Er war scheu, er wurde extrem

Morrissey, der geachtete ehemalige Sänger der Smiths, fällt zunehmend mit rechtsextremen Parolen auf.

Fällt zurzeit mehr mit fragwürdigen Äusserungen als mit Musik auf: Sänger Morrissey. Foto: Getty

Fällt zurzeit mehr mit fragwürdigen Äusserungen als mit Musik auf: Sänger Morrissey. Foto: Getty

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Die Angelsachsen nennen es «preaching the obvious», das Offensichtliche predigen. Nun gehört das Offensichtliche mit zur Predigt, darum sind Predigten so langweilig. Im aktuellen Fall kommt das Offensichtliche aber von jemandem, der sich auskennt: Billy Bragg, der linke englische Folksänger, der geradeso gut als Komiker durchgehen könnte, wenn man sich an seine Zwischenansagen beim letzten Zürcher Konzert erinnert – nun, Billy Bragg erhebt Vorwürfe gegen Steven Patrick Morrissey, seinen Landsmann und Kollegen. Der Sänger habe, schreibt Bragg auf Facebook, offensichtlich weit rechtsstehende Ansichten. Er verweist auf ein von Morrissey verlinktes Youtube-Video, das die Multikulturalität auf Kosten der weissen Kultur kritisierte. Das Video wurde als so extrem wahrgenommen, dass es inzwischen gelöscht ist.

Nun gibt es kein Ansichtsverbot, weder nach links noch nach rechts. Aber Morrissey unterstützt nicht nur die Rechtspartei von Nigel Farrage, er neigt auch zu Formulierungen, die weit ins Rassistische ragen: Die Chinesen nannte er «eine minderwertige Rasse», verglich das Schächten mit der Mentalität der Isis und sagte auf kritische Rückfragen, jeder bevorzuge doch seine eigene Rasse, das mache ihn noch nicht zum Rassisten.

Er ist selber das Kind von Einwanderern

Als Sänger und Texter der Smiths («die Müllers») wurde Morrissey in England verehrt, als Persönlichkeit von seinen Fans geliebt, während sich Journalisten über ihn aufregten. Zu Beginn seiner Karriere trat er als unauffällig linker, asexueller, eher scheuer Mann auf, der Oscar Wilde verehrte, sich als Vegetarier für Tiere einsetzte und als Antiroyalist bekannt war. Als er, Jahrzehnte später, darauf bestand, seine Autobiografie bei den «Penguin Classics» zu veröffentlichen, die den halben englischen Literaturkanon von Jane Austen bis zu Virginia Woolf verlegen, irritierte und erheiterte er gleichermassen. Morrissey sei ein Maximalist des Hasses und der Selbstironie, kommentierte die NZZ, «der sein Unglück exportiert, das mit bumerangartiger Wucht zu ihm zurückkommt».

Mitte der Neunziger, Morrissey war schon lange im Modus der Solokarriere angelangt, begann er zur allgemeinen Überraschung damit, die Skinhead-Kultur zu feiern, trat mit der britischen Flagge als T-Shirt auf. Später unterstützte er das von Neo-Nazis mitgetragene «For Britain Movement» und wirkte in seinen Stellungnahmen und peniblen Abrechnungen zunehmend arrogant. Die indo-britische Band Cornershop kritisierte Morrisseys Nähe zu den Skinheads, die doch so oft gewalttätig gegen Commonwealth-Immigranten aus Asien und Afrika vorgegangen waren. Es gab auch viele Fans, die ihr Idol nicht mehr verstanden, darunter der britisch-jamaikanische Journalist Joshua Surtees, der Morrissey vor kurzem in einem offenen Brief Bigotterie vorwarf.

Die Einwanderung habe «die britische Identität beschädigt», sagte der Sänger wiederholt und zitierte damit eine Parole der rechtsextremen British National Front. Steven Patrick Morrissey ist der Sohn einer irisch-katholischen Arbeiterfamilie; sie wanderte in den Fünfzigerjahren aus Irland aus und in Manchester ein.

Erstellt: 09.07.2019, 20:03 Uhr

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