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Endo Anaconda: «Mit 55 habe ich nochmals mit Heroin angefangen»

Mit «Stiller Has» wurde er gross, jetzt will er die Band in Pension schicken. Erstmals spricht der Sänger über seine Drogensucht auf dem Höhepunkt der Karriere.

«Ich war dauernd auf Tournee, mit dem Has ging es so richtig ab, viel Presse, viel Aufmerksamkeit, ich stand ständig auf der Bühne»: Endo Anaconda über die intensive Zeit mit seiner Band.
«Ich war dauernd auf Tournee, mit dem Has ging es so richtig ab, viel Presse, viel Aufmerksamkeit, ich stand ständig auf der Bühne»: Endo Anaconda über die intensive Zeit mit seiner Band.

Im Dezember 1979 segelte Andreas Flückiger an die Decke eines Hotelzimmers in Kathmandu. Er hatte sich mit einer Überdosis billigen Rauchopiums eingenebelt, was in Kombination mit der Hepatitis A, die er möglicherweise in Thailand aufgelesen hatte, den Effekt nach sich zog, dass er seinen fiebrigen Körper von oben herab sehen konnte. Dazu eierte die Kassette «Fly Like An Eagle» von der Steve Miller Band.

In den Jahren davor war Flückigers Leben aus den Fugen geraten. In Wien, wohin er aus der österreichischen Provinz geflohen war, hatte er eine Lehre als Siebdrucker abgebrochen. Er war Tagedieb, Glücksspieler und Wirtshausraufer. Ein Grossmaul und Lästerer, der das Herz am richtigen Fleck hatte, aber wild sein konnte wie der Teufel. Seine Luftschlösser waren klein, Gedanken an die Zukunft verschwendete er nicht.

Ein guter Tag im Leben von Andreas Flückiger war, mittags aufzustehen, ein frisches Hemd anzuziehen, die Rattenburg im vierten Hinterhof zu verlassen, beim Chinesen zu frühstücken und den Rest des Nachmittags im Kino oder auf der Pferderennbahn zu verbringen. Manchmal gewann er schöne Summen, die er sofort verprasste. Seine Helden waren, je nach Gemütsverfassung, Che Guevara, Serge Gainsbourg, Jim Morrison oder Jean-Paul Sartre.

Endo Anaconda in der Reitschule in Bern, in den Anfängen von Stiller Has. Foto: zvg
Endo Anaconda in der Reitschule in Bern, in den Anfängen von Stiller Has. Foto: zvg

Flückiger war ein gross gewachsener, leidlich aussehender, vom Alkohol etwas aufgedunsener junger Mann, der gute Anzüge und Schuhe trug. Meist steckte eine Zigarette in seinem Mundwinkel. Die halb langen Haare frisierte er über der Stirn zu einer nachlässigen Tolle. Wenn er eine neue Schale brauchte, spazierte er in einen Laden, probierte den schneidigsten Anzug, liess den alten hängen und spazierte wieder hinaus. Den Kamelhaarmantel, den er im Winter trug, hatte er in der Garderobe eines Cafés erspäht, in dem die besseren Leute verkehrten. Er zog ihn diskret vom Bügel, schlüpfte hinein und gab Fersengeld. Als ob es der frühere Besitzer besonders gut mit ihm meinte, hatte er sein Portemonnaie samt Ehering in der Brusttasche stecken gelassen.

Er war gelb wie eine Banane, mager wie ein Köter

Nun also schwebte Flückiger an der Decke eines Hotelzimmers in Kathmandu und sah auf seinen fiebrigen Körper, der sich im durchgeschwitzten Laken wälzte. Er war 24 Jahre alt, gelb wie eine Banane, mager wie ein Strassenköter. Sein Leben hing an einem Faden, draussen rauschte der Monsun, Steve Miller sang «Take the Money and Run». Was war geschehen?

Bevor Flückiger im Frühjahr 1979 nach Nepal aufbrach, brach ihm eine Frau das Herz. Wieder einmal. Und seine Genossen vom Kommunistischen Bund hatten ihn wegen Verrats an der Sache aus der Wohngemeinschaft geschmissen. So streunte er im wehenden Kamelhaarmantel wie ein angeschossener Asphaltcowboy durch die Stadt, die sich von ihm abgewandt hatte. Statt der Musik von Ennio Morricone pfiff ihm der Ostwind um die Ohren. Es war ein elender, einsamer Winter, und Flückiger wollte weg.

Den Flug nach Bangkok hatte er sich mit dem Erlös aus kleineren Einbrüchen (er nannte es Mundraub), Gelegenheitsjobs und geglückten Wetten auf der Rennbahn zusammengespart. Was übrig blieb, reichte für ein paar Wochen am Strand von Pattaya und eine Propellermaschine nach Kathmandu. Im örtlichen Casino verwandelte er einen Gratiscoupon im Wert von fünf Dollar in dreihundert und reiste nach Pokhara, wo er einen Bungalow am Phewa-See bezog, um endlich zur Ruhe zu kommen.

