Er ist auf seiner Mission

Der Berner Nativ beansprucht für sich die Königsrolle im Schweizer Rap-Untergrund. Sein neues Album «Baobab» zeigt, wieso das nicht vermessen ist. 

Thierry Gnahoré alias Nativ macht Musik, weil er das Gefühl hat, dass man in der Politik zu einem «Arschloch» wird.

Thierry Gnahoré alias Nativ macht Musik, weil er das Gefühl hat, dass man in der Politik zu einem «Arschloch» wird. Bild: Adrian Moser

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Alles ist so nice, so wow, behauptet hier einer. Aber natürlich glaubt man dem Rapper kein Wort. Zu abgelöscht ist sein Ton, in dem er diese Alles-Super-Phrasen repetitiv abspult, zu drastisch der Beat, der tief in einen melodielosen Raum fällt. Tanzen oder ausgelassen pogen, so, wie das bei Nativs furiosen Auftritten so viele tun, kann man zu «Nicce» schon. Aber sich ganz verlieren und alle Sorgen dieser Welt vergessen? Das kann selbst im Partymodus kein Mensch.

Oder doch? Thierry Gnahoré, wie Nativ bürgerlich heisst, kennt diese Menschen, denn sie zählen zu seinen Hörern. Für sie ist «Nicce» einfach eine grosse Partyhymne, erzählt er im Gespräch in einem Berner Café im Lorrainequartier. «Sie checken nicht, dass ich auch zu ihnen rede, wenn ich rappe: ‹Wenn du Ignoranz suechsch, de muesch o i Spiegu luegä›.» Aber diese Leute bestätigen Gnahoré. Denn er spürt dann: Seine Musik wird gehört – nicht nur von jenen, die ihn verstehen, sondern in den verschiedensten Kreisen.

Und sie wird gekauft. Nativs neues Album «Baobab» stieg auf dem dritten Platz der Schweizer Hitparade ein. Ganz ohne Streams; das Album, das er auf seinem eigenen Label veröffentlicht hat, gibts nur zu kaufen. «Musik ist mein Job, ich muss daran verdienen», sagt Gnahoré, der frühere Mixtapes zuweilen auch verschenkt hat. Er will mit seiner Veröffentlichungsstrategie aber betonen, dass Musik nicht einfach ein Gratisgut sei: «Die Leute hören sich ein Album, das sie gekauft haben, anders an. Und sie tragen die Botschaft weiter.»

Überall ein «Mischling»

Die Botschaft, die Message, die Bewegung: Es sind grosse Worte, die im Gespräch mit dem sehr ernsthaften und sehr präsenten Nativ immer wieder fallen. Aber sie klingen nicht vermessen, auch dann nicht, wenn sich der 24-jährige Berner die Königsrolle im Schweizer Rap-Untergrund zuschreibt. Denn Nativ, der zuerst mit seiner Crew S.O.S. aufgefallen ist (der Notruf steht bei ihnen für «Saviours of Soul»), fühlt sich berufen, mit seinen Texten und Tracks etwas mitzugeben. Das «Mindset» zu ändern, wie er das nennt.

Das N-Wort zählt zu seinem Alltag. Denn überall ist 
Nativ ein Exot.

Aber nicht so, wie die Rapper Lil’ Pump und «all die anderen Lil’s», die die Hip-Hop-Schlagzeilen beherrschen. Oder wie 6ix9ine, der wegen zahlloser Delikte und Sex mit einer Minderjährigen derzeit im Knast sitzt: «Das Einzige, was diese Rapper vermitteln, ist Sexismus, Kapitalismus, Homophobie. Eigentlich alles, was schlecht ist.» Und wenn jemand rappt, «dass es geil ist, Menschen zu erschiessen, geil ist, Frauen zu misshandeln», dann sei dies eine Gefahr für die Gesellschaft. «Ein 15-Jähriger kann das ja noch nicht unterscheiden, und er will so leben wie seine Vorbilder.»

Nativs Rap ist da anders, und er ist angetrieben von seiner Biografie: Im Agglodorf Niederscherli verbrachte er eine fast normale Jugend, wie Gnahoré sagt, war ein recht braves Kind und in der Schule einer der Einzigen mit Migrationshintergrund. Der Vater – Heimatland Elfenbeinküste – zog früh aus; erst später hat sich Gnahoré, der oft bei der Grossmutter wohnte, weil die Mutter schuften musste, für ihn zu interessieren begonnen, dann, als er wissen wollte, wo seine Wurzeln eigentlich liegen. Das N-Wort zählt zu seinem Alltag (und er benutzt es auch in seinen Texten). Denn überall ist der «Mischling», wie sich Nativ selber bezeichnet, ein Exot: In der Schweiz, wo er ein Schwarzer ist – und in der Elfenbeinküste, wo er als Weisser gilt.

