Es gibt doch ein Leben nach der Party

Der deutsche Technomusiker Roman Flügel legt sich nicht fest. Zum Glück.

Es glöckelt und wuselt, leicht wirbeln die Synths: DJ-Set von Roman Flügel.


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Frankfurt, Bahnhofsviertel. In einer Gründerzeitwohnung mit hohen Räumen und Stuck liegt Roman Flügel und schläft. Er träumt. Und in diesem Traum läuft Roman Flügel durch ein Haus. Er streift durch die Zimmer. Die Räume sind verwinkelt, die Luft muffig. Es regnet hinein, weil die Fenster kaputt sind. Die Glühbirne geht nicht an. Draussen aber, da strahlt die Sonne, die Natur lockt saftig grün.

Diesen Traum kann der Musiker und DJ Roman Flügel nicht abschütteln. Vor Jahren, er weiss nicht mehr, wann das genau war, hatte er ihn zum ersten Mal. «Ich erwache dann und denke mir, irgendwann wird das vorbeigehen. Aber nein, der Traum kommt immer wieder.» Der Mann, der diesen immer gleichen Traum hat, ist einer der besten Technomusiker überhaupt. Und einer der fortschrittlichsten Vertreter der internationalen DJ-Gilde. Mit seinen Produktionen hat er die Clubmusik der letzten 25 Jahre beeinflusst. Roman Flügel ist eine Schlüsselfigur des deutschen Techno.

Wo Moritz von Oswald und Mark Ernestus den Dub-Techno erfunden haben oder ein Wolfgang Voigt der Wegbereiter des Kölner Minimal ist, zeichnet sich das Werk von Roman Flügel durch seine Vielfalt aus. Sein Sound ist wandelbar, darum wird Flügel gerne als Chamäleon bezeichnet. Vielleicht ist er aber eher der Forscher, der zu ergründen versucht, warum das Chamäleon seine Farbe wechselt. Roman Flügel ist ständig auf der Suche. Auf der Suche nach der nächsten Einsicht.

Die wichtigste Einsicht im Musikerleben von Roman Flügel kam, als er mit 23 Jahren sein Studium der Musikwissenschaften abbrach. Der Rave versprach ihm zu viel Freiheit. Nicht länger stundenlang üben am Klavier – dafür richtig den Bauch herauslassen.

Die goldenen Jahre

In vielzähligen musikalischen Inkarnationen hat Roman Flügel Tracks veröffentlicht. Er zimmerte vor einem Vierteljahrhundert Frankfurter Technobretter. Und schuf dann tiefschürfende Housetracks. Während der kulturell segregierten Neunzigerjahre – speziell in Deutschland – war gar nicht selbstverständlich, dass einer zwischen den beiden Szenelagern pendelte. Entweder war man Techno, oder man war House. Roman Flügel war beides.

Als Teil des Electro-Clash-Duos Alter Ego ging es Mitte der Nullerjahre in eine poppige Richtung. «Rocker» war eine böllernde und gleichsam kabaretteske Nummer, die durch die deutschen, französischen und englischen Charts schoss. Jahrelang waren Alter Ego mit ihrem Live-Equipment unterwegs. Auf die Dauer war das zermürbend, der Cluballtag wurde zur Ochsentour. Und irgendwann hörten Flügel und sein Partner Jörn-Elling Wuttke auf, ins gemeinsame Studio zu gehen.

Seit Anfang des Jahrzehnts besinnt sich Flügel nun auf eine Solokarriere. Es folgten goldene Jahre: Das Hamburger Label Dial veröffentlichte zwei Alben, jetzt erscheint das dritte. Eine Trilogie, die nie als Trilogie konzipiert war, sondern so gewachsen ist. So verschieden die Alben sind, jedes ist richtig gut. Das letzte aber ist das beste.

Im Titel «All the Right Noises» klingt schon an, dass sich Flügels Musik nicht auf die Party beschränkt. Dieser Sound schwebt in einer Zwischenwelt: Lang gezogene, verhallte Pianonoten eröffnen das Spiel. Es glöckelt und wuselt, leicht wirbeln die Synths, aber unter einem silbernen Wehmutsschleier. Flügel spielt mit rhythmischen Verschiebungen, er bringt Grau zum Leuchten. Irgendwann lässt er einen trancigen Bogen zu diesem Schluss kommen: Erhabenheit.

«Es ist ja schon irrwitzig»

Dann wieder macht Flügel Geistermusik, die Beats wie getriebene, stolpernde Gestalten durch die Nacht. Und anderswo wähnt man sich frühmorgens auf der Terrasse des Robert Johnson, während die Herbstsonne langsam über dem nebligen Main aufsteigt. Der Terrasse des berühmten Offenbachener Clubs unweit von Frankfurt, den Roman Flügel als den «Dreh- und Angelpunkt» seines DJ-Lebens bezeichnet.

Wenn Flügel dann vom Cover des Szenemagazins «Groove» blickt, ist das ein Garant dafür, wie wichtig Flügel für eine junge Generation von Clubgängern ist. Er spielt regelmässig vor einem Publikum, das halb so alt ist wie er. Man muss unweigerlich an einen «Bravo»-Starschnitt denken, wie er da in grätschender Pose präsentiert wird. Nicht die Clubkultur halte ihn jung, meint der 46-Jährige lachend, sondern die Übungen des Ashtanga-Yoga.

Dabei sieht Flügel durchaus kritisch, wie die globalisierte DJ-Kultur heute tickt. «Der DJ ist ja das perfekte Symbol für das kulturelle Einzelkämpfertum unserer Gegenwart. Jeder für sich. Dann diese totale Flexibilität: heute in Offenbach, morgen in Bogotá.»

Dieser wochenendliche, sich ewig in Schlaufen drehende Zirkus bedingt für Flügel, dass er sich immer längere Auszeiten nimmt. «Das ist ja zum Teil schon irrwitzig. Auch was das Produzieren angeht: Nicht überall hinspritzen mit dem Gartenschlauch, sondern nur in dieses Beet hier und schauen, dass da noch etwas wächst.»

So baut sich Flügel in seinem Heimstudio im Frankfurter Bahnhofsviertel weiter Räume: Räume, deren Form, Material und Temperatur ständig in Bewegung sind. Und manchmal wird Roman Flügel aus dem Schlaf erwachen und sich wieder einmal wundern, warum er diesen einen Traum nicht loswird.

Roman Flügel: All the Right Noises (Dial, erscheint am 28. 10.). Am 15. 10. legt Flügel am «Future is Now»-Festival im Zürcher Kaufleuten auf. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.10.2016, 12:12 Uhr

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