Faber nervt

Ein Sexist? Ein Opportunist? Treffen mit Julian Pollina, dem streitbaren Zürcher Sänger, kurz vor der Veröffentlichung seines neuen Albums.

 «Vielleicht habe ich einen Scheiss gemacht»: Julian Pollina. Foto: Andrea Zahler

«Vielleicht habe ich einen Scheiss gemacht»: Julian Pollina. Foto: Andrea Zahler

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Was für ein Leben! Auf dem Cover seines neuen Albums posiert er im Bademantel, verschwitzt und mit Zigarette in der Hand. Er strahlt, und die Schlagzeile, in bester Boulevardzeitungsmanier gestaltet, behauptet: «I Fucking Love My Life». So, wie auch das zweite Faber-Album heisst, das am 1. November erscheint. Und natürlich: In den neuen Songs wird es wieder besungen, das pralle, ausschweifende Leben voller Exzesse, Abstürze, Widersprüchlichkeiten, Liebschaften, Sex. Er zeichnet auch das Leben eines Opportunisten in einer opportunistischen Multi-Options-Gesellschaft, wenn er singt: «Ich steh für gar nichts, doch nicht alleine da.» Und der am Ende ganz allein da ist, besoffen an Heiligabend, vollgepumpt mit dem Psychopharmakon Xanax.

Nun sitzt Julian Pollina, der sich als Musiker Faber nennt, an einem zugigen und grauen Herbsttag auf der Terrasse eines Zürcher Lokals und erläutert, wie sein Leben derzeit ist. Nämlich: «Ein wenig streng.» Der 26-Jährige sagt das ohne Koketterie und schon gar nicht grossspurig. Eher wirkt er ernsthaft zerknirscht und hadernd, denn er spricht über sein Leben als öffentliche Person. Da wird einem nicht viel verziehen, schon gar nicht einem, der seit zwei Jahren im gesamten deutschsprachigen Raum bekannt ist.


«Ich steh für gar nichts»: Fabers «Top». Video: Faber (Youtube)

Damals erschien nach langem Aufgalopp sein Debüt «Sei ein Faber im Wind», das der landläufigen Befindlichkeitslyrik des Deutschpops eine räudige Sprache entgegensetzte. Faber, dieser damals sehr junge und schwerromantische Lockenkopf mit der verrauchten und rotweintrunkenen Stimme, wurde mit Leonard Cohen und Jacques Brel verglichen. Und das junge Publikum tanzte zur vagabundierenden Musik und spürte an all den ausverkauften Konzerten in immer grösseren Hallen: Das ausschweifende Leben der Bohème, es könnte auch in der Gegenwart funktionieren. Oder war das doch nur ein Versprechen, das der Musiker nun nicht einhalten kann?

«Vielleicht habe ich einen Scheiss gemacht», sagt Julian Pollina. «Vielleicht habe ich mir in meiner Jugend, in der ich mir genau das erträumt habe, einen Scheiss gewünscht. Vielleicht wird es nie ein drittes Faber-Album geben.» Weil vielleicht, so mutmasst er, habe er einfach nicht genügend dicke Haut und nicht genügend Lust an der Aufmerksamkeit, die ihm zuteil wird.


«Zuweilen habe ich das Gefühl, Faber wünscht mir den Tod», sagt Julian Pollina über die Beziehung zu seinem Alter Ego. Andrea Zahler

Ein Grund für sein Zerknirschtsein ist der neue Song «Das Boot ist voll». Es ist jenes Lied, in dem Faber ausnahmsweise ohne doppelte Böden über die andauernde humanitäre Katastrophe auf dem Mittelmeer, für die Seenotrettung und gegen den Aufstieg der Rechtsradikalen singt. Was ihm Morddrohungen von rechts eingebracht hat.


Der Schwanz ist wieder eingepackt: «Das Boot ist voll.» Video: Faber (Youtube)

Als er «Das Boot ist voll» Ende Juli online stellte, sang er noch den Satz «Besorgter Bürger, ja / Ich besorgs dir auch gleich / Geh auf die Knie, wenn ich dir mein Schwanz zeig / Nimm ihn in den Volksmund». Den Schwanz hat Faber dann sehr schnell eingepackt und den Text geändert, weil ihm bewusst wurde, dass er einen Fehler gemacht hatte: «Diese Zeile hat in diesem Lied nichts zu suchen. Es war ein Wutausbruch, ausgeführt in sexistischer Sprache.» Was ihn nicht vor Kritik schützte, er hege Vergewaltigungsfantasien gegenüber den Rechten. «Dass mir das unterstellt wurde – bei aller berechtigten Kritik –, das finde ich dann aber auch weich.» Weil niemand, so glaubt Pollina, die Textpassage ernsthaft so verstehen könne.