Nicht ganz zufällig machte er Bekanntschaft mit einem nepalesischen Dealer, für den er Haschöl an Touristen verkaufte. Die Provision investierte er in Zigaretten, Alkohol, Opium. Der Rausch der Droge, die es hier in rauen Mengen gab, löste in ihm ein Gefühl von Nestwärme aus und weckte die Sehnsucht nach dem Paradies, aus dem er im Alter von fünf Jahren vertrieben worden war.

Das Herz vom Vater, die Melancholie von der Mutter

Ein wiederkehrendes Bild aus dieser verblassenden Idylle ist die Mutter am Steuer ihres VW-Käfers, unterwegs auf irgendeiner Landstrasse in der Nähe von Biel. Unter der Heckscheibe liegt ein Kissen, in welches die Autonummer, das Berner Kantonswappen und der Satz «Kommt gut heim!» gestickt sind. Andreas und sein älterer Bruder sitzen auf der Rückbank und schneiden Grimassen. Die gelten dem Vater, schlank und gross, ein leidenschaftlicher Leichtathlet, der neben dem Wagen herrennt, während die Mutter mit der Stoppuhr die Zeit misst. Sie war als junges Mädchen aus Kärnten in die Schweiz gekommen und hatte im Gastgewerbe gearbeitet, bevor sie in Burgdorf ihren künftigen Mann kennen lernte, einen Polizisten. Von ihm hat Flückiger das Herz, von der Mutter die Melancholie.

«Ich suchte das Risiko und die Ächtung durch die Gesellschaft, gegen die ich rebellierte»: Endo Anaconda über seine Heroinsucht.
«Ich suchte das Risiko und die Ächtung durch die Gesellschaft, gegen die ich rebellierte»: Endo Anaconda über seine Heroinsucht.

Dann der Verkehrsunfall. Der Vater fuhr in seinem DKW Junior Sport von Zürich, wohin er die Verwandten aus Österreich chauffierte, zurück nach Biel. Es war kurz vor Weihnachten 1959, nur Monate nach der Geburt des jüngeren Bruders. Die Frontalkollision war unverschuldet, der Vater sofort tot. Als die Mutter den Anruf erhält, schlägt sie den Kopf gegen die Wand, rennt schreiend durch die Wohnung, rauft sich die Haare im Schmerz, heult wie besessen. Andreas schaut zu. Er ist vier Jahre alt. Es dauert Stunden, bis jemand kommt und sie beruhigt.

Der Tod des Vaters zerstörte die Idylle. Fast über Nacht entschied die Mutter, Biel zu verlassen und zu ihrer Familie nach Kärnten zu ziehen, nach Mallestig bei Villach an der Grenze zu Slowenien, katholisch, ländlich, rückständig. Für Andreas war es eine Verschleppung. Das Radio spielte Operetten und Peter Alexander, aus dem nahen See fischten die Kinder Kriegsschrott und spielten damit. Der Grossvater, ein wortkarger Griesgram, Wagner von Beruf, ersetzte den Vater, Schläge waren Teil des Systems. Bei der Grossmutter fand er Trost. Sie war eine Zauberin, eine Seherin. Ihre Hühnersuppe half gegen alles. Jedes Unglück träumte sie voraus, selbst wenn es nicht eintraf. Sie bekreuzigte sich in einem fort und ging nicht an Andreas vorbei, ohne ihn zu segnen.

Schläge in Kärnten, Süsses im Emmental

Es nützte nichts. Er blieb ein schwieriges Kind. Ein unglückliches Kind. Schwänzte die Schule. Stahl. Fälschte Unterschriften. Brachte die Lehrer zur Weissglut. Einzig die Sommerferien in der Schweiz erfüllten ihn mit einer Ahnung von Glück. Bei den Grosseltern im Emmental war er dem Paradies ganz nah. Der Grossvater spielte Akkordeon, die Geschichten der Grossmutter wiegten ihn in den Schlaf. Einmal, im Dorfladen, klaute er eine Tafel Schokolade. Eine Hälfte ass er, die andere versteckte er. Die Grossmutter entdeckte den Diebstahl und stellte ihn zur Rede. Sie sagte nur: Du gehst jetzt zu Frau Leuenberger und entschuldigst dich. Im Laden roch es nach Waschmittel und Süssigkeiten. Frau Leuenberger blickte ernst: So, so. Schokolade. Und weil du so ehrlich bist, schenke ich dir noch ein Stück. In Kärnten gab es Schläge, im Emmental Süsses.

Andreas war zwölf, als ihn die Mutter ins katholische Internat nach Klagenfurt schickte. Bereits beim Eintritt widersprach er einem Priester. Der knallte ihm eine, dass die Nase blutete. Einmal verlangte ein Priesteraspirant, dass er ihm die Schuhe putze. Als Andreas fragte, warum, antwortete dieser: weil du sonst eine in die Fresse bekommst. Das Heimsystem beruhte auf Gewalt, auf Unterdrückung und Erniedrigung. Alles war verboten – Jeans, Bücher, Popmusik. Jede Verfehlung wurde bestraft. Eine Nacht auf einem Holzscheit knien zu müssen, war nicht krass, sondern normal.

