Erst abgekämpft, dann triumphal: Elton John sagt Goodbye

Der Engländer befindet sich auf grosser Abschiedstour und zeigt sich in Montreux noch einmal von all seinen Facetten.

Zelebriert den Abschied, auch wenn es nicht immer einfach war: Elton John in Montreux. Foto: Valentin Flauraud (Keystone)

Zelebriert den Abschied, auch wenn es nicht immer einfach war: Elton John in Montreux. Foto: Valentin Flauraud (Keystone)

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Er ist ein anderer, seit er vor über fünfzig Jahren den kurzsichtigen, dicklichen Buben mit dem schütteren Haar namens Reginald Kenneth Dwight gewissermassen getötet und sich gegen alle Widerstände in Elton Hercules John verwandelt hat, diese unwahrscheinliche Gestalt der Popgeschichte.

Vermutlich sind auch an diesem Samstag einige der 15'000 Besucher und Besucherinnen zwar nicht gerade in eine andere Persönlichkeit geschlüpft, aber doch nahe an einem anderen Zustand, als sich Elton John in seinem für Hitzewellen höchst ungeeigneten, mit Pailletten und Stickereien verzierten Anzug hinter seinen Flügel setzt. Denn für einmal hält sich das Publikum nicht im klimatisierten und vergleichsweise intimen Auditorium Stravinski auf, dort, wo das Montreux Jazz Festival das Gastspiel des Engländers an zwei Abenden ursprünglich geplant und für das ein Grossteil des Publikums bereits Tickets gekauft hatte.

Die Festivalverantwortlichen haben auf Wunsch von Elton John, der seine Abschiedstour-Produktion in voller Grossformatdimension durchführen wollte, das Konzert ins Stade de la Saussaz – eine Leichtathletikanlage oberhalb des Städtchens inmitten der Weinberge und einigen Wohnblöcken – verlegt. Beinahe schattenlos ist es hier in der temporären Grosskonzertinfrastruktur am Sonnenhang des Genfersees, die für diesen einzigen Abend aus dem Boden gestampft wurde. Und unerbittlich heiss.

Zwischen Weinbergen und Wohnblöcken: Die temporäre Grosskonzertanlage in Montreux. Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

Das Montreux Jazz Festival scheint mit dem Openair-Konzert an ungewohntem Ort probehalber schon einmal jenes Notszenario durchzuspielen, das nach den Wirren um die Abstimmung um die Erneuerung des dringend sanierungsbedürftigen Kongresszentrums im zurückliegenden Februar auch künftig drohen könnte: Zum Entsetzen des Festivaldirektors Mathieu Jaton wurde die Vorlage zur Sanierung abgelehnt, ausschlaggebend waren nur 94 Stimmen. Da 1400 in der Gemeinde stimmberechtigte Ausländer das Stimmmaterial nicht erhalten hatten, wurde die Abstimmung annulliert – wie es genau weitergeht und was das für die Zukunft des Prestigeanlasses bedeutet, bleibt offen.

Aber an diesem Abend geht es zumindest auf der Bühne nicht um die Zukunft. Sondern um den Abschied zu Lebzeiten, den Elton John zurzeit sehr ausgiebig zelebriert: Das musicalhafte Biopic «Rocketman», das die Verwandlung des Reginald Dwight in seine Superstar-Pop-Persona und seinen Kampf gegen die Drogen erzählt, ist da nur ein Puzzleteil. Im Herbst folgt seine Autobiografie. Und dieser lange Abschied weg von der «Yellow Brick Road», weg von der Glitzerstrasse, hin zum Privatier, der für seine Kinder da sein will, ist denn auch das Thema dieser ausserordentlichen Montreux-Show.

Er wirkte zunächst kurzatmig: Elton John. Foto: 2019 FFJM – Marc Ducrest

Wobei: Überlebensgross, wie seine Biografie auf der Leinwand erscheint, wie seine besten Songs noch immer klingen und wie die euphorischen Kritiken seiner Tour bislang ausgefallen sind, ist zunächst nicht viel. Elton John – begleitet von seiner sechsköpfigen Band, in der auch wegen seines Showkasperspiels vor allem der Perkussionist Ray Cooper herausragt – singt mit hohem Kraftaufwand. Kurzatmig wirkt er in der Abendsonne, die nie unterzugehen scheint, manches klingt dann unangenehm gellend und zerhetzt.