Aber ja, Julian Pollina lernt, und er arbeitet an sich. Er würde vieles nicht mehr so singen, wie er das einst gemacht habe. So, wie er bei den Faber-Auftritten die schon immer schwer erträgliche Zeile «Warum, du Nutte, träumst du nicht von mir» aus seiner Erkennungsballade «Sei ein Faber im Wind» nicht mehr singt. «Die Leute warteten an den Konzerten nur auf diesen Satz, um ihn dann mitzugrölen.»


Würde Faber heute nicht mehr so machen: Der Titelsong seines Debüts «Sei ein Faber im Wind». Video: Faber (Youtube)

Dass dieser Satz nicht geht, hängt auch mit Fabers Stimme zusammen. Sie übertönt durchaus vorhandene Sensibilitäten und Zwischentöne in seinen Erzählungen mit brachialer und trunkener Männlichkeit. Die Überzeichnung als Technik und als satirisches Mittel, das Pollina für sich reklamiert, bleibt in seinen Songs schwierig auszumachen. Auch auf dem neuen Album, das sich wie eine Fortsetzung des Debüts anhört.

«Es wäre cool gewesen, etwas anderes zu machen, doch ich hatte überhaupt keine Weitsicht», sagt der Zürcher. Er probierte Hip-Hop-Sachen aus, hörte sich die Flamenco-Erneuerin Rosalía an, aber die Band spielt weiterhin so, wie man sie kennt: mit Bläsern, die aus dem Balkan herüberwehen, mit Folk- und Chanson-Elementen, die sich bis ins Dramatische und Entfesselte steigern können. Während Faber singt, dass er «Immobilienhaie aus dem Zürisee fischen» möchte «mit dir». Oder ein Lied der «Generation YouPorn» widmet, die für Klimakonferenzen nach Lima fliegt, während er «mit 4 Promille im Graben aus Versehen» liegt.


Wer erklärt da die Welt? Fabers «Generation YouPorn». Video: Faber (Youtube)

Es finden sich auch wieder Sätze, die man ihm sexistisch auslegen könnte. Der Songwriter wiegelt ab: «Die sexistischen Seiten, die ich an mir habe, ertrage ich überhaupt nicht», sagt Julian Pollina. Aber er stelle sich diesen, versuche sie in seinen Songs zu exorzieren, denn: «Wenn du in einer Gesellschaft wie unserer aufgewachsen bist, hat man nun mal gewisse Bilder. Dass ich diese Seiten habe, finde ich normal – aber wenn ich nicht daran arbeiten würde, das fände ich schlimm.» Zudem: «Faber nervt halt auch und macht sich nicht beliebt. Um das Beliebtsein soll es in der Kunst auch nicht gehen.» Wo hört denn Faber auf, und wo fängt Julian Pollina an? «Wir haben eine schwierige Beziehung. Zuweilen habe ich das Gefühl, Faber wünscht mir den Tod.»

Das am Schluss, in «Heiligabig, ich bi bsoffe», das sei aber er, sagt Julian Pollina – minus den Xanax-Missbrauch, sonst wäre er ja tot. Er erzählt von zerbrochenen Beziehungen, von Todesfällen in der Familie, von persönlicher Unsicherheit, kurz, von mühsamen Jahren, die ihren Höhepunkt an Heiligabend fanden. Faber ist in diesem Mundart-Schlusslied weit weg, und Pollina singt: «Alles, was mir heilig isch, bisch du. La mi nöd elei.»

Als das Interview vorbei ist und der nächste Journalist bereits wartet, sagt er: «Den ganzen Tag über sich reden, und am Abend weisst du nicht mehr, wer du bist.» Was für ein Leben.

Faber: I Fucking Love My Life (Vertigo/Universal), erscheint am 1. November.

Erstellt: 24.10.2019, 12:48 Uhr

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