Klagenfurt liegt eine halbe Zugstunde von Villach entfernt, doch Andreas durfte nur einmal im Monat nach Hause. Erzählte er der Mutter von der Gewalt, sagte sie: Du hast es wohl verdient. Eigentlich war er froh, fort von der Familie zu sein, weg vom unberechenbaren Grossvater, von der hysterischen Mutter. Andrerseits war das Internat ein Gefängnis. Er fühlte sich wie begraben. Mädchen sah er keine. Er wurde immer dicker, weil er alles in sich hineinfrass.

Dann begann er zurückzuschlagen

Doch Andreas Flückiger entwickelte Methoden des Widerstands. Unter der Bettdecke, im grossen Schlafsaal, hörte er Radio Luxemburg, den einzigen Sender, der Beatmusik spielte. Herman’s Hermits, Gerry & The Pacemakers, The Kinks, The Animals. Und er las lasterhafte Schriften: Henry Miller, Darwin, Jack London, Dostojewski, Cervantes, B. Traven, Hemingway. Sein Bett stand unter einem Fenster, durch das er die Berge sehen konnte. Die Lücke zum Himmel war seine kleine Freiheit.

Im letzten Schuljahr begann er zurückzuschlagen. Seit einer Stunde standen hundert Schüler vor dem Speisesaal. Es hiess, die Mensa werde erst geöffnet, wenn keiner mehr ein Wort spreche. Die Mägen knurrten, die Buben murrten. Ein Priester verteilte Ohrfeigen, Kopfnüsse. Als Andreas eine fing, rastete er aus, packte seinen Peiniger und warf ihn zu Boden. Stürzte sich auf ihn mit seinem ganzen Gewicht. Fast hundert Kilo. Bis man ihn wegzerrte. Jetzt liess man ihn in Ruhe. Doch die Gewalt war gesät. Als er mit sechzehn aus dem Internat entlassen wurde, war er voller Hass. Kam man ihm krumm, gab es Kleinholz. Es war wie ein Beissreflex.

Zu Hause in Kärnten hatte er keinen Plan. Kärnten war eine Beleidigung. Eine geistige und kulturelle Einöde. Kärnten sollte von der Landkarte gestrichen werden. Die folgenden Jahre bildeten eine Kette von Sabotageakten an der eigenen Zukunft. Jede geregelte Arbeit war eine Haftverlängerung. Flückiger absolvierte den polytechnischen Lehrgang und ging auf Drängen der Mutter an die Bundeshandelsschule in Villach. An die Fassade des Gebäudes, in dem er nur ein Jahr absass, pinselte er mit roter Lackfarbe das Wort «Untertanenfabrik».

Die Mutter dachte, er sei geisteskrank

Seine gesellschaftliche Nutzlosigkeit war ihm eine Tugend. Mehrmals machte er sich aus dem Staub, einmal gelang ihm die Kurve bis nach Rom. Nach einem Monat wurde er von der italienischen Polizei aufgegriffen und in einen Zug zurück nach Österreich gesteckt; die verzweifelte Mutter hatte Interpol eingeschaltet.

Radio Luxemburg war seine erste Form von Protest, nun lieferte die Jugendsendung «Musicbox» auf Ö3 den Soundtrack zu seinem Leben: die Stones, Velvet Underground, Eric Burdon, Neil Young, Lou Reed, The Doors. Sein Gott war Jim Morrison: die Musik, die Texte, die Posen – alles an ihm schien gefährlich. In Ossiach gab es ein Festival, das der Pianist Friedrich Gulda organisierte; es war mit dem Moped in einer Stunde zu erreichen. Dort sah er 1971 Pink Floyd vor ein paar Hundert Zuschauern. Und im Tonhof Klagenfurt begegnete er dem Lyriker H. C. Artmann, dessen anarchistische Dialekt- und Lautgedichte Flückiger dazu brachten, selbst zu schreiben. Sein erstes Gedicht warf die Mutter weg. Sie glaubte, ihr Sohn sei geisteskrank.

1972 trat Flückiger der Kommunistischen Jugend bei. Im Dezember 1973 verübte die baskische Terrororganisation ETA einen Anschlag auf Luis Carrero Blanco, spanischer Premierminister und enger Vertrauter von Diktator Franco. Die Bombe schleuderte das Auto des Militärs über das Dach eines fünfstöckigen Gebäudes, es landete auf der Terrasse im zweiten Stock. Blanco war sofort tot. Zur Feier des Tages öffneten Flückiger und seine Genossen eine Flasche Rioja.

Dem Kommunismus verdankte er die Erkenntnis, dass die Welt eine Kugel ist, denn die Welt seiner Kindheit war eine Scheibe. Nachdem er dem Sumpf des Internats entkommen war, erschienen ihm Marx und Engels als Offenbarung. Er bewunderte die alten Spanienkämpfer, die ihm Vaterfiguren waren. Helden und Antifaschisten, die Mauthausen überlebten. Männer, die zu kämpfen wussten. Kerle wie aus seinem Lieblingswestern «The Good, the Bad and the Ugly». Flückiger war der Wüste. Er sah aus wie eine Mischung aus Yeti und Charles Manson.

