Es lebt, zum Glück

Wer hat Angst vor künstlicher Intelligenz? Holly Herndon nicht: Sie lässt auf «Proto» ihr Computerbaby singen.

Holly Herndons Musik kann Schwindel verursachen. Foto: 4AD

Holly Herndons Musik kann Schwindel verursachen. Foto: 4AD

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Nur eine Minute dauert die Geburt. Man hört das Ächzen, die Schmerzen, aber auch etwas Übersinnliches und Verstrahltes. Und es ist zu spüren: Ein neues Leben hat begonnen. Gibt es überhaupt etwas Schöneres? Etwas Überwältigenderes?

Allein: Eine Menschengeburt ist das nicht, die wir gleich zu Beginn von Holly Herndons neuem Album «Proto» bezeugen dürfen. Denn das neue Wesen, das da digital erste Laute vor sich hin stottert, ist ein Computer, den die Sängerin, Sound- und Medienkünstlerin zusammen mit ihrem Partner Mat Dryhurst zusammengebaut hat.

Seit der Geburt dieser künstlichen Intelligenz hegt und pflegt sie dieses geschlechtsneutrale Wesen wie ein Baby: Sie bringt ihm neue, vor allem musikalische Fähigkeiten bei, singt vor – nicht nur allein, sondern auch im Chor –, damit es diese neuen Informationen zunächst verarbeiten und dann nachahmen kann.

Das inhumane Kind mit dem Aussehen eines Computers, das in Berlin wohnt und bereits ausführlich vorgestellt wurde, hört deshalb auf einen Namen: «Spawn» heisst es; und wie sich das Zusammenleben mit der «Brut», so die deutsche Übersetzung des Babynamens, anfühlt: Davon handelt dieses Album.

Neue Arten, zu lieben

Ob diese Koexistenz denn überhaupt klappt? Es gibt ja Zweifel und die berechtigte Angst, dass uns Roboter dereinst ablösen, uns gar überwältigen und überflüssig machen: in der Arbeitswelt wie auch in der Popkultur. Die Künstler, Musikerinnen, Schriftsteller und Filmer malen dann meist schwarz, flüchten sich in Science-Fiction-Dystopien, erzählen vom Überwachungsstaat, in dem niemand mehr frei leben kann.

Diese Horrorvisionen geben sich dann weniger mit der Zukunft ab, sondern sie wirken vielmehr wie ein Update von George Orwells «1984». Oder von Mary Shelleys «Frankenstein», das vor 201 Jahren erschienen ist.

Ein optimistischerer, doch nicht verklärender Zugang zu neuen Technologien, wie ihn einst Kraftwerk mit ihrem Song «Computerliebe» fanden, als der Computer noch kaum Fähigkeiten besass, oder Björk in ihrem so sinnlichen Roboter-Sexclip zu «All Is Full of Love»: Sie fehlten in den letzten Jahren im Pop fast gänzlich.

Und wenn in letzter Zeit mit künstlicher Intelligenz herumexperimentiert wurde, dann nahm sich der Mensch gänzlich aus dem Rennen und überliess das Feld den von ihm entwickelten Algorithmen. Diese bauten dann generische Musik zusammen, so wie Endel, eine App, die «schlaffördernde Klanglandschaften» komponiert, wie die Entwickler schreiben. Diese Klanglandschaften für den gestressten Gegenwartsmenschen, der es verlernt hat, zu schlafen, zahlen sich zumindest kommerziell aus: Unlängst erhielt Endel einen Plattenvertrag beim Musikmulti Warner.

Holly Herndon wählt andere Wege: Die Amerikanerin, die einst im Noise zu Hause war und eben erst einen Doktortitel an der Stanford-Universität erworben hat, sucht auf ihren Alben nach Möglichkeiten, wie die noch rudimentär entwickelten künstlichen Intelligenzen produktiv zu nutzen wären. Es geht dann auch rasch um die Frage, was diese neuen Wesen für unser alltägliches Beziehungsgeflecht bedeuten.

Neue Arten, zu lieben

Herndon tut all dies nicht blind technologieverliebt, weil sie keine Silicon-Valley-Agentin ist: «Platform», ihr Durchbruchsalbum von 2015, fragte etwa vor dem Hintergrund des NSA-Überwachungsskandals und der bedrohten Privatsphäre durch Konzerne wie Facebook und Google, wie wir überhaupt noch lieben können.

In ihrem Blog schrieb Herndon zu diesem Album: «Wir brauchen neue Fantasien, neue Archetypen, neue Strategien und neue Arten zu lieben.» Sie fand diese Fantasien in einer zerschnipselten elektronischen Musik, die damals neue Internetphänomene mit einbezogen hat – so, wie die millionenfach geklickten ASMR-Videos, die mit beruhigenden Geräuschen eine intime Nähe simulieren.

Der Popsong war für Herndon bereits auf «Platform» ein trojanisches Pferd, damit sich ein breiteres Publikum mit ihren Visionen auseinandersetzen muss (sie trat etwa im Vorprogramm von Radiohead auf). Das ist mit «Proto» nun nicht anders, ja, es gelingt ihr noch wirkungsvoller – indem sie auf das archaische Mittel schlechthin zurückgreift: die menschliche Stimme.

Sie ist in polyfonen Chorgesängen zu hören, mit denen das Baby «Spawn» gefüttert wird. Diese werden ganz nackt wiedergegeben und wühlen durch ihre emotionale Wucht auf. Herndon erzählt Geschichten über Entfremdung und über die Liebe.

Die Stimme ist da bereits digital bearbeitet, nimmt immer neue Formen an – und sie ist bedroht durch die gewaltigen Beats und Computersounds. Die Stimme ist auch zu hören, wenn sie das Übermenschliche sucht und in den Dialog mit ihrem Baby «Spawn» tritt, das in einzelnen Songs auch als Interpret aufgelistet ist.

«Proto» ist kein KI-Proseminar, sondern immer noch ein Popalbum.

Wo die Grenze zwischen dem Menschlichen und dem Inhumanen liegt, das wird natürlich nie genau markiert: «Proto» ist kein KI-Proseminar, sondern immer noch ein Popalbum. Beim Hören kann eine Unsicherheit entstehen, ein Schwindel, der durch den Informations-Overkill des Soundbilds provoziert wird.

Möchte man aber mit einem Wesen, das an einer brutalen, aber auch brutal schönen Musik mitbeteiligt ist, wirklich zusammenleben? Und ist das Baby überhaupt glücklich, am Leben zu sein? Man kann die Zweifel, die das Album in Titeln wie «Fear, Uncertainty, Doubt» adressiert, nicht nur auf uns Menschen beziehen, sondern auch als existenzielle Krise eines Wesens hören, das eben erst zum Leben erweckt wurde. Denn auch der kritisch beäugte Prototyp sucht nach seiner Rolle in unserer Gesellschaft. Wie diese Rolle genau aussehen wird, das bleibt auf «Proto» ungeklärt.

Aber man weiss spätestens dank diesem Album: Angst haben muss man nicht. Zumal dann, wenn die künstliche Intelligenz in den Händen einer Mutter wie Holly Herndon ist.

Holly Herndon: Proto (4AD/MV)

Erstellt: 12.05.2019, 17:52 Uhr

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