«Einerseits sehe ich das Gute in mir, bin einer, der die Welt verändern will. Gleichzeitig habe ich auch eine kaputte Seite, die ignorant ist.»Thierry Gnahoré alias Nativ

«Baobab» thematisiert diese Zerrissenheit bereits mit dem Cover, auf dem das Gesicht in eine schwarze und eine weisse Hälfte gespalten ist und nur zusammengehalten wird vom Lebensbaum. Man hört in verschiedenen Tracks, wie Nativ die Frage nach der Herkunft, die man ihm, dem Schweizer, ja immer stellt, verhandelt. Dann etwa, wenn er im ersten Track «Sanspapier» rappt, dass er einfach aus der Vagina seiner Mutter komme.

Man hört es vor allem im hässigen «Noir», wenn er mit der manipulierten Stimme eines Rächers anhebt: «Du fragsch mi, werum ig mi immer ha schwärzer gfühlt aus wiis? S’isch ganz eifach, wägä euch.» Der Alltragsrassismus geht nun nicht mehr bloss von den «Füdlibürgern» aus, wie er in einem früheren Stück rappte, sondern von uns allen.

Schwärzer als weiss: Gnahoré fühlte sich auch bei jenen Episoden so, die immer noch hervorgekramt werden, wenn über ihn berichtet wird. Bei jener, als er, der damals bei der Stadt Bern angestellt war, beim Staatsbesuch des damaligen französischen Präsidenten François Hollande ein Stinkefingerselfie gemacht hat, das es via Fotoagentur in die Zeitungen geschafft hat. Oder als ihm die Einreise in die USA verweigert wurde, als er das New-York-Musikstipendium Berns antreten wollte.

Die Zerrissenheit, die er auf dem Cover abbildet, münzt Nativ aber auch auf seinen Charakter um. Er führe einen inneren Kampf, sagt er, während er mit seinem Fuss nervös unter dem Beizentisch tappt. «Einerseits sehe ich das Gute in mir, bin einer, der die Welt verändern will, ambitioniert und hoffnungsvoll ist. Gleichzeitig habe ich auch eine kaputte Seite, die ignorant ist, sich nicht um Politik kümmern und auch nichts von ihr wissen will, und lieber in den Ausgang geht.»

Härte und Hoffnung

Momentan sei er gerade auf der guten Seite, was «Baobab» anzuhören ist. Denn bei aller Härte kommt in dieser umwerfenden halben Stunde Musik die Hoffnung nicht zu kurz. Es gibt das zarte «Jigeen», in der Nativ die Frauen, die sein Leben prägten, mit seiner gebrochenen Popstimme besingt, was man im machoiden Musikgeschäft nur allzu selten hört. Es gibt Lovesongs, die auch mal verzweifelt klingen.

Ganz zum Schluss findet sich der Track «Sira», in dem eine westafrikanische Laute den Ton angibt, ehe Nativ verkündet, dass er den Job gekündigt hat. Wie war das mit der Vorbildrolle, die er für sich beansprucht? Thierry Gnahoré lächelt dann für einmal und sagt: «Ich empfehle nicht jedem 17-Jährigen, den Job zu kündigen, nur weil ich das gemacht habe. Aber ich empfehle einem 17-Jährigen, dass er auf sein Herz hört. Und wenn dieses sagt, dass es Musik machen will, dann soll es so sein.»

Aber kann Nativ mit seinem weltläufigen Hip-Hop denn wirklich das Mindset der aktuellen Gesellschaft ändern? «Ich frage mich schon, ob ich nicht besser in die Politik gehen müsste», sagt Gnahoré. «Aber ich habe das Gefühl, dass man in der Politik zu einem Arschloch wird, sorry, weil es da nur noch um deine Wiederwahl geht, und nicht mehr um das, was du ursprünglich verändern wolltest.» So rappt er lieber weiter, die Zeichen sehen für ihn ganz «nice» aus. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 30.11.2018, 11:45 Uhr

Neues Album

Nativ: «Baobab» (HRD-Records)

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