Erst kam die Königin, dann der Regen

Mit Humor und Regenschirmen spielten Queen gegen das kalte Gewitter an, das die Menge am Openair in Hinwil durchnässte. Hommage an die Unverdrossenen.

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Auf den Bildschirmen, die auf dem Gelände strategisch verteilt sind, demütigt Spanien die Türkei, auf der Bühne spielen Queen mit ihrem Sänger Adam Lambert seit einer Halbzeit. Die Band ist gut unterwegs, gemeinsam hat man soeben «Somebody to Love» abgefertigt, eine der typisch druckvollen Balladen. Worauf der Himmel ungefragt beschliesst, sich an diesem Auftritt zu beteiligen. Blitze durchzucken den Himmel, es donnert, dann schüttet es. Kalter Regen fällt auf die Menge.

Doch die lässt sich nicht beeindrucken und feiert weiter: die Musik, das Festival und sich selber. Freitagabend, dritte Ausgabe von «Rock the Ring», dem ersten Tag des dreitägigen Hardrock-Festivals in einer trostlosen Autobahnschleife bei Hinwil, nicht ausverkauft. Wetter finster, Musik heftig, Publikum heiter. Ländliche Gesichter, familiäre gute Laune, Herzlichkeit bis an den Horizont. Egal was man von der Musik hält, die Leute hier kommen einem unwiderstehlich vor in ihrer Weigerung, sich die Freude wegregnen zu lassen.

Ausdauer als Programm

Etwas von ihrer Entschlossenheit scheint auch die Musiker zu ergreifen. Man hätte es von ihnen nicht erwartet, weder von Brian May und Roger Meddows-Taylor, den Gründungsmitgliedern der Band, noch von ihrem jungen, supermanierierten Sänger Adam Lambert. Aber sie alle reagieren souverän auf den Sturm, nämlich britisch: mit Regenschirmen und Humor. «Rock’n’Roll is about persistence, right?», fragt Brian May, der Gitarrist mit einem Doktorat der Astrophysik: Es geht hier doch um Ausdauer.

In ihrem Fall bedeutet es nach einer verständlichen Pause, sich ebenfalls unter den Regen zu stellen oder mit überdimensionierten Schirmen weiter zu machen, was so komisch aussieht, dass man die Band schon deshalb sympathisch findet: Weil sie ihre Arbeit ernst nimmt, aber nicht sich selber. Musikalisch haben Queen und Lambert bei ihrem Konzert im Hallenstadion weit mehr überzeugt, atmosphärisch ist man ihnen für ihre Kombination von Selbstironie und Spielfreude dankbar. «A Kind of Magic», singt Schlagzeuger Taylor, im Nebenfach studierter Biologe, mit erstaunlicher Stimme, die Menge singt begeistert mit, und beide Seiten haben recht: so etwas wie Magie glimmt an der Autobahn. Wenig später dann erklimmen Queen den Höhepunkt des Konzertes mit jenem Stück, das Brian May schrieb, ihr an Aids verstorbener Sänger Freddie Mercury sich zu eigen machte und die Überlebenden am Sonntag an ihrem Auftritt auf der Isle of Wight den Erschossenen von Orlando widmeten: «Who Wants to Live Forever?»

Das Prinzip von Gestern

Soviel zum Gefühligen. Nüchtern betrachtet gibt es einiges, das einem an einem solchen Anlass befremden kann, und das zeigt sich deutlich an dem, was an diesem Ort am Nachmittag zu erdulden war. Das Kreischen von Stefanie Heinzmann, der Walliser Sängerin, übergehen wir mit stoischem Gleichmut, ebenso die über das Gelände turnenden Flugzeuge, vom Moderator auf der Bühne mit überschnappender Stimme kommentiert. Aber ein paar Sätze müssen über die englische Gruppe Marillion geäussert werden, weil sie das unlösbare Problem der gegenwärtigen Popkultur vom ersten Ton an bestätigen: Das diese keine Zukunft hat, weil ihre Gegenwart von der Vergangenheit weggedröhnt wird.

Stars sind grausam

«Retromania» nennt das der englische Musikjournalist Simon Reynolds in seiner gleichnamigen, exzellent recherchierten Polemik. Der Titel klingt wie eine Krankheit und ist es auch. Denn wie er seine brutale These ausführt: Im Youtube-Zeitalter nihilisieren sich Stile, Gruppen und Solisten, die Dilettanten drängen die Guten weg, während sich der Mainstream auf einige singende Walfische einigt, Adele, Beyoncé und Ähnliche. Es gibt keine Einigkeit mehr über Persönlichkeiten, wie David Bowie eine war. Noch nie war Andy Warhols luzide Prognose so wahr, wonach jeder ein Star sein werde für eine Viertelstunde.

Aber Stars haben nicht nur den Luxus des Berühmtseins, sondern auch einen Auftrag: ihre Egozentrik mit einem Hauch von Empathie zu mildern. Stars sind gerade durch ihre Unerreichbarkeit begehrenswert, ihr Desinteresse, ihre Schönheit, ihr Charisma. Aber es braucht einen letzten Rest von Zuneigung denen gegenüber, die sie gross gemacht haben. Der Star muss seinen Fans die Illusion vermitteln, nicht wertlos zu sein, blosser Nutzen, singende Papiertücher, kurz gebraucht und dann weggeworfen. David Bowie hat das ausgedrückt mit seiner Stimme, Freddie Mercury mit seinem Humor. Beide sind tot, und es kommt einem vor, als gebe es keine Neuen seit ihnen, nur Nachfolger. «Sounds that Can’t Be Made», singen Marillion in der Autobahnschlaufe von Hinwil, das Titelstück ihres letzten Albums. Ihre Musik klingt nach dem Gegenteil: alles schon gehört. Meine stete Angst, hat Max Frisch einmal notiert: die Wiederholung.

Er hatte wenigstens noch Angst.

Erstellt: 18.06.2016, 08:08 Uhr

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