Frauen sind Wesen von einem anderen Planeten

Während die meisten seiner Freunde nach Wien zogen, um zu studieren, sass Flückiger in Villach fest. Seine Hobbys waren nun Waffen, Autos und LSD. In München kannte er ein paar Musiker, die der amerikanischen Drogenkirche Brotherhood of Eternal Love angehörten, die die spirituelle Transformation der Gesellschaft durch die Einnahme von Halluzinogenen propagierte. Sie verkauften ihm das LSD in flüssiger Form. In seinem Zimmer setzte er sich aufs Bett, tröpfelte das Acid auf einen Würfelzucker und liess ihn auf der Zunge zergehen. Auf einem Poster an der Wand rauchte neben Mao eine halb nackte Schönheit mit Afrofrisur einen riesigen Joint.

Bis sechzehn bekam er kaum ein Mädchen zu Gesicht. Seine erste Freundin hatte er mit neunzehn, vor der er aber sogleich davonlief. Frauen sind für ihn noch heute Wesen von einem anderen Planeten. Danach kam das Heroin. Erst schnupfte er das Pulver, dann erhitzte er es in einem Löffel mit Zitronenwasser und zog es mit der Nadel auf. Einmal versorgte er den Jazztrompeter Chet Baker mit einem Gramm, bevor dieser im Kongresshaus von Villach ein fabelhaftes Konzert gab. Heroin war der extremste Rand, an den er sich begeben konnte. Andere stiegen auf den Mount Everest, er spritzte Heroin. Tief in seinem Innern gab es einen anderen Grund für das Bedürfnis nach Rausch: Er half gegen die seelischen Versehrungen, die ihm im Internat zugefügt worden waren.

1975 flüchtete Flückiger aus dem Wilden Westen nach Wien. Er wechselte von der Kommunistischen Jugend in die Splittergruppe der Marxisten und Leninisten, wo er bald Mitglied im Zentralkomitee war. Er war zwanzig, versuchte die Aufnahmeprüfung an die Kunstgewerbeschule, scheiterte und begann eine Lehre als Siebdrucker. Lederjacke und Jeans hatte er gegen Anzüge getauscht. Dreiteiler, wie sie sein Grossvater im Emmental trug. Und der Revolverheld Wyatt Earp. Er war ein leidenschaftlicher Genosse. Am Küchentisch der WG wurde der bewaffnete Widerstand diskutiert, die Revolution des Proletariats stand unmittelbar bevor. Für die «Arbeitsgemeinschaft Politische Gefangene», eine Organisation, die mit der RAF sympathisierte, verteilte Flückiger auf dem Campus der Universität Wien Flugblätter zum ersten Todestag von Ulrike Meinhof. Als im Oktober 1977 der deutsche Arbeitgeberpräsident und frühere SS-Hauptsturmführer Hanns Martin Schleyer von der RAF ermordet wurde, war das ein Etappensieg.

Im November desselben Jahres wurde der österreichische Wäschehersteller Walter Palmers entführt und hundert Stunden später, nach Bezahlung eines Lösegelds von dreissig Millionen Schilling, wieder freigelassen. Eine linksterroristische Täterschaft wurde zunächst ausgeschlossen, doch im Lauf der folgenden Wochen kam es zur Festnahme dreier Studenten, die Flückiger aus der Arbeitsgemeinschaft kannte. Plötzlich war er selbst im Visier der österreichischen Staatspolizei, die ihn verdächtigte, bei der Geiselnahme das Fluchtauto gefahren zu haben. Ein Irrtum. Eine Verwechslung. Flückiger wurde entlastet. Doch der Schrecken sass tief.

Der kälteste Winter seines Lebens

Der totalitäre Eifer seiner Genossen erinnerte ihn an die prügelnden Pfaffen im Internat. Er begann zu widersprechen. Im Herbst 1978 wurde er aus der WG geworfen, die Freundin verliess ihn, und wenn er kein Sofa fand, auf dem man ihn schlafen liess, breitete er sein Nachtlager auf einem Belüftungsschacht im Bahnhof aus. Es war der längste und kälteste Winter seines Lebens.

Ein paar Monate später bestieg Flückiger in Pattaya ein Propellerflugzeug nach Nepal. Der Plan, sich in einem Bungalow am Phewa-See die Wunden zu lecken, schlug fehl, denn er hatte nicht mit der Hepatitis A gerechnet: dem Durchfall, der Übelkeit, dem Fieber und den Schmerzen im Oberbauch. Die Mutter hatte ihm Geld für die Rückreise geschickt. In der Nacht vor seinem Abflug verliess er in einem Hotelzimmer in Kathmandu vorübergehend seinen Körper. Am nächsten Tag flog er nach Wien, wo ihn sein älterer Bruder am Flughafen abholte und mit ihm nach Kärnten fuhr. Es dauerte Monate, bis er sich von der Krankheit erholte. Doch es war die Zeit, die er brauchte, um sich mit der Mutter zu versöhnen. Sie starb 1981 an Krebs. Flückiger erbte ihren alten Ford, packte seine Sachen und fuhr nach Bern. Die Schweiz war ein Hoffnungsschimmer am Horizont.

