«Es ist nicht grauenhaft, es ist Realität»

André Béchir ist der bekannteste Konzertveranstalter der Schweiz. Im Juli bringt er Bruce Springsteen nach Zürich – wie seit 1981 immer wieder. Ob diesmal die Zeit für ein Fondue bleibt, ist fraglich.

«Mein Steigbügelhalter war unser Dorfpfarrer», sagt André Béchir. Foto: Tom Kawara

«Mein Steigbügelhalter war unser Dorfpfarrer», sagt André Béchir. Foto: Tom Kawara

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Wie viel hängt in Ihrer Firma von André Béchir ab?
Puh, schwer zu sagen.

Ich behaupte: Das Geschäft steht und fällt mit Ihnen.
Also wenn ich morgen unters Tram käme, würde der Laden sicher weiterlaufen. Einfach anders als bisher. Ich habe einige Mitarbeiter, die schon sehr lange für mich arbeiten. Die Frage ist einfach . . . (zögert)

. . . was ist die Frage?
Wann man abdrückt, wann man verbindlich zusagt. Und wenn man das tut, muss man wissen, wie die Kostenstruktur aussieht. Etwa, dass man die Gage mindestens mal zwei rechnen muss, um die Nebenkosten zu decken. Sobald man zugesagt hat, trägt man das Risiko. Man muss abschätzen können, wie viele Leute in etwa kommen. Und das kann nur der Bauch.

Sie haben einen verdammt guten Bauch.
(lacht) Vielleicht einen besseren Bauch als andere. Ich habe ihn aber auch trainiert: Ich gehe fast an jede unserer Veranstaltungen, schaue in die Gesichter der Besucherinnen und Besucher.

Der Name André Béchir war lange mit Good News verknüpft.
Ja. Ich hatte eine super Zeit bei Good News. Aber das Kapitel ist für mich längst abgeschlossen.

Seit Sie ausgestiegen sind und mit Abc Production ein neues ­Unternehmen aufgebaut haben, ist Good News am Darben.
Ich kenne deren Geschäftsmodell nicht. Sie haben in letzter Zeit relativ oft den CEO gewechselt. Das ist sicher nicht gut fürs Geschäft. Mehr kann ich dazu gar nicht sagen. Ich würde mir in der Branche allerdings allgemein mehr Zusammenhalt wünschen.

Was meinen Sie damit?
Wir haben keine Lobby. Wir brauchten einen professionell geführten Verband.

Als Sie bei Good News ausgestiegen sind, wollten Sie eigentlich in den Ruhestand treten.
Was ganz wichtig ist: Ich hatte kein Konkurrenzverbot. Das hatte ich mir ausbedungen, als ich verkauft und auf Mandatsbasis gearbeitet habe. Ich hatte damals selber auch nicht gedacht, dass ich noch einmal anfange. Sicher nicht in diesem Stil.

Wissen Sie schon, wann Schluss sein wird?
Ja. Aber das sage ich Ihnen noch nicht.

Was machen Sie dann?
Mehr reisen und die Freizeit geniessen. Und endlich mehr Zeit für Freunde aufbringen.

Zu Ihrem 60. Geburtstag haben Sie sich von Ihren Freunden Zeit ­schenken lassen.
Richtig. Zeit, um Bergtouren zu unternehmen. Viele meiner Freunde sind hohe Tiere aus Wirtschaft und Politik. Aber am Berg ist jeder gleich – und man muss zusammenspannen. Das macht jedem klar: Alleine schafft man es nicht. Jeder von uns hat jemanden gebraucht, der ihn gefördert hat.

Wer war es bei Ihnen?
Mein Steigbügelhalter war unser Dorfpfarrer. Er hat meinen Eltern gesagt, er bürge für mich, wenn das mit dem Veranstalten in die Hose ginge. Aber auch Jacky Amsler und Peter Zumsteg waren meine Unterstützer. Mit ihnen habe ich 1971 Good News gekauft. Und dann haben wir das durchgezogen – für die Musik und gegen die Gesellschaft.

