Er erfand die Bad-Bonn-Kilbi

Zwischen Bauernhöfen in Düdingen (FR) steigt jährlich ein spleeniges Musikfestival. Es ist so gut, dass die Besucher aus dem Ausland anreisen.

«Die Einmaligkeit von Bad Bonn hat mit diesem offenen Himmel zu tun»: Daniel Fontana auf dem Kilbi-Gelände. Foto: Adrian Moser

«Die Einmaligkeit von Bad Bonn hat mit diesem offenen Himmel zu tun»: Daniel Fontana auf dem Kilbi-Gelände. Foto: Adrian Moser

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Bad Bonn bei Düdingen FR mutet lauschig an, an diesem sonnigen Vormittag. Es riecht nach frisch gemähter Wiese, Spaziergänger drehen ihre Runden. Jahrhundertelang sind hier Kranke zur Kur angereist. Bad Bonn bestand aus Haus, Hof, Bad und einer Kapelle, wo ab dem späten 15. Jahrhundert geschröpft, geheilt, gebadet und gebetet wurde. Einmal im Jahr wurde die Dorfbevölkerung zu Trunk und Tanz aufgeboten; an der Bad-Bonn-Kilbi soll so manche Düdinger Liebelei ihren Anfang genommen haben. 1960 wurde hier der Heimatfilm «Anne Bäbi Jowäger» gedreht, bis das ganze Kur-Konglomerat 1963 vom Militär in die Luft gesprengt und unter dem gestauten Schiffenensee ertränkt wurde.

Vor dem Landgasthof Bad Bonn, der heute einer der innovativsten Konzertclubs der Schweiz ist, sitzt Daniel «Duex» Fontana und blinzelt in die Sonne. Er zeichnet dafür verantwortlich, dass auch heute noch nach Bad Bonn gepilgert wird. Es sind nicht die Kranken, die heute kommen, sondern die Anhänger kranker Musik, wie von Einheimischen bisweilen gespöttelt wird.

Und auch die Bad-Bonn-Kilbi ist, seit sie von Herrn Fontana veranstaltet wird, nicht mehr das Fest der Kirchweihe, das es einst war. Es ist ein weltweit berühmtes und geschätztes Festival der ungeläufigen Musik, an welchem seit 1991 so ziemlich jede Band aufgetreten ist, die in der Independentszene berühmt und/oder berüchtigt ist.

«Ziemlicher Mist»

Daniel Fontana mag die Kunst der Überrumpelung: «Eigentlich verstehe ich ja überhaupt nicht viel von Musik», sagt der 52-Jährige zur Gesprächseröffnung und grüsst einen vorbeifahrenden Traktorführer. Und er hat Belege für seine Behauptung: Er sei ein musikalischer Spätzünder gewesen, habe lange gehört, was man auf dem Land halt so höre: «Abba, Talk Talk, AC/DC – alles ziemlicher Mist, im Nachhin­ein.» Als er Mitte der Achtzigerjahre mit Kollegen das Johnny’s Pub im Düdinger Dorfzentrum übernahm, lief da zwar auch schon mal härterer Metal, doch Musik spielte im Leben des Daniel Fontana auch damals noch keine Rolle, als im ­unweit gelegenen Freiburger Fri-Son die Subkultur schon rauschende Feste feierte. Er mochte das Gesellige, die Gastgeberrolle. Auch als der gelernte Kaufmann 1991 den Betrieb des Bad Bonn übernahm und erste Konzerte veranstaltete, lief da noch ziemlich ordinärer Blues und Rock über die Beschallungsanlage.

Doch wie konnte aus einem Dorfpubbetreiber der renommierteste Schweizer Veranstalter von Randständigenmusik werden? Wie sind der Lärm und die ­musikalische Unwucht in sein Leben ­gekommen?


Bilder: Impressionen der Bad-Bonn-Kilbi 2017


Daniel Fontana zündet sich eine selbst gedrehte Zigarette an, grüsst einen Jogger und überlegt: «Ich habe mich seit 1991 mit nichts anderem als mit diesem Haus und dem Booking befasst. Man gräbt immer tiefer, man entdeckt immer mehr», sagt er – und irgendwann habe er festgestellt, dass es die ungeläufige, ­speziellere Musik sei, die ihm die Freude an der Arbeit aufrechterhielt. «Natürlich hat auch die Provokation eine Rolle ­gespielt», ergänzt der verheiratete Vater zweier erwachsener Töchter. «Ich wollte beweisen, dass man auch ohne Gassenhauer, Deko und Pausenclowns in einem Landclub eine gute Stimmung kreieren kann. Das war mein Ehrgeiz. Und weil ich ein sehr ehrgeiziger Mensch bin, habe ich ausgelotet, wie weit ich dabei gehen kann.»

Selbst bestinformierte Musikkenner treffen hier auf Bands, von deren Existenz sie zuvor noch nichts wussten.

Die Bands, die in Bad Bonn auftraten, hatten immer weniger mit Blues und Rock zu tun – sie hiessen The Prodigy, Queens of the Stone Age, Ministry, Cat Power – und waren noch weitgehend unbekannt. Fontana entwickelte ein hervorragendes Timing, Bands in jenem Stadium ihrer Karriere zu buchen, bevor sie zur Welteroberung ansetzen. Die Dorfjugend, die während der Soundchecks der Gruppen oft noch jassend den Stammtisch besetzte, war zunehmend irritiert. Und weil die Menschen aus dem Sensebezirk zutrauliche und kontaktfreudige Gesellen sind, sei es öfters vorgekommen, dass aus der Jassrunde ziemlich unbequeme Fragen an die um Anderssein bemühten ­Musiker gerichtet wurden. So sei der Vorsteher einer weltweit bekannten Untergrundband von einem Düdinger Kartenspieler gefragt worden, warum er sich ausgerechnet für den Gesang entschieden habe, obwohl er diesen doch offensichtlich nicht beherrsche. «Ich glaube, in meinem Club nahmen schon viele musikalische Sinnkrisen ihren Anfang», sagt Fontana mit einem Schmunzeln und grüsst einen vorbeifahrenden Handwerker.

