«Durcheinander-Mucke» à la Cro

Der deutsche Rapper lässt seiner Musikalität auf dem dritten Album freien Lauf. Weniger Kalkül klingt charmant. Haften bleiben trotzdem die Poprefrains.

Will ein neues Kapitel aufschlagen: Cro, der sich bei Auftritten nur mit Pandamaske zeigt. Foto: Saeed Kakavand

Will ein neues Kapitel aufschlagen: Cro, der sich bei Auftritten nur mit Pandamaske zeigt. Foto: Saeed Kakavand

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Es gibt Musiker mit Talent von einschüchterndem Ausmass. Im Handumdrehen können sie ein Meisterwerk zaubern. Kompositionen, die Millionen erreichen – und das wieder und wieder. Wie sie das machen, fragt man sich dann und sieht sie vor dem geistigen Auge mit Zylinder und Zauberstab hantieren.

Für einige Momente machte es den Anschein, als wäre Carlo Waibel, 27, aufgewachsen in Mutlangen bei Stuttgart, einer von ihnen. Der Rapper, der sein Gesicht bei Auftritten hinter einer Pandamaske verbirgt und sich Cro nennt, hat in seiner Musik ein immenses Gespür dafür offenbart, wie man Rap und Pop zu Ohrwürmern paart.

«Easy», sein erster Hit, war so elegant geschwungen, dass man ihn sich gerne immer wieder anhörte. Unschuldig kam er daher, so natürlich wie ein Abzählreim und inhaltlich ähnlich bedeutend. Es war schön dahingesagtes Irgendwas, mit berückendem Flow und Melodie. Und genau diese Form von Sprechgesang perfektionierte Cro in den letzten paar Jahren: Hits, die niemandem wehtun und kaum etwas aussagen. Der nervtötende Höhepunkt: «Traum». Ein Hauch von einem Song, ein Nichts.

Entdeckt statt kalkuliert

Seinen Songs ging stets eine Analyse voraus. «Ich habe mir überlegt, was die Menschen hören wollen», erklärte er sein pragmatisches Vorgehen vor drei Jahren kurz vor der Veröffentlichung seines Zweitlings «Melodie». «Das sind ja oft sehr einfache Themen wie Geld oder Liebe. Dazu muss man dann halt Reime suchen.» Er habe ein Skizzenbuch, gefüllt mit Wörtern, die sich aufeinander reimen, thematisch aufgegliedert.

Nun hört man einen anderen Cro. «Ist mir egal, was ich verkauf mit dem Song. /Wenns sein muss, geb ich alles auf, was ich hab», rappt er zu Beginn seines dritten Albums «tru.». Der Song heisst «Kapitel 1» und soll für einen neuen Abschnitt im künstlerischen Schaffen stehen. Schon der Titel, entlehnt von Advanced Chemistry, Urvätern des Deutschrap, untermauert die neue Ernsthaftigkeit. Der Klang der Songs ist voll und hymnisch. Immer wieder hört man Chorstimmen, live eingespielte Bass- und Klavierspuren, die Songs wandeln sich und finden manchmal kaum ein Ende. Die Abkehr vom Hitformat: Hier ist ein neugieriger Entdecker am Werk.

«Ich bin ein Jahr lang durch meine eigene Musikschule gegangen», sagt er selbst. «Ich hab mir alles beigebracht. Fast jeder Ton auf dem Album kommt von mir.» Was da alles an Stilen und Referenzen anklingt, ist fast ein bisschen wahnsinnig. Hochagile Trap Beats, Gospel, Rock, Soul und Reminiszenzen an die säuselnden Rapvarianten aus den 90er-Jahren. Einige Stücke haben starken Jamsession-Charakter, wandeln sich nach ein paar Minuten in irgendetwas komplett anderes.

