Toni Vescoli macht weiter, was er will

Der Schweizer Rockpionier hat noch einmal ein neues Album veröffentlicht. Was treibt ihn an? Ein Besuch im Zürcher Oberland.

«Sieht man die Haare?»: Musiker Toni Vescoli in der Nähe seines Studios in Wald ZH. Foto: Thomas Egli

«Sieht man die Haare?»: Musiker Toni Vescoli in der Nähe seines Studios in Wald ZH. Foto: Thomas Egli

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Schön haben wir es hier!», ruft Toni Vescoli. Sein Blick gleitet über die kleine Sumpflandschaft, streift das Haus des Schafbauern, der die Schweizer Fahne gehisst hat. Und wenn er über dieses kleine Stück heile Welt blickt, scheint vieles weniger eng zu sein, als es auf Kurzzeitbesucher der Zürcher Oberlandgemeinde Wald zunächst wirkt, hier, wo der Schweizer Rockpionier seit elf Jahren lebt.

Diese Weite: Sie hat auch mit dem 76-Jährigen zu tun, seiner Zufriedenheit, die er ausstrahlt, und seiner bodenständigen Restverwegenheit, die man an seinen langen grauen Haaren, die er immer noch zum Rossschwanz zusammengebunden hat, ablesen kann. «Sieht man die Haare?», fragt er den Fotografen. Sonst kämen dann wieder Leute, die fragten, ob er seinen Rossschwanz abgeschnitten habe.

Nun, der Rossschwanz ist zu sehen, auch auf dem Cover von «Gääle Mond», Vescolis erstem Album seit elf Jahren. Die neuen Lieder zeugen von einem, der sich nichts mehr beweisen muss. «Ich wollte eine Standortbestimmung vornehmen», sagt Vescoli später in seinem Musikraum in einer Wohnbaracke, die ganz in der Nähe des kleinen Sumpfes liegt. «Und den Fans, die immer wieder gefragt haben, auf welcher Platte ich denn solo zu hören bin, auch etwas schenken.»

Bluesgetriebener als auch

«Elei dihei» hiess der Arbeitstitel, als er die ersten Songs aufnahm. Denn er machte alles alleine mit seinen Gitarren, mit dem Aufnahmecomputer und dem Röhrenvorverstärker, den er vorgeschaltet hat, damit es nicht allzu kalt klingt. Aber Vescoli wollte sich nicht auf das Solokonzept einschränken lassen, nahm mit US-Musikern ein paar zusätzliche Songs auf, mit denen er bereits auf seinen letzten Alben «Tegsass» und «66» zusammengearbeitet hat. Weil, so sagten sie: Es wäre eigentlich Zeit für ein «77», denn der nächste Schnapszahl-Geburtstag steht im Sommer ja an.

So hört man auf «Gääle Mond» den Liedermacher wie den Bandmusiker Vescoli. Bluesgetriebener als auch schon fallen die Songs aus, «das hat sich so reingeschlichen», sagt er. «Ich war ja immer der Meinung, der Blues sei etwas für die Schwarzen.» Bei der heutigen Weltlage könne man schon mal den Blues kriegen. Und überhaupt: «Ich habe ja schon ein paar Sachen in meinem Leben erlebt, sodass ich diese Musik singen kann», auch wenn er eigentlich ein fröhlicher Mensch sei.

Als «Sauhund» beschimpft

Ein paar Sachen erlebt: Das wirkt bei seiner Biografie, die er im voluminösen Buch «MacheWasiWill» vor fünf Jahren bereits niedergeschrieben hat, fast als Untertreibung. 1942 wurde er geboren, mit fünf zogen er und seine Familie nach Peru, nur drei Jahre später kehrten die Vescolis wieder zurück. «Ich wurde entwurzelt, dann wieder losgerissen», und so ging es vielfach weiter. Er zählt die Wohngemeinden auf, bis er dann von zu Hause ausgezogen ist, in die Stadt Zürich, wo er als «Tschingg» und «langhaariger Sauhund» beschimpft wurde.

Er wollte damals bloss machen, was er wollte – und was er liebte. Und das war in erster Linie Musik, die er sich, anders als den Judo-Club oder die Pfadi zuvor, nicht mehr habe verbieten lassen: «Mein Vater hat mir untersagt, eine Band zu gründen. Er sagte: ‹Kommt nicht infrage, mach du deine Stifti.› Ich hab es dann einfach heimlich gemacht», erzählt Toni Vescoli. Er brauchte ja Mitmusiker in jenen frühen 60ern, als die englische Gitarrenformation The Shadows den Ton der Zeit prägte und ihn, den Rock-’n’-Roll-Fan, faszinierte. Ehe dann die Beatlemania auch hierzulande ausbrach und Les Sauterelles, Vescolis Band, zur Schweizer Version der Fab Four mutierten. Es gelangen ihnen Hits, allen voran «Heavenly Club», der sechs Wochen lang an der Hitparadenspitze stand. Die Sauterelles spielten im Vorprogramm der Rolling Stones, als das Hallenstadion demoliert wurde. Sie tourten unentwegt, bis die Beat-Welle abklang – und Vescoli die Band auflöste.

Inspiration für Polo Hofer

Er machte alleine weiter, spielte Psychedelic-Folk, «das fand ich geil» – und imitiert dazu die Soundrückkopplungen, denen er damals verfallen war. Als ihm die Rockmusik zu hart wurde, griff er zur akustischen Gitarre, wurde in den frühen 70ern zum Liedermacher. Vescoli sang dann nicht mehr auf Englisch, sondern in Mundart. «Es gab noch keine Vorbilder», erinnert er sich, «Polo Hofer hat mir einmal gesagt, ich hätte ihn inspiriert.» Das zu hören, habe ihn sehr gefreut. «Aber als ich kürzlich meine ersten Mundartalben durchhörte, wurde ich schon ein bisschen verlegen. Es klang alles so schampar härzig» – und er wechselt in eine verniedlichende Märlionkel-Stimme, ahmt diese Herzigkeit nach, wenn er sagt: «Guete Abig mitenand!»

Wie er so von früher erzählt, spürt man auch: Hier sitzt kein hartgesottener Nostalgiker, der die alten Zeiten überhöht. Ves­coli korrigiert den rebellischen Rockmythos gleich selber: «Ich habe meine Musik nie als Provokation verstanden, man sagte mir ja immer nur, dass ich ein Rebell gewesen sei.» Klar, vielleicht sei er das auch ein bisschen gewesen, aber nicht bewusst. Und auch die langen Haare, deretwegen er beschimpft wurde, die gehörten halt dazu.

«Ich bin sehr fit für mein Alter.»Toni Vescoli

Aber natürlich: Die Saute­relles, mit denen Toni Vescoli seit 1993 wieder tourt, seien eine «Rentnerband». Eine, die die Songs von damals frischer spiele, die Musik habe sich ja mit ihnen weiterentwickelt. An den Zeitgeist schmeisst sich einer wie Vescoli auch nicht mehr ran, «meine Schiene ist Americana – Folk, Country, Rock –, das Maschinelle im aktuellen Pop gefällt mir persönlich nicht». So hören wir ihm auf dem neuen Album zu, wie er mit rauer gewordener Stimme in «De Pfarrer» den verstorbenen Ernst Sieber ehrt – weil dieser Weggefährte sei «ein cheibe Revoluzzer» gewesen. Vescoli bedankt sich auch bei seinen treuen Fans in «Dyni Blueme», und er kritisiert die Digitalisierung, wenn er singt: «Was blybt emal vo eusre Zyt, wänns kei Byte, kei Bit meh git?» Man muss ihn dann fragen: Warum so pessimistisch? «Mir kommt die Digitalisierung vor, als ginge man ohne Regenschutz auf eine Wanderung. Aber was macht man, wenn ein Gewitter kommt?», fragt Toni Vescoli. «Da bewegen wir uns schon auf dünnem Eis.»

In «Top-Fit» besingt er schliesslich die fitten Alten. Wie steht es denn um seine Gesundheit? «Ich bin sehr fit für mein Alter», sagt Vescoli, «und glücklich und dankbar, dass ich auf der Bühne stehen kann. Aber je älter ich werde, desto weniger plane ich voraus.» Wer wisse denn schon, was in zwei, drei Jahren sei. Doch aufhören? «Erst wenn ich meine Songtexte mit einem Teleprompter oder aus einem Ordner vorsingen müsste, dann würde ich wohl aufhören.»

Toni Vescoli: Gääle Mond, www.vescoli.ch

Erstellt: 16.04.2019, 17:32 Uhr

Artikel zum Thema

«Mis Dach isch dä Himmel vo Züri»

Auf dem Platzspitz haben am Samstag rund zweitausend Menschen von Pfarrer Sieber Abschied genommen. Hier war einst die «Hölle auf Erden». Mehr...

Sie wollten ihm noch Danke sagen

Video Auf dem Platzspitz, einst Zentrum der offenen Drogenszene, haben sich Randständige von Pfarrer Ernst Sieber verabschiedet. Einige lebten wohl nicht mehr, wäre er nicht gewesen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Der Herbst ist da: Ein Mann entfernt in St. Petersburg Laub von seinem Auto. (23. Oktober 2019)
(Bild: Anton Vaganov) Mehr...