Die strahlende Mühelosigkeit von Zaubersongs wie «Tiny Dancer» oder selbst im mit einem Countdown angekündigten «Rocket Man», das in einer ausklimpernden Version gespielt wird: Sie ist nicht zu hören, und Sir Elton wirkt in den Posen des Dankes und des Triumphs, die er zwischen den Songs immer wieder aufführt, abgekämpft. Das schöne Gefühl der Sentimentalität, das Schwelgen in den Songs: Das Publikum erhält selbst bei einem Showprofi wie ihm nicht immer das, was es will.

«Ich habe mich selber gehasst.»Elton John

Aber irgendwas passiert, und damit ist nicht nur der hydraulische Zaubertechniktrick gemeint, dank dessen sich Elton John und sein Flügel bei «Candle in the Wind» über die Bühne bewegen. Seine Stimme wird treffsicherer, kraftvoller, klarer auch, er beginnt, Ansprachen ans Publikum zu richten, die sich nicht nur darin erschöpfen, dass er schon immer gerne mal in Montreux spielen wollte. Elton John erinnert etwa an sein Dasein in den 80ern, als er nochmals ein anderer war, nämlich nur noch ein Drogenwrack. Für diese Zeit und sein Betragen schäme er sich heute, «ich habe mich selber gehasst». Und als er nüchtern wurde, habe er gemerkt, dass er, als schwuler Mann, nicht genügend gegen die Aids-Epidemie unternommen habe.

Das hat sich seither geändert, Elton John ist seit den 90ern ein Anti-Aids-Aktivist mit einer eigenen Stiftung. Aber nicht, dass nun alles schön ist: Vielmehr schlägt er einen kämpferischen Ton an, wenn er die Pharmaindustrie auffordert, die Medikamentenpreise zu senken, damit sie auch für jene Mittellosen und Stigmatisierten erreichbar sind, die die Medikamente am dringendsten benötigen würden. Und er fügt an, dass jene, die sich nahe bei Gott wähnen, meist die gottlosesten Gesellen überhaupt sind. Woran er in diesen Zeiten der Polarisierung glaubt: an die Liebe und die Solidarität. So kitschig das nun klingt: Auf so einer grossen Konzertbühne hat man das schon lange nicht mehr so eindringlich gehört.

Als die Sonne untergegangen ist: Eine Drohnenaufnahme des Konzertgeländes. Foto: Valentin Flauraud (Keystone)

Der Abend erhält ab da eine Grösse, eine Sentimentalität auch, die bei einem seiner ersten Hits «Your Song» zu Tränen rühren kann. Man merkt bei «I’m Still Standing» mit den Videoeinspielungen auch noch einmal, welch popkultureller Gigant dieser Elton John ist – als Cartoonfigur bei den «Simpsons» oder «Southpark», als kontroverser Duopartner für Eminem oder an der Seite von Lady Di.

Der Konzertflügel bewegt sich nach über zweieinhalb Stunden noch einmal über die Bühne, Elton John trägt längst einen zartrosafarbenen Bademantel, und er gibt das grosse Aussteigerlied «Goodbye Yellow Brick Road». Als er am anderen Bühnenrand angekommen ist, streift er den Mantel ab, zeigt einen Traineranzug mit seinem Namen auf dem Rücken – und wie er dann mit einem Schwebeelement die Bühne verlässt, gleicht das einem Superheldenabschied. Weniger wäre für einen wie Elton John ja auch unangemessen gewesen.

Erstellt: 30.06.2019, 12:59 Uhr

53. Montreux Jazz Festival

Elton John ist nicht der Einzige, der in Montreux Abschied nehmen wird. Denn da ist auch die Woodstock-Ikone Joan Baez und Jazzsängerin Anita Baker, die beide Farewell-Konzerte angekündigt haben.

Neben diesen Altstars treten in Montreux dieses Jahr aber auch Musiker wie Radiohead-Sänger Thom Yorke, der Indie-Erneuerer Bon Iver und Newcomer wie Lewis Capaldi oder die Soul-Durchstarterin Lizzo auf.

Das Festival dauert bis am 13. Juli.

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