«Kein gesundes Leben»

Wenn es den Stadt-Land-Graben gibt, dann verläuft er direkt durch diese Lokalität. Ab 16 Uhr gönnen sich hier die lokalen Gewerbetreibenden ein Feierabendbier, am Abend treffen die Nerds, die Hipster und Klangforscher ein, zum Vorwegnehmen der musikalische Zukunft. Oder es werden Spiele des HC Fribourg-Gottéron gezeigt. Berührungsängste kennt man hier nicht.

Auf die Frage, ob er sich oft beim ­Gedanken ertappe, dass sein Leben ­womöglich einfacher wäre und die Kassen voller, stünde sein Club in einer hippen Grossstadt, winkt Daniel Fontana ab. «Er muss genau hier stehen. Ich bin hier geboren, ich bin hier verwurzelt, diese Vermischung zwischen ländlicher Bockigkeit und internationalem Flair gäbe es in einer Stadt nicht. Die Einmaligkeit von Bad Bonn hat mit diesem offenen Himmel zu tun, mit dem Mix der Kulturen und mit der Langeweile dieses Dorfes», sagt er im singenden Sensler-Dialekt und grüsst eine Frau mit Kinderwagen.

Dass sich die zahllosen Nächte zwischen Dorf- und Subkultur in seiner Physiognomie ziemlich deutlich eingefurcht haben, bestätigt er mit einem breiten Grinsen: «Es ist bestimmt kein gesundes Leben, das ich führe. Aber ein intensives.» Zum Ausgleich spiele er Tennis («ich bin auf dem Platz unwahrscheinlich schnell»), und wenn er nicht an irgendeinem Festival auf der Suche nach Neuem ist, spaziert er gerne an der Sense oder schaut sich Fussballspiele an.

Interview mit Bad-Bonn-Kilbi Veranstalter Daniel Fontana. Video: Youtube/Freiburger Nachrichten

Im Dorf werden sowohl der Club wie auch das Festival – nach anfänglichen Akzeptanzproblemen – längst als Bijou wert­geschätzt. Es werden Hochzeiten gefeiert, und der eine oder andere Behördenvertreter habe hier schon seinen Geburtstag begangen. Der Club weist eine Eigenfinanzierungsquote von 90 Prozent auf, der Rest wird von der Loterie Romande und der Agglo Freiburg gedeckt.

Ein unguter Herdentrieb

Findet im Bad-Bonn-Club bloss eine Hunderterschaft Musikinteressierter Platz, reisen für die Bad-Bonn-Kilbi jedes Jahr 3000 Neugierige aus der ganzen Welt nach Düdingen – seit einigen Jahren ist das Festival jeweils innert weniger Stunden ausverkauft. Selbst bestinformierte Musikkenner und Festivalveranstalter treffen hier auf Bands, von deren Existenz sie zuvor noch nichts wussten. In den letzten Jahren hat sich das Spektrum dieser musikalischen Fundgrube vom Indie-Rock weiter in Richtung Jazz, afrikanischer oder asiatischer Musik geweitet. «Würde ich nicht mehr Neues entdecken wollen, müsste ich etwas anderes tun», sagt Fontana, der sich über Magazine, ­Radio (Lieblingssender: NTS) und im Austausch mit Musikern über neue Bands informiert.

Dennoch glaubt er in der europäischen Indie-Szene einen unguten Herdentrieb festzustellen, von dem er sich selber keineswegs ausnehmen mag: «Das Angebot an Bands, die Neues wagen, ist extrem gross. Trotzdem buchen wir fast alle das Gleiche», sagt er und steigert sich in eine kleine Tirade gegen die Indie-Szene. «Alle lesen dieselben Magazine, alle folgen denselben Szene-Hypes.» Aus der Furcht heraus, eine gänzlich unbekannte Band könnte floppen, engagierten sie lieber jene Acts, die auf den einschlägigen Plattformen «Pitchfork» oder «Spex» gefeiert würden. «So bewegen auch wir uns in einem geschützten Rahmen. Dem­entsprechend sehen Ende Jahr alle Indie-Jahresbestenlisten gleich aus.»

Das Naheliegende tun

Für seine Bad-Bonn-Kilbi sieht Fontana die Möglichkeit, künftig noch mehr zu wagen und aus diesem Indie-Kanon auszubrechen: «Das Publikum ist treu, es schätzt die Herausforderung. Irgendwie gefällt mir der Gedanke, die Grenzen noch weiter auszuloten und damit das Festival meinetwegen in Schönheit und Lärm an die Wand zu fahren.»

Es gibt nichts, was diesem Bad Bonn ähnelt. Und vom Aussterben bedroht sind die Veranstalter, welche sich die Mühe machen, die Welt in die Provinz zu holen. Als Leistung sieht Daniel Fontana das, was er hier tut, nicht. «Es ist das Naheliegende», sagt er und grüsst freundlich den Bauern vom benachbarten Hof.

Die Bad-Bonn-Kilbi findet von Do, 31. Mai, bis Sa, 2. Juni, in Bad Bonn bei Düdingen statt. Zum Aufwärmen co-präsentiert die Kilbi das heutige Konzert von Thom Yorke in der Halle 622 in Zürich.

Erstellt: 30.05.2018, 08:44 Uhr

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