«Das war eher so wie ein Toilettenquickie.»Cro über die Zusammenarbeit mit Wyclef Jean

Cros Musik ist vielschichtiger als früher – auch wenn man Vorbilder heraushört: Dem Chicagoer Chance the Rapper scheint er den Gospelrap abgehört zu haben, aber auch Frank Ocean, Common, oder Ma$e klingen an. Es ist noch keine eigene musikalische Stimme, die sich hier manifestiert. Es ist eine vergnügliche Suche. «Durcheinander-Mucke» nennt er das selber. Auch ein Song mit US-Megastar Wyclef Jean findet sich auf dem Album. «Das war eher so wie ein Toilettenquickie. In einer Nacht entstanden, schnell und dreckig», erzählt er von der Studiosession in Nizza. Dazu gabs teuren Whiskey aus Plastikbechern.

Mit Cro über seine Ambitionen zu sprechen, ist unterhaltsam. Obwohl Ende zwanzig, hat er seine jugendliche Begeisterung nicht abgelegt. Vieles ist «meeeega» oder «übernice». Danach zu schliessen, wie ausgiebig er diese Wörter betont, schenkt man ihm Glauben.

Alles «meeeega nice»

So erzählt er in diesen Worten etwa von besagtem Treffen mit Wyclef Jean, den er jetzt «Uncle Wyc» nennen darf. Oder von seinem neuen Zuhause in Stuttgart, in dem das Album entstanden ist. Ein Haus am Hügel, mit Sicht über die Stadt. Eine Art Schlösschen soll es sein, mit zwei Glastürmen, die Studio, Schlafzimmer, Wohnzimmer und Büro umfassen. Alles «meeeega nice».

Instrumente stehen darin, noch und nöcher. Alte Synthesizer, Bassgitarren, ein Flügel, Mikrofone für Unsummen von Geld. «Das ist meine Spielwiese. Und alles ist verkabelt. Ich kann alles überall einstecken und aufnehmen», schwärmt er von der für seine Zwecke optimierten Villa. Wie Hippies hätten er und seine «Homies» während der Albumproduktion dort gehaust, mit Matratzenlager im Wohnzimmer, Joints und Whiskey, Grillfleisch und Poolpartys. Und wenn es ihm und seinen Freunden trotzdem mal langweilig wurde, seien sie einfach in die Stadt runter, hätten in einen Club reingelinst und sich ein paar spannende neue Gäste mit hoch ins Haus geholt. Und irgendwann seien dann alle auf dem Matratzenlager im Wohnzimmer eingepennt.

Mit dem unglaublichen Erfolg – Cro verkaufte von seinen letzten beiden Alben jeweils mehrere Hunderttausend Einheiten, seine Songs laufen seit Jahren in Dauerschlaufe im Radio, er spielt ausverkaufte Tourneen, handelt fleissig mit Merchandising-Artikeln – kam der Wohlstand. Statt ihm zu erliegen, scheint er seine Hörerschaft nun nachhaltig musikalisch beeindrucken und persönlichere Geschichten erzählen zu wollen. Das Ich dringt endlich durch, wenn er in «Alien» etwa davon spricht, wie ihm die Welt manchmal fremd ist. «Ich war schon immer ein Sonderling. Und mit der Maske ja sowieso. Da ist man ja kein Mensch, sondern eher ein Fotoobjekt.»

Auf dem langen Weg in die «Unendlichkeit», so der Titel seiner neuen Single, sind ihm unterhaltsame Passagen gelungen. Manche Exkurse hätte man getrost weglassen können. Sie wirken wie Stilübungen oder Launen. Vielleicht ist Cro unsicher geworden, was er nach wie vor am besten kann: Poprefrains schreiben. Auch die können persönlich sein, wie er mitunter beweist.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.09.2017, 16:51 Uhr

Album

Das Album «tru.» (Chimperator / TBA) ist ab dem 8. September erhältlich. Bereits veröffentlicht wurden die Singles «Baum», «Unendlichkeit» und «tru.».

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