Eminem auf dem Gipfel der Geschmacklosigkeit

Der US-Rapper hat überraschend ein Album veröffentlicht. Und obwohl man ja einiges gewohnt ist von ihm: Dieses Mal ist es zu viel.

Feiert ihn nur: Eminem bei seinem Auftritt in Frauenfeld 2018. Foto: Jeremy Deputat

Feiert ihn nur: Eminem bei seinem Auftritt in Frauenfeld 2018. Foto: Jeremy Deputat

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Es war eine Handlung im Affekt, als Eminem vor eineinhalb Jahren sein Album «Kamikaze» ohne Ankündigung veröffentlicht hat. Damals wollte er der Welt mal wieder «in die verdammte Fresse» schlagen. Viel mehr als dieser Wutausbruch ist auch nicht in Erinnerung geblieben von jenem Album, ausser den homophoben Ausfälligkeiten gegen jüngere Kollegen wie Earl Sweatshirt oder Tyler, the Creator. Nun, vielleicht erinnert man sich ja auch noch an die in einem Text untergebrachte Nachricht, dass der von ihm innig gehasste Donald Trump Geheimdienstleute bei ihm vorbeigeschickt habe.

In der Nacht auf Freitag hats der 47-Jährige wieder getan – und erneut ein Überraschungsalbum online gestellt. Dieses Mal aber könnte mehr in Erinnerung bleiben als bei «Kamikaze». Das liegt nicht unbedingt an Alfred Hitchcock, von dem Eminem den Albumtitel «Music to Be Murdered By» geliehen hat (der «Master of Suspense» veröffentlichte 1958 eine Platte mit dem gleichen Titel) – und der in ein paar Samples die Zuhörerschaft freundlich grüsst. Das liegt auch nicht am Herunterleiern des mittlerweile alten Liedes, dass er es der Musikpresse nicht mehr recht machen kann und natürlich auch nicht recht machen will. Sondern es liegt an einer Geschmacklosigkeit, die man jüngeren und weniger weissen Rappern mit Sicherheit nicht durchgehen lassen würde.

Bereits im zweiten Track «Unaccommodating» vergleicht sich Marshall Mathers, wie Eminem bürgerlich heisst, mit jenem Terroristen, der beim Konzert von Ariana Grande in Manchester im Mai 2017 22 Menschen in den Tod gerissen hat. (Dass Eminem im selben Track auch noch Saddam Hussein und Ayatollah Khomeini aufführt, nimmt man ja nur noch mit einem Schulterzucken auf.) Die kalkulierten Reaktionen und Schlagzeilen folgten umgehend: Der Bürgermeister Manchesters wie auch Angehörige der Terroropfer verurteilten die Zeilen, andere wiederum relativierten und wiesen auf Eminems Unterstützung einer Spendenkampagne nach dem Anschlag hin.

Schlüpft in die Haut eines Terroristen: Eminems «Darkness». Video: Eminem Music (Youtube)

Wer die neueste Provokation der Provokationsmaschine Eminem durchgehen lässt und seine Kritiker als Moralapostel bezeichnet, wird sicherlich auch auf die Single «Darkness» hinweisen. In diesem Track, der Simon & Garfunkels «The Sound of Silence» und die Zeile «Hello darkness, my old friend» aufgreift, schlüpft der Rapper in die Haut und den Kopf eines weiteren Terroristen: Es ist jener Mann, der im Herbst 2017 an einem Countryfestival in Las Vegas 58 Menschen erschossen hat.

Man hört nach der Schilderung des Täters die Breaking News, hört die Nachrichten von anderen Shootings in den USA. Am Ende des Videoclips, der zum Song veröffentlicht wurde, wird die Aufforderung eingeblendet, dass man sich zur Wahl in den USA registrieren solle. Damit man helfen kann, die Waffengesetze zu verändern und zu verschärfen.

«Darkness» und «Unaccommodating» sind nur die auffälligsten Gewalttätigkeiten auf Eminems elftem Album, auf dem die Gunshots und das Nachladen von Schusswaffen die markantesten Sounds sind. In dieser Horrorshow schaut dann auch Popstarfreund Ed Sheeran für einen raschen Flirt vorbei (in «Those Kinda Nights»), aus dem Jenseits taucht Juice WRLD auf, der im Dezember im Alter von gerade mal 21 Jahren verstorben ist.

Auf «Music to Be Murdered By», das hauptsächlich von Eminems Mentor Dr. Dre produziert wurde, geht es aber auch weniger gegenwärtig zu und her: Man hört alte Raphelden wie Q-Tip von A Tribe Called Quest und auch Black Thought von den Roots im Track «Yah Yah». Und man würde sich gerne in diese Musik reinhängen, die wesentlich genauer gearbeitet ist als «Kamikaze» und wesentlich schlüssiger klingt als auf seinem vorletzten Album «Revival», dessen Kritikermisserfolg Eminem noch immer nicht verarbeitet hat.

Zum Schluss taucht dann wieder Alfred Hitchcocks Stimme auf, die diesen «danse macabre», wie er es nennt, comichaft beschliesst. Man könnte nun loslachen – wenn dieses Album nur nicht so abstossend wäre.

Eminem: Music to Be Murdered By (Universal).

Erstellt: 19.01.2020, 15:27 Uhr

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