Jahrzehnte später, im Februar 2020

Es ist ein wolkenloser Tag im Emmental, Andreas Flückiger sitzt am Steuer eines senfgelben Polo, Brixton-Mütze, Fliegersonnenbrille. Das Auto gehört seiner Freundin. Er öffnet das Fenster einen Fingerspalt und zündet sich eine Zigarette an. Flückiger: So hiess seine alte Haut. Heute kennt ihn die Schweiz unter dem Namen Endo Anaconda, Sänger der Band Stiller Has, gegründet 1989 in Bern.

Beim Bahnhof Langnau hat er auf mich gewartet. Auf dem Parkplatz, wie beim letzten Mal ein paar Wochen zuvor. In einer dunkelblauen Jacke mit dem Logo des Arosa Humorfestivals. Um die Beine weht eine Anzughose, die Füsse stecken in schwarzen Crocs. Dann fahren wir talaufwärts, vorbei an vom Winter schmutzigen Wiesen. Mit jeder Ortstafel werden die Dörfer kleiner. Schliesslich steuert Anaconda den Polo auf einen Feldweg und hält vor einem Stöckli mit Laubengang und grünen Fensterläden.

Hier, im ersten Stock, befindet sich seine Wohnung mit Küche und drei Zimmern, die er seit achtzehn Jahren gemietet hat und in der er alleine lebt. Endo Anaconda hat drei Kinder von drei verschiedenen Frauen. Besonders treu sei er nie gewesen, sagte er in einem Interview. Dafür sei er ein guter Ex-Mann.

Das Treppensteigen bereitet ihm Mühe: Knie, Gelenke, Rücken. Je nach Wetter geht es besser. Oder schlechter. Drinnen riecht es nach alten Möbeln und Zigarettenrauch. Das Küchenbuffet aus den Fünfzigern reicht bis zur Profilholzdecke, die olivgrünen Wände passen zum hellbraunen Linoleum. Am Fenster steht ein schwerer Tisch, darüber lacht Andy Warhols Marilyn. Neben dem kleinen Ofen, der die ganze Wohnung heizt, ein Paar Halbschuhe guter Machart. Ein frei stehender Kühlschrank brummt, auf der Herdplatte steht eine Moka Express.

Im September wird Endo Anaconda 65 Jahre alt. Und im März erscheint «Pfadfinder», das sechzehnte Album von Stiller Has – wobei die Band in ihrer Originalbesetzung schon lange nicht mehr existiert: Nach dem Abgang von Multiinstrumentalist Balts Nill rüstete Anaconda das einstige Duo zur regulären Band auf, angeführt von René «Schifer» Schafer an der Gitarre. 2016 brach auch diese Formation auseinander. Seit 2017 hat Anaconda eine neue Gruppe um sich vereint, mit der er nun auch «Pfadfinder» einspielte. «Das wird unsere letzte Platte sein», sagte mir Anaconda bei unserer ersten Begegnung. Noch eine letzte Tournee, danach verstumme der Has, fertig, Schluss. Aber ohne Amen.

Endo Anaconda wirft Holz in den Ofen und holt zwei Tassen aus dem Schrank. Als die Moka Express zu gurgeln beginnt, schenkt er Kaffee ein und setzt sich an den Tisch. Seine Hände sind gross und gepflegt. Anaconda besitzt die Fähigkeit, mit dem einen Auge so zu starren, das man fürchtet, er wolle einen erstechen, während das andere gelassen zusieht. Seine Stimme ist laut und kernig. Er kann knurren wie ein Hund, um im nächsten Moment in höllisches Gelächter auszubrechen. Dazwischen lange Pausen, in denen er studiert, um dann dozierend in abgelegene Gebiete vorzudringen.

Das Magazin: Bei unserem letzten Treffen in dieser Küche haben wir über Ihre Kindheit und Jugend in Österreich gesprochen. Meine Aufzeichnungen enden mit der Rückkehr aus Kathmandu und dem Neubeginn in der Schweiz Anfang der Achtzigerjahre. Dort würde ich gerne anknüpfen.

Von mir aus.

1981 sind Sie im Ford Ihrer Mutter von Kärnten nach Bern gefahren …

Die Kühlerhaube war so lang, dass man einen Feldstecher brauchte, um das Ende zu sehen…

Und 1989 erschien Ihre erste Platte mit Stiller Has. Was haben Sie in den acht Jahren dazwischen gemacht?

Ich lebte in einem besetzten Haus, hing im AJZ rum, trank zu viel und war kleinkriminell. Dazwischen arbeitete ich in der Brasserie Lorraine, in einem Bioladen und war Monteur für eine Telefonautomatenfirma.

Ich realisierte, dass ich meine Jugend an eine linksextreme Wahnidee verschwendet hatte.

Die Fortsetzung Ihres alten Lebens in Wien? Einfach ohne Pferderennbahn… Mit dem Unterschied, dass ich keine harten Drogen mehr konsumierte, viel schrieb und den Wunsch verspürte, mit meinen Texten aufzutreten.

Sie haben mir erzählt, dass Ihnen die Schweiz ein Hoffnungsschimmer war. Warum?

In Österreich war meine ganze Sozialstruktur in sich zusammengefallen. Mit dem Ausschluss aus der Kommunistischen Partei verlor ich auf einen Schlag meinen Freundeskreis. Ich realisierte, dass ich meine Jugend an eine linksextreme Wahnidee verschwendet hatte. Und nach dem Tod meiner Mutter gab es für mich nichts mehr, was mich in Österreich gehalten hätte. Die Schweiz war ein Neubeginn.

Hatten Sie Freunde in Bern?

Ich kannte ein paar Leute aus dem Umfeld der Reithalle, wo ich auch Balts Nill und Schifer Schafer kennen lernte, meine späteren musikalischen Weggefährten. Bern hatte eine grosszügige Kulturförderpolitik, ich verdanke der Stadt und dem Kanton viel. Das alles wäre in Österreich nicht möglich gewesen. In der Schweiz wehte ein anderer Geist. Die Achtzigerbewegung in Bern und Zürich war kreativer, frecher als das sektiererische Umfeld, in dem ich mich in Wien bewegt hatte.

Ich merkte, dass mir die Musik ein Mittel war, meine Heimatlosigkeit auszudrücken, das Negative, die Traumata, die Liebe.

Ihre erste Band war die Experimentalcombo «Andreas Flückiger und die Alpinisten».

Das war improvisierte Musik, zu der ich meine Gedichte und Wortspiele vorgetragen habe. Heute nennt man das Slam Poetry. Das war lustig, gleichzeitig war ich komplett ambitionslos. Ich hatte nicht im Sinn, damit irgendetwas zu erreichen.

Sie untertreiben: Ihre Band Stiller Has gehört zum Kulturgut der Schweiz, Songs wie «Wallisellen» oder «Aare» sind Gassenhauer…

Meine Einstellung zur Kunst änderte sich, als 1992 meine Tochter zur Welt kam. Da wusste ich: Jetzt musst du in die Hose. Ich nahm einen Job als Behindertentaxifahrer an und wollte mit der Musik vorankommen. Vor allem aber merkte ich, dass mir die Musik ein Mittel war, meine Heimatlosigkeit auszudrücken, das Negative, die Traumata, die Liebe. Darum hatte der Blues so einen grossen Einfluss auf die früheren Sachen, die wir mit Stiller Has gemacht haben. Elmore James, Bessie Smith, John Lee Hooker, Blind Lemon Jefferson, Robert Johnson…

Gab es auch einheimische Vorbilder?

In der Schweiz war es Mani Matter, in Österreich Helmut Qualtinger und Georg Kreisler. Besonders Kreisler war in meiner Jugend im linken Umfeld ein ziemlicher Hero. Ich habe ihn später, als wir 1995 mit Stiller Has den Salzburger Stier gewannen, bei der Preisvergabe kennen gelernt. Der hatte so ein weiches Pianistenhändchen.

Ich kann nicht verleugnen, dass ich Raubbau an mir selbst betrieben habe.

«Pfadfinder» soll nun die letzte Platte von Stiller Has sein. Warum?

Ich bin sehr zufrieden mit dem neuen Album, schon fast euphorisch, aber nach so langer Zeit hat man es auch ein wenig gesehen. Die immer gleichen Orte, das gleiche Catering, die gleichen Backstage-Räume. Allmählich spüre ich eine Unrast. Auch einen körperlichen Druck. Ich kann nicht verleugnen, dass ich Raubbau an mir selbst betrieben habe.

Aber die Auftritte, die Bühne, Ihre Fans – werden Sie das nicht vermissen?

Die Auftritte schätze ich sehr, nur das Drumherum nicht mehr. Das Leben ist der ordentliche Wahnsinn, die Bühne der ausserordentliche. Das wird mir langsam zu viel. Aber es stimmt schon, das Publikum ist mir wichtig. Im besten Fall entsteht bei einem Konzert ein Gefühl von Gemeinschaftlichkeit. Privat meide ich grössere Gruppen.

Was werden Sie nun tun?

Dass ich mit Stiller Has aufhöre, bedeutet ja nicht, dass ich nicht mehr auftreten darf. Ich kann mir eine Zukunft als Solist vorstellen, mit einem kleinen Orchester oder einem Pianisten, so wie Jacques Brel oder Yves Montand. Ausserdem warten stapelweise Gedichte und Texte darauf, sortiert zu werden.

Dreieinhalbtausend Franken im Monat reichen. Das gibt mir den Luxus, frei zu sein.

Seit wann können Sie von der Musik leben?

Seit unserem Album «Landjäger», das 1994 erschien. Von da an verkauften wir lange Zeit um die 40 000 Einheiten pro Album. Heute sind es noch an die 8000, mit Downloads vielleicht 10 000.

Kommen Sie damit durch?

Ich lebe bescheiden. Dreieinhalbtausend Franken im Monat reichen. Das gibt mir den Luxus, frei zu sein. Ich muss keinen Besitz anhäufen. In meinem Alter sinkt die Lebenserwartung mit jedem Tag. Natürlich fände ich es schön, noch etwas Zeit mit meinen Kindern zu verbringen und ein paar Gedichte zu schreiben, aber es ist kein Menschenrecht, alt zu werden.

Sehen Sie sich eher als Dichter denn als Musiker?

Ich bin ein umgangssprachlich dichtender Sängerpoet und erzähle Geschichten, in die meine Hörer einen Anker werfen können. Natürlich ist da eine Doppelbödigkeit. Zum Beispiel in meinem Lied «Moudi»: Da sagen mir die Leute oft, dass sie zu Hause auch so einen Kater haben, einen Moudi. Die wenigsten ahnen, dass dieser Kater die Visualisierung eines Dämons ist, vor dem ich mein Leben lang auf der Hut sein muss. Einerseits ist er zärtlich wie ein Haustier, andrerseits böse, unverschämt, haltlos.

Andere schlucken Psychopharmaka, ich therapierte mich mit Sugar.

Sie waren zeitweise auf Heroin. Mögen Sie erzählen?

Beim Heroin schwang eine gewisse Romantik mit, befeuert durch die Bücher von William Burroughs und Thomas De Quincey. Aber der Stoff war viel zu teuer, als dass wir es uns leisten konnten, süchtig zu werden. Heute kostet das Gramm noch sechzig Franken.

War das jugendlicher Leichtsinn oder bewusste Selbstzerstörung?

Es war ein politischer Akt. Eine Provokation. Ein Tanz am Abgrund. Ich suchte das Risiko und die Ächtung durch die Gesellschaft, gegen die ich rebellierte. Aber Opiate waren für mich immer auch ein Versuch der Selbstheilung. Wer weiss, vielleicht wäre ich heute ohne Heroin längst tot.

Warum?

Weil ich mich aus Verzweiflung umgebracht hätte. Andere schlucken Psychopharmaka, ich therapierte mich mit Sugar.

War das Nahtoderlebnis 1979 in Nepal so was wie eine Warnung?

Ja. Aber mit 55 fing ich noch einmal an und war dann sieben Jahre drauf. Allerdings habe ich da nicht mehr gefixt, nur noch geschnupft.

Wie konnte das passieren?

Es war eine verrückte und intensive Zeit. Ich war dauernd auf Tournee, mit dem Has ging es so richtig ab, es war unser Höhepunkt, viel Presse, viel Aufmerksamkeit, ich stand ständig auf der Bühne. Gleichzeitig ging ich durch eine Scheidung und hatte starke körperliche Schmerzen…

So habe ich noch einmal angefangen. Stereo – durch das eine Nasenloch das Koks, durchs andere das Heroin.

…woher kamen die Schmerzen?

Ich wog 140 Kilo. Das geht einfach nicht auf die Dauer. Als Kind hatte ich bei einem Sturz die Wirbel angebrochen, das Steissbein, das Becken, fast alle Rippen. Das wuchs schräg zusammen, und entsprechend schief ist seither mein Gang. In Kombination mit meinem Gewicht führte das über die Jahrzehnte zu Rücken-, Gelenk- und Knieproblemen. Gegen die Schmerzen liess ich mir starke Analgetika verschreiben. Diese kitzelten meine alte Liebe für Opiate wieder hervor. So habe ich mit 55 noch einmal mit Heroin angefangen. Und gekokst gleich auch noch. Stereo – durch das eine Nasenloch das Koks, durchs andere das Heroin.

Das Gewicht setzte ihm zu: Endo Anaconda 2002 an einem Konzert in Basel. Foto: Tino Briner
Das Gewicht setzte ihm zu: Endo Anaconda 2002 an einem Konzert in Basel. Foto: Tino Briner

Der Effekt?

Es gab mir eine Art gelassene Euphorie. Meine Reflexe, damit aufzuhören, versagten total. Dabei wusste ich: Drogen versprechen alles und halten nichts. Erschwerend kam hinzu, dass ich kaum durch Bern laufen konnte, ohne jemanden zu treffen, von dem ich wusste, dass er mir den Stoff besorgen könnte. Und ich hatte genug Geld im Sack, denn mit dem Has lief es ja gut. Die Dealer wussten immer, wo ich war.

Wann wurden Sie wieder clean?

Einen ersten Versuch unternahm ich 2012, nachdem ein Tumor auf einer Nebenniere diagnostiziert worden war. Ich wurde süchtig ins Spital eingeliefert und operiert. Nach meiner Entlassung versuchte ich mich selbst zu therapieren, hier in meiner Wohnung. Ich habe wochenlang geheult. Nicht wegen der körperlichen Schmerzen des kalten Entzugs, die waren nach einer Woche vorbei, aber die Depressionen, die Unfähigkeit, Glück zu empfinden, alles, was ich mit den Drogen betäubt hatte, brach jetzt wie ein Stausee aus seinem Damm. Ich schaffte es gerade noch, mich vom Bett zum Sofa und zurück zu schleppen. Eine Zeit lang zog ich das durch, doch ich wurde immer wieder rückfällig. Vor drei Jahren hat es plötzlich klick gemacht. Ich wusste: Das ist meine letzte Chance, wenn ich am Leben bleiben will.

Haben Sie nie daran gedacht, zu einer Selbsthilfegruppe zu gehen?

Ich bin nicht der Kreisli-Typ. Es gibt Leute, denen hilft das, mir nicht.

Als der Einsiedler, der ich bin, wird man hier in Ruhe gelassen, ohne sich deswegen einsam zu fühlen.

Trinken Sie noch Alkohol?

Als ich mit den Drogen aufhörte, trank ich pro Tag eine Flasche Whisky. Seit einem Jahr bin ich abstinent. Ich bin trockener Alkoholiker. Als ich noch trank, verging kein Tag ohne Suizidgedanken. Wenn es mir heute schlecht geht, hocke ich das aus. Ich kenne meine Abgründe. Meinen Moudi.

Wie fühlt sich die Nüchternheit an?

Nüchternheit muss man lernen. So wie an einem Stock zu gehen. Ansonsten bin ich heute viel nervöser, bevor ich auf die Bühne steige. Da fehlen mir die zwei Flaschen Weisswein. Zudem hinterfrage ich ständig meine Texte. Früher schrieb ich was im Suff und war zufrieden. Heute bin ich strenger.

Wie geht es mit den Schmerzen?

Manchmal gut, manchmal fühle ich mich wie Henry VIII. Der Kraftraum hilft. Es braucht Überwindung hinzugehen, aber wenn ich rauskomme, fühle ich mich als Sieger. Ich will nicht klagen und habe kein Mitleid mit mir.

Sie leben seit achtzehn Jahren im Emmental. In Trachselwald, nicht weit von hier, führten Ihre Grosseltern einen Bauernhof. Was bedeutet Ihnen diese Gegend?

Ich hatte ja nie eine richtige Heimat. Der Blick aus dem Küchenfenster über das Land meiner Ahnen gibt mir aber eine Idee davon, auch wenn ich hier keine Verwandten mehr habe.

Ist es die Idylle, aus der Sie mit fünf Jahren gerissen wurden?

Idyllisch ist vermutlich anders. Aber mir gefällt das Morsche. Es ist ja auch ein wenig wie Dodge City hier. Der Wilde Westen der Schweiz. Als der Einsiedler, der ich bin, wird man hier in Ruhe gelassen, ohne sich deswegen einsam zu fühlen. Ich mag den Austausch mit den Leuten. Wenn ich im Dorfladen oder am Kiosk mit jemandem scherze, hat das für mich unschätzbaren Wert. Aber ich ziehe mich auch gern wieder zurück in meine Höhle.

Der Kommunismus hat mich geprägt, geistig, intellektuell, in jeglicher Hinsicht.

Im Internat, das Sie bei unserem letzten Gespräch als «Gefängnis» beschrieben haben, hörten Sie heimlich Radio Luxemburg. War das Ihre Verbindung zur grossen weiten Welt.

Auf jeden Fall. Der Alltag im Internat war schlimm. Das förderte meine Opposition zu Kirche und Gesellschaft. Die Musik positionierte mich. Das geschah parallel zu meiner Politisierung, die ihren Ursprung im Protest gegen den Vietnamkrieg hatte. Das Foto von dem Napalm-Mädchen, das um die Welt ging, hatte mich geschockt. Auch wenn mich das Internat zum Pfaffenfresser gemacht hatte und ich der Kommunistischen Partei beitrat, war ich noch immer katholisch imprägniert: Der Krieg in Vietnam war moralisch verwerflich.

Sie sind vom Katholizismus zum Kommunismus konvertiert…

Dieser Schritt war für mich so wichtig wie die Mondlandung 1969 für die Menschheit, als zum ersten Mal zu sehen war, wie die Welt aufging. Der Kommunismus hat mich geprägt, geistig, intellektuell, in jeglicher Hinsicht. Ich habe zum Glück nie mit dem Denken aufgehört, darum sehe ich diese Zeit heute auch selbstkritisch.

Inwiefern?

Als es mit dem Linksterrorismus losging, konnte ich das nicht mehr vertreten. Die Gewalt war eine Grenzüberschreitung. Als dann auf dem Titel der «Kronen-Zeitung» Fotos von Freunden abgedruckt waren, die als Terroristen gesucht wurden, ging mir das so an die Nieren, dass ich mich von diesem Wahn verabschiedete. Für diese Form der Gewalt bin ich nicht der Typ, auch wenn ich damals sehr geladen war. Heute bin ich überzeugter Demokrat.

Man sagt, aufs Alter wird der Mensch wieder gottesfürchtig. Wie ist das bei Ihnen?

Während der Primarschulzeit in Kärnten war ich Messdiener. Das war eine erste Phase der religiösen Auseinandersetzung und hat mir gefallen. Katholizismus ist wie Rock ’n’ Roll. Eine rituelle Überhöhung. Das Internat hat dann alle Religiosität aus mir herausgeprügelt. Trotzdem ist ein Restposten an Frömmigkeit übrig geblieben.

Wie äussert sich die?

Ich betrete keine Bühne, ohne mich vorher zu bekreuzigen. Auch an einer schönen Kirche gehe ich nicht vorbei, ohne drinnen eine Kerze für meine Liebsten anzuzünden. Sakrale Räume haben eine Erhabenheit, weil darin Menschen ein höheres Wesen imaginieren. Das rührt mich auf seltsame Art. Vielleicht weil ich zu viel Kraft und Schmerz investiert habe, um Gott zu entthronen, als dass ich mich heute über Gläubige lustig machen würde.

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