Fake-Vorwürfe gegen Loredana-Label

Deutsch-Rap unter Generalverdacht: ARD enthüllt, dass sich Spotify und Co. manipulieren lassen.

Der «Social-Media-Experte» Kai behauptet, er könne die Charts manipulieren (Quelle: Y-Kollektiv/Youtube)

Der «Social-Media-Experte» Kai behauptet, er könne die Charts manipulieren (Quelle: Y-Kollektiv/Youtube)

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Insgesamt 46 Millionen Mal wurde Loredanas «Sonnenbrille»-Clip auf Youtube angeklickt, ihre bislang vier erschienenen Tracks verbuchen gemeinsam über 130 Millionen Streams auf dem Streamingportal Spotify, und 1,5 Millionen Nutzer haben im vergangenen Monat den Spotify-Kanal der Luzerner Rapperin besucht. Kann das sein? Seit Donnerstag gibt es grosse Zweifel an solchen Stream-Zahlen: Ein Recherchekollektiv der ARD-Jugendmedien hat auf Youtube eine Reportage veröffentlicht, ihr zufolge ist es möglich, Songs in die Hitparade zu pushen. «Ich kann aus dir einen Star machen», sagt ein Anonymous, der im Beitrag des Y-Kollektivs sein Gesicht unter einer schwarzen Strumpfmaske verbirgt – und «Kai» genannt wird. Funktionieren soll das unter anderem dank 150'000 bis 250'000 geklauten oder gehackten Spotify-Accounts, die nonstop die gewünschten Songs hören.

«Der Rap Hack»: Die Reportage des Y-Kollektivs der ARD-Jugendmedien.

Etwas mehr als hundert Millionen Menschen leben in der Schweiz, Österreich und Deutschland. Sind da Abrufzahlen eines deutschsprachigen Tracks von 46 Millionen realistisch? Diese Frage wird auch im Beitrag des Y-Kollektivs gestellt – angesichts von Klickerfolgen von deutschen Rappern, deren Clips innert kürzester Zeit zur 100-Millionen-Marke hochschiessen. «Wie sollen denn in vierzehn Tagen achtzig Prozent der Deutschen diesen Song hören?», fragt der Anonymous im Beitrag des Y-Kollektivs. Er scheint die Antwort zu kennen: «Mit meinen deutschen Menschen, die ich erstellt habe», sagt Kai.

Verdächtig, da besonders erfolgreich?

Gepusht habe er mit seinen deutschen Menschen die «grössten Top-5-Künstler in Deutschland, auch wenn sie es nicht wissen», aber ihre Manager wüssten Bescheid. Kai nennt auch Namen, aber die werden im Beitrag mit einem Piepsen überdeckt. Als auffällig erscheint in der Recherche des Y-Kollektivs der Musikvertrieb Groove Attack und das Label Groove Attack Trax, deren Künstler wie Mero «besonders schnell» erfolgreich seien und «besonders viele Nummer-1-Hits in den Charts haben». Bei Groove Attack ist seit Februar 2019 auch Loredana unter Vertrag.

«Die Hände voller Geld, kann nicht ans Handy gehen»: Loredana in ihrem Hit «Sonnenbrille»

Groove Attack bestreitet, dass es jemals etwas manipuliert hat: «Groove Attack stellt klar, dass wir zu keinem Zeitpunkt Klicks gekauft oder sonstige Manipulationsbestrebungen unternommen haben.» Es sei «traurig», dass ihren «verdienten Künstlern» unterstellt werde, ihr Erfolg gründe auf Manipulation. Weitere Auskünfte will das Label nicht geben, auch zu Loredana will man nichts sagen.

Einen Beweis, dass Groove Attack und ihre Künstler ihre Stream-Zahlen manipuliert haben, kann oder will der Beitrag des Y-Kollektivs nicht erbringen. Kai fordert den Reporter aber dazu auf, den Spotify-Account des Newcomers Sero el Mero zu beobachten, der seit Mai beim Label Groove Attack Trax ist. Zwei Minuten nach der Veröffentlichung von Sero el Meros Track «Ohne Sinn» hat dieser auf Youtube 89 Aufrufe – und 3299 Likes und 435 Kommentare. Irgendetwas scheint hier nicht zu stimmen. Nach sieben Minuten, in denen das Video online war, sei es bereits über 30'000-mal geschaut und rund 12'700-mal gelikt worden, heisst es im Video-Beitrag. Keine 24 Stunden später sei es bereits auf Platz eins der Youtube-Trends gewesen.

«Für 50'000 Euro ein Nummer-1-Hit»

Seit Juli 2014 werden die Abrufe der wichtigsten Streaming-Anbieter wie Spotify oder Apple Music der Schweizer Single-Hitparade «beigemischt». Loredana war hier mit ihren Tracks weit vorne vertreten: Mit «Sonnenbrille» (Platz 13), mit «Bonnie & Clyde» (Platz 2) und «Romeo & Juliet» (Platz 4). Lässt sich die Schweizer Hitparade mithilfe von Streaming-Manipulationen fälschen? Im Beitrag des Y-Kollektivs macht der Reporter Ilhan Coskun die Probe aufs Exempel: Unter dem Namen «Error281» nimmt er einen Song auf, den er mithilfe einiger Kumpels und Autotune aufnimmt – und den Kai pushen soll.

Nach ein paar Tagen hat «Error» bereits rund 240'000 Views für seinen Autotune-Song auf Youtube. «95 Prozent der Aufrufe kommen über Reddit, die meisten aus Deutschland und Indien», heisst es in der Reportage des Y-Kollektivs. Mit der Erwähnung von Reddit, einer durch die Nutzer gestaltbaren Newsseite, und der Herkunft der Klicks aus Indien gibt das Y-Kollektiv wohl Hinweise, wie Youtube-Manipulation gelingen könnten. Im Fall von Error scheint das künstliche Pushen seines Songs auch funktioniert zu haben – auch auf Spotify. Hier knackte der erfundene Rapper die Hunderttausend-Marke. Würde Coskun Geld auf den Tisch legen, würde Kai weitermachen: für 50'000 Euro verspricht der «Social-Media-Experte» einen Nummer-1-Hit.

Aber ist es wirklich möglich, über Streaming-Manipulationen die Charts zu fälschen? Die GfK/GfK Entertainment, die für den Verband der Schweizer Musiklabels die Schweizer Hitparade erstellt, nimmt solche Angelegenheiten, Vorfälle und Hinweise «sehr ernst»: «Wir setzen alles daran, Manipulationen zu erkennen und diesen gezielt entgegenzuwirken. Bei Verdachtsfällen wird sofort ein umfassender Prüfprozess ausgelöst.» Im Fall von «Error281» habe der Prozess «gegriffen», was zur Folge hatte, dass er nicht in die offiziellen Charts einziehen konnte.

Erstellt: 27.05.2019, 17:34 Uhr

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