Können Sie Konzerte heute noch geniessen?
Was heisst geniessen? Das ist Arbeit! Ich schaue mir den Anfang an, den mittleren Teil, den Schluss. Dazwischen wird abgerechnet, kontrolliert, geredet: mit dem Tourmanager, mit dem Manager.

Auf welches Konzert freuen Sie sich?
Auf AC/DC in Bern und Bruce Spring­steen in Zürich. Beide Bands begleiten mich seit langer Zeit. Sie haben nichts von ihrer Energie eingebüsst.

Bleibt da eigentlich auch Zeit für privaten Austausch?
In den letzten Jahren ist alles hektischer geworden. Solche Produktionen sind so teuer, dass der Tross meist sofort nach Konzertende weiterzieht. Da bleibt oft nur Zeit für ein paar Minuten Gespräch. Früher war das anders. Mit Springsteen war ich im Laufe der letzten 35 Jahre schon gemütlich Fondue essen oder auf dem Pilatus.

Bei wem liegt die Macht im ­Konzertbusiness?
Sicher nicht bei uns Schweizern. Die Schweiz ist ein kleines Land, vielleicht sogar ein B-Markt. Im Vergleich mit Nordamerika, Deutschland, England oder Frankreich spielen wir keine Rolle. Zum Glück sind wir zentral gelegen. Die meisten Tourneen führen automatisch hier vorbei.

Und dann greifen Sie zu.
Ich oder andere. Früher gab es nur zwei grosse Veranstalter, heute eine Vielzahl. Die Agenten nutzen das aus. Das bedeutet: Die Preise steigen. Dazu kommen die Regulierungen und Gesetze. Heute muss man froh sein, wenn man eine Bewilligung bekommt, die nicht mehr als 15 Seiten lang ist.

Sind das nicht Massnahmen im Dienste der Sicherheit?
Sicherheit ist ein hohes Gut. Wir versuchen, uns so gut wie möglich auf alles vorzubereiten. Aber die Gesetze gehen so weit, dass sich die Konzerte oftmals nicht mehr rechnen.

Trotzdem schaffen Sie es seit ­Jahrzehnten, das Ganze erfolgreich durchzuziehen.
Das macht vor allem die langjährige Erfahrung aus. Die guten Beziehungen zu Agenten und Künstlern. Wobei auch das in der heutigen Zeit mehr und mehr verloren geht. Einen Künstler behutsam über Jahre aufzubauen, ist nur noch selten gefragt. Heute haben grosse Firmen grosse Künstler weltweit unter Vertrag.

Wenn man Sie so reden hört, klingt das alles nach grauenhafter ­Bürokratie.
Es ist nicht grauenhaft, es ist ganz einfach die Realität. Und das bedeutet, dass ich mich damit auseinandersetzen muss. Konzerte zu veranstalten, ist heute ein knallhartes Business.

Viele Veranstalter klagen vor allem über die hohen Gagen. Sie nicht?
Nein. Und wissen Sie, warum nicht? Weil man immer Nein sagen kann. Man ist ja nicht verpflichtet, ein Konzert von einem überteuerten Künstler zu ver­anstalten.

Wie oft sagen Sie Nein?
In letzter Zeit relativ oft. Wenn du einer Band, mit der du schon mehrfach zusammengearbeitet hast, 100 000 Franken anbietest und sie dann sagen: «Sorry, aber wir haben ein höheres Angebot», dann musst du doch sagen: «Gut, das wars, vielen Dank.» Heute schicken sie ihre offenen Daten als Rundmail an mehrere Veranstalter und schauen einfach mal, wer wie viel bietet.

Gibt es denn eine Grenze?
Natürlich. Und die lässt sich einfach berechnen. Man kann ja nicht Eintrittspreise von mehreren Hundert Franken verlangen. Es gibt Ausnahmen: Bruce Springsteen ist der Boss. Die Stones sind die Könige. Und Prince war der Prinz.

Erstellt: 27.04.2016, 19:05 Uhr

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André BéchirKonzertveranstalter

André Béchir hat 1974 die Konzertagentur Good News gegründet und 34 Jahre geleitet. Béchir brachte Stars wie die Rolling Stones und David Bowie in die Schweiz. Seit 2009 ist der 66-Jährige Chef der Agentur ABC Production AG. (bra)

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