Michael-Jackson-Double: «Ich glaube, der hat das gemacht»

Imitator Ralf Abel tourt immer noch höchst erfolgreich durch die Provinz. Wie geht er mit den Missbrauchsvorwürfen um?

Das Geschäft stimmt, trotz den Verbrechen, die Michael Jackson vorgeworfen werden: Eine Show eines Imitators. Symbolbild: AFP

Das Geschäft stimmt, trotz den Verbrechen, die Michael Jackson vorgeworfen werden: Eine Show eines Imitators. Symbolbild: AFP

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An jenem 25. Juni 2009, an dem Michael Jackson in einer Villa in Los Angeles leblos aufgefunden wurde, begann das Geschäft für Ralf Abel so richtig zu brummen. «Ich war an dem Tag mit Kumpels unterwegs, nach Holland auf Herrentour», sagt er, «aber im Grunde hab ich pausenlos telefoniert». Discos riefen an und wollten ihn buchen, es kamen eine Menge Aufträge rein, und manchmal hatten in jenen Tagen, das konnte Abel von der Bühne aus sehen, «die Frauen in der ersten Reihe Tränen in den Augen».

Bis heute wird er in ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz gebucht als Michael-Jackson-Double. Er hat vor vier Leuten im Wohnzimmer gespielt, vor einer Gruppe hüftsteifer Versicherungsmenschen und vor Kinobesuchern, als damals der Michael-Jackson-Film «This Is It» herauskam. Und er sass in voller Montur in München vor dem Bayerischen Hof in einer Limousine, als der echte Michael Jackson in München war. «Bisschen Scheibe runter, bisschen winken, war gut bezahlt», sagt Abel. Mehr als tausend hysterische Fans belagerten damals das Luxushotel. Abels Job: Einen Teil der Masse weglocken, damit die Sicherheitsleute einigermassen ihre Arbeit machen konnten.

Fühlt sich wohl in der Jackson-Rolle: So präsentiert sich Ralf Abel auf seiner Facebook-Page.

Angefangen hat alles aber schon viel früher, im Jahr 1994. Ralf Abel war gerade erst ein paar Monate bei der Bausparkasse in Koblenz beschäftigt, wo er heute noch arbeitet. Als ein Jubiläum anstand, suchte die Firma Mitarbeiter, die bereit waren, auf der Feier etwas vorzuführen. Einen Sketch, einen Zaubertrick vielleicht oder irgend etwas mit Musik. Weil Abel nicht der Typ ist, der zu schüchtern ist, um auf eine Bühne zu steigen, und weil er sich ohnehin dachte, als Neuer in der Firma habe er wenig zu verlieren, hat er sich also überreden lassen. So ging es los, mit ihm und Michael Jackson.

Fast wie das Original: So performt Ralf Abel. Video: Youtube

30 Minuten dauert Abels Show. Vollplayback, sieben bis acht Kostümwechsel inklusive Abel, Jahrgang 1966, war bis dahin kein grosser Fan von Jackson gewesen. Klar, der King of Pop gehörte zum Repertoire seiner Generation, lief im Radio und in der Disco. Dem ersten Auftritt folgten weitere, über Freunde und Bekannte vermittelt. Abel, der schon immer gut tanzen konnte, merkte, dass ihm die Rolle lag, dass er sich wohlfühlte auf der Bühne, und dass er die Leute mitreissen konnte.

Darf man heute noch Michael Jackson sein?

Michael Jackson, das war damals für viele der Grösste. Ein einzigartiger Künstler, Komponist, Tänzer, Sänger, der die Leute in seinen Bann zog – auch, wenn es nur Abel war, der seine Hits interpretierte. Also hat er weitergemacht, 25 Jahre lang.

Aber darf man Michael Jackson überhaupt doubeln? Beziehungsweise: Darf man das heute noch? Geld verdienen, indem man einen Künstler imitiert, dem derart schwere Verbrechen vorgeworfen werden? Anfang März ist die Dokumentation «Leaving Neverland» erschienen. Zwei Männer, der Australier Wade Robson, 36, und der US-Amerikaner James Safechuck, 41, erzählen, wie sie Ende der Achtzigerjahre Michael Jackson begegneten. Es wird dargestellt, wie Jackson bei einem Tanzwettbewerb auf Robson und beim Dreh für einen Werbespot auf Safechuck aufmerksam wurde. Wie Jackson nach und nach das Vertrauen der Familien erlangte, anrief, Briefe schickte, First-Class-Flüge und Aufenthalte in Luxushotels spendierte, die Familien auf Konzerte und auf seine Neverland-Ranch einlud – und es irgendwann erreicht hatte, dass die Jungs allein bei ihm im Zimmer übernachten durften.

Der Trailer zu «Leaving Neverland».

Ein Sonntagabend, zwei Stunden bis zu Abels Show. 200 Leute im Café Hahn im Koblenzer Stadtteil Güls, eine Institution in der Kleinkunst-, Comedy-, und Jazz-Szene. Dutzende Male ist Abel hier schon als Michael Jackson aufgetreten. Er kennt den Laden, er kennt den Besitzer, er kennt viele im Publikum. Seine Wohnung ist nur ein paar Fussminuten entfernt, aber die Bühne im Café Hahn ist Abels Wohnzimmer.

