Schräger Vogel in Absturzgefahr

Wacklige Beine, Hund auf der Bühne: Rock-Genie Pete Doherty sang in Zürich. Er war total unberechenbar.

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Man hat ja in der Geschichte schon viele spektakuläre Bühnenankünfte gesehen. Michael Jackson liess sich einst in einer Raumkapsel auf die Bühne eines Lausanner Fussballstadion schiessen, und DJ Bobo rollte in einem fahrbaren Herrenrock vor sein Publikum. Pete Doherty kommt mit einem offensichtlich antiautoritär erzogenen Husky auf die Bühne des gut besuchten X-Tra gehüpft, der sich auch gleich im Kabel von Herrchens Stromgitarre verheddert. Das hatten wir so noch nicht.

Als Pete Doherty in weissem Unterhemd und vatihaftem Beinkleid sein Unterhaltungsprogramm aufnimmt, beginnt auch schon das Publikumswerweissen, ob er heute wohl besonders gut oder relativ schlecht drauf ist. Das gehört zu den Grundfragen an Konzerten mit Pete-Doherty-Beteiligung. Stets findet sich da eine Fraktion, die insgeheim auf den Eklat oder Totalabsturz des britischen Pop-Sorgenkindes spekuliert. Denn das kolossale Scheitern ist eine stetige Möglichkeit, in seinem Tun. Nun, er startet solide, trifft für seine Verhältnisse überdurchschnittlich viele Töne – der Husky verzieht sich beruhigt in den Hinterbühnenbereich. Das könnte was werden, heut Nacht.

Kokettieren mit der Selbstzerstörung

Pete Doherty stammt aus einer Epoche in den Nullerjahren, in der es noch als rebellisch galt, ungünstige Beiträge in televisionären People-Formaten zu generieren. Seine handelten in aller Regel von exzessivem Rauschgiftkonsum in irgendwelchen Nobelhotelzimmern, und sie endeten meist mit dem Hinweis, dass bald mit der Einweisung ins Zucht- oder Suchthaus gerechnet werden müsse, oder gar mit dem unnatürlichen Ableben des skandalösen Ex-Freundes des Topmodels Kate Moss.

Single mit der neuen Band The Puta Madres.

Pete Doherty hat überlebt. Das Kokettieren mit seiner mutwillig betriebenen Selbstdestruktion hat er indes nicht aufgegeben. Auch Jahre nachdem der Heroin Chic auf die Liste der spektakulär gescheiterten Modetrends gesetzt worden ist, gibt er uns noch immer den Ungesunden und stets leicht Desorientierten. Kürzlich ist sein neues Album erschienen, auf welchem er poetisch zwischen nebulösen Lebensweisheiten und einer etwas unscharfen Form der Romantik mäandert und dafür ein adäquates musikalisches Layout gefunden hat. Nichts ist vollkommen oder vollendet in der Welt des Pete Doherty, seine Lieder taumeln wie ihr Urheber mit wackligen Beinchen am Abgrund entlang.

Prekär, nuschelig

Die wahre Heldin des Abends ist seine Band mit dem lautmalerischen Fluch-Namen Puta Madres, die dem Hauptdarsteller nicht bloss die nötige Stabilität bietet, sondern bald zum tragenden Element des Unterfangens avanciert. Sie schafft es, dem schrummeligen Gebaren Dohertys zu Kontur, Wucht und Emphasen zu verhelfen. Und sie hat offensichtlich auch die dürren neuen Lieder etwas weitergedacht, die in einer bloss viertägigen Studiosession in Frankreich auf Tonträger gebannt wurden.

In den besten Phasen seines Schaffens, als er noch den Libertines oder den Babyshambles vorstand, war eine gewisse Binnenspannung in Pete Dohertys verdrogten Rumpelrockliedern auszumachen. Das Geschehen knirschte zwischen abgetakelter Trostlosigkeit, temporär aufkommender Hymnik und betrunkenem Geschunkel. Und in diesem Klang-Bulletin einer hoffnungslos zerstreuten Seele fand sich eine fast schon rührende Zartheit. Obschon all dies an seinem Zürcher Konzert stellenweise wieder aufblitzt, ist das kein Anlass, von dem man am nächsten Morgen «Ich war dabei»-T-Shirts drucken wird. Dafür ist das Gebotene in der Summe dann trotzdem zu prekär und zu nuschelig – aber immerhin nie berechenbar.

Irgendwann reckt im Publikum jemand eine Fahne des Vereinigten Königreichs in die Höhe und erinnert daran, dass Doherty ja auch aus einer Epoche stammt, in welcher die britische Indiemusik noch eine weltumspannende Wirkungsmacht (und die dazugehörigen, popularitätsmehrenden Printmedien) besass. Will man dieses Konzert als Zustandsbericht der britischen Rockmusik lesen, dann kommt man auf dies: Sie schlenkert ungesund und irