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Entscheidend ist die freie Haltung

Er war Konzertgitarrist, doch erst als Schlagzeuger fand der Zürcher Heinz Geisser zu seiner eigenen Musik. Am liebsten würde er spielen, wie naturbelassene Flüsse ihrem Lauf folgen.

«Als ob du eine Band in den Händen hältst»: Heinz Geisser über sich als Schlagzeuger. Foto: Sabina Bobst
«Als ob du eine Band in den Händen hältst»: Heinz Geisser über sich als Schlagzeuger. Foto: Sabina Bobst

Wer den Zürcher Schlagzeuger Heinz Geisser zu Hause besucht, bekommt in seinem Übungsraum das zu sehen, was man bei kreativen Schlagzeugern immer zu sehen bekommt: Dutzende von Schlagzeug-Cymbals. Viele Trommeln. Hunderte Schlegel. Denn Schlagzeuger führen ein Leben lang eine Materialschlacht auf der Suche nach dem idealen Klang ihres Sets.

In Heinz Geissers Wohnung werden auch Spuren eines anderen Musikerlebens sichtbar. Seine Hand fährt über das dunkle Holz einer akustischen Konzertgitarre. «Die ist aus Granada.»

Geisser ist im bürgerlichen Beruf klassischer Gitarrist. 1986 hat er am damaligen Konservatorium Zürich sein Gitarrenstudium mit dem Konzertdiplom abgeschlossen, heute unterrichtet er an der Kantonsschule Wiedikon. Kürzlich gab der 57-Jährige auch mal wieder ein Solorezital, er spielte Bach, John Dowland und Heitor Villa-Lobos. Doch dieser Auftritt mit klassischer Sologitarre war der erste seit 15 Jahren und hatte sich zufällig ergeben. Obwohl er sich der Gitarre weiter verbunden fühle, sagt Geisser, sehe er sich nicht mehr als Konzertgitarrist, der allein auf die Bühne gehe. Schon vor längerem habe er gespürt: «Ich will mich befreien!»

Nicht mehr einsam sein

«Am Schlagzeug bin ich das Gegenteil eines einsamen Konzertgitarristen», sagt Heinz Geisser. Und genau so ist es auch zu hören auf der jüngsten Platte von Heinz Geissers langjährigem Improvisations-Ensemble 5 mit dem Posaunisten Robert Morgenthaler, dem Pianisten Reto Staub, dem Kontrabassisten Fridolin Blumer und dem Gastmusiker Elliott Levin.

Geisser spielt in «Moods & WIMS», einem epischen, 35-minütigen Track, meist dezent, sieht sich mit seinen Rhythmen und Geräuschen auf dem Schlagzeug als Teil eines grösseren Ganzen. «Als Schlagzeuger im Jazz bist du derjenige, der die Fühler ausstreckt zu den anderen Instrumentalisten einer Band», erklärt Geisser dazu. «Es ist, als ob du eine Band in den Händen hältst, sie in allen Dimensionen durchdringst oder umarmst.»

Auf dem Livealbum, das in Bern aufgenommen wurde, ist eine sich vorerst ganz leise zusammensetzende, frei improvisierte Ensemblemusik zu hören. Die Klangfragmente durchdringen sich, ballen sich, driften auseinander – in einem sublimen Farbenspiel.

Schon als Siebenjähriger trommelte Geisser, was das Zeug hielt, auf Tischen und Kübeln.

«Ich hatte schon ganz früh in meinem Leben, noch bevor ich Gitarre zu spielen begann, einen Bezug zur improvisierten Musik», erklärt Heinz Geisser. Schon als Siebenjähriger habe ihn der Blues in den Bann gezogen, er hörte Alben der Yardbirds oder von John Mayall: «Ich trommelte zu den Schallplatten, was das Zeug hielt, auf Tischen, Kübeln und was sich sonst noch finden liess.» Im Grunde sei sein Wechsel von der Gitarre zum Schlagzeug später eine «Rückkehr» ­gewesen.

Wichtige Wegmarken bei der schlagzeugerischen Selbstfindung Geissers waren in den 80er-Jahren die Workshops des Jazz-Kontrabassisten K.T. Geier im Zürcher Bazillus-Keller. «Geier hat mir den Jazz gleichsam vorgelebt. Hatte ich, was des Öfteren vorkam, keine Noten für eines der Stücke dabei, sagte er jeweils: ‹Komm, das ist doch kein Problem. Spiel doch einfach nach Gehör. Du kannst das!›» Geier habe ihn gelehrt, dass Jazz weniger ein Stil als vielmehr eine Spielhaltung sei. Diese freie Haltung finde sich in allen Epochen des Jazz, ob einst bei Duke Ellington oder heute bei Robert Glasper.

Das Unbewusste zulassen

Entscheidend für Geissers Durchbruch, für seinen Schritt von einem improvisierten Jazzspiel über noch vorgegebenen Akkorden hin zu einer ganz frei improvisierten Musik waren dann ab dem Jahr 1992 mehrere Aufenthalte in New York. Zusammen mit Spitzenmusikern aus dem Umkreis von Free-Pionier Cecil Taylor, unter anderem dem Kontrabassisten William Parker, gründete er das Collective 4tet, das insgesamt sechs Alben veröffentlichte.

Das Livealbum von Geissers Ensemble 5 zeigt, wohin eine befreit klingende Musik zwischen zeitgenössischer Klassik und Jazz kommen kann – durch eine Haltung, die alles zulässt und auch dem eigenen Unbewussten gegenüber offen ist, in dem sich die eigene musikalische Biografie sammeln mag.

Freie Improvisation schliesst Formbewusstsein nicht aus, im Gegenteil. Die grösste Lehrmeisterin in Sachen Form sei die Natur, sagt Geisser. Ihre unendlich vielfältigen Formen, aus Unbedarftheit oft als chaotisch beschrieben, bewundere er sehr.

«Oft fliege ich mit meiner japanischen Frau nach Japan, der Flug führt über Sibirien. Und wenn ich sehe, wie die natürlich belassenen Flussläufe des Amur- oder des Ob-Flusses sich durch die Landschaft schlängeln – das ist so faszinierend», erzählt Geisser. «Und wenn ich es schaffe, meine Musik in solche Formen zu bringen – besser kann ich es nicht machen.»

Heinz Geisser: Ensemble 5 – Live, featuring Elliott Levin (Leo Records). Konzert: 20. März, WIM, Zürich.

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