In zwei Stunden wird Abel das mit weissen Pailletten und Perlen besetzte Kostüm anziehen, das er extra in England hat anfertigen lassen, er wird auf die Bühne gehen und mit «Heal the World» anfangen, wie immer. Seine Füsse werden in schneller Folge Kicks, Drehungen und Ausfallschritte vollführen. Er wird die Arme ausbreiten oder einen Arm nach oben recken, und natürlich wird er den Moonwalk machen. Nur den Spagat wird er heute weglassen. «Blöde Zerrung, ausgerechnet im Hintern», sagt Abel.

Etwa 30 Minuten dauert Abels Show. Vollplayback, sieben bis acht Kostümwechsel inklusive, 400 bis 500 Euro in der Koblenzer Gegend. Muss er länger fahren, wird es teurer.

«Es muss etwas dran sein»

Abel hat die Dokumentation gesehen, klar. Volle vier Stunden in zwei Teilen, die schwer erträglich sind, weil die Praktiken, die Jackson an den Kindern vollzogen haben soll, detailliert beschrieben werden und vor allem, weil deutlich zu werden scheint, wie perfide sich hier offenbar ein Missbrauchstäter stetig neue Opfer gesucht hat.

Abel könnte reagieren wie viele Fans. Er könnte sagen, dass Jackson vor Gericht zweimal freigesprochen wurde. Er könnte sagen, dass die mutmasslichen Opfer, die in der Doku vorkommen, einst zu Jacksons Gunsten aussagten. Er könnte anführen, dass es Ungereimtheiten gibt in den Zeitangaben, die James Safechuck über die Taten auf Neverland macht.

«Er ist sehr geschickt vorgegangen und hat es lange geplant, so wie es viele Pädophile tun.» Ralf Abel, Michael-Jackson-Imitator

Aber Abel ist eben nicht primär Fan. Er ist Double-Künstler, im «semiprofessionellen Bereich», wie er sagt. Abel hat sich alle Bewegungen, alle Posen von Musikvideos abgeschaut, er hat den Tänzer, den Sänger, den Entertainer studiert, aber er hat den Menschen dabei nicht völlig ausgeblendet. Er sagt: «Ich glaube, der hat das gemacht. Er ist sehr geschickt vorgegangen und hat es lange geplant, so wie es viele Pädophile tun. Es muss etwas dran sein.»

«Am Ende bleibt er ein Top-Künstler»

Mit der Trennung von Kunst und Künstler beschäftigen sich Feuilletonisten, Literaturwissenschaftler und Pop-Theoretiker. Es gibt Beispiele: der frühere The Smiths-Sänger Morrissey, der in den Achtzigern begnadet war und jetzt rechten Verschwörungstheorien anhängt. Der Schauspieler Kevin Spacey, dem sexuelle Übergriffe vorgeworfen werden.

Aber schwer zu sagen, ob man keine Morrissey-Songs mehr hören und keine Filme mit Spacey mehr sehen darf. Schwer zu sagen, ob es richtig ist, dass einige Radiostationen, in den Niederlanden zum Beispiel, Michael Jackson nicht mehr spielen. Schwer zu sagen, ob die Kunst, die Michael Jackson geschaffen hat, anerkannt bleiben sollte, unabhängig davon, was der Mensch Michael Jackson getan haben mag. Noch dazu, wenn sich der Betreffende zu den Vorwürfen nicht mehr äussern kann. «Ich bin zu weit weg, um es abschliessend zu beurteilen», sagt Abel. «Aber am Ende bleibt er ein Top-Künstler. Der hat auf der Bühne was rausgehauen, was kein anderer Mensch auf der Welt konnte».

MJ Ralf in Aktion. Video: Youtube

Die Doku hat sich laut Abel bisher kaum negativ ausgewirkt. Auch im Café Hahn wird er angesprochen und für einen nächsten Auftritt rekrutiert. Schon Anfang der 2000er-Jahre, als Missbrauchsvorwürfe öffentlich wurden, war Abel aufgefallen, dass Privatleute die Show zum 50. Geburtstag oder zur Silberhochzeit deshalb nicht absagten. Nur Firmen seien vorsichtiger geworden. Aber für diesen Fall ist Abel vorbereitet, er hat auch Elvis im Repertoire. Allerdings macht er «den Michael» – Abel nennt ihn stets beim Vornamen – lieber, obwohl der anstrengender ist, mehr Equipment erfordert und Abel sich etwa 40 Minuten vorher in den Backstage-Bereich zurückzieht, weil er sonst mit dem Schminken nicht fertig wird.

Abel kopiert Michael Jackson nicht nur, er fügt ihm etwas Eigenes hinzu, ein interaktives Element könnte man sagen. Wenn das Medley mit «Billie Jean», «Thriller» und «Black or White» vorbei ist, im letzten Drittel seiner Show ungefähr, holt er Leute aus dem Publikum auf die Bühne, er gibt ihnen aufblasbare Gummi-Instrumente, eine Gitarre, ein Saxofon, einen 80er-Jahre-Ghettoblaster.

Man könnte auch sagen: Er nimmt der Kunstfigur Michael Jackson das Unnahbare, das Gespenstische, das Artifizielle und überführt es zu den Showbesuchern.

Erstellt: 25.06.2019, 20:04 Uhr

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