die Heimatdrüse drückt und der vermeintlichen Kompliziertheit dieser Welt eine möglichst unkomplizierte Musik gegenüberstellt. Weil es der angepeilten Zielgruppe gefällt, bei all dem Fremden in ihrer Wahrnehmung die Heimat als letzte Bastion des Unverfälschten hochzustilisieren, steckt man die Frauen in den Videos eben ins heimelige Dirndl und lässt Plüsch-Murmeltiere zu den alpinen Klängen tanzen.

Wohnte dem Mundartrock noch ein gewisses Fernweh inne («Spick mi furt vo hie», «Uf u dervo»), hat sich bei den neuen Heimatmusikern ein Heidi-Effekt eingestellt: Sie sind zur Erkenntnis gelangt, dass es zu Hause eben doch am schönsten ist. Die Heimatliebe ist zum Kernthema geworden und wird in einem Werte-Bouquet aus Landschaftsdemut, patriotischer Larmoyanz und überdrehtem Après-Ski-Gauditum serviert.

Während in der westlichen Popmusik die Stadt als Ort der Verheissungen, der Gefahren und der Sünden klischiert wird, ist die Kulisse der neuen Volksmusik – ebenso überzeichnet – ein Ort der Treueschwüre, der ernsten Bergwipfel, der wortkargen Männer und der crazy Gaudiburschen mit Hirschgeweih-Mikrofonen.

Stadt-Land-Graben 

Der Musik von Gabalier, Trauffer oder Gölä wohnt eine Haltung inne, die eine Entsprechung in der politischen Gesinnung ihrer Anhänger findet. Sie ist zu einem politischen und gesellschaftlichen Statement geworden – ähnlich dem Punk, dem Ska oder dem guten alten Liedermachertum –, nur eben mit Rechtsdrall. Zum politischen ist nun also ein musikalischer Stadt-Land-Graben gekommen. Schade nur, dass ausgerechnet die berechnendsten und klischeeprallsten Auseinandersetzungen mit der alpinen Volksmusik den Leuten derart den Kopf verdreht haben.

Konzerte: Andreas Gabalier, Samstag, 24.11.18 Hallenstadion, Zürich; 7. Dezember, St.-Jakobs-Halle, Basel; 8. Dezember, Festhalle, Bern. Gölä, 1./2. Dezember, Hallenstadion, Zürich.

Erstellt: 23.11.2018, 20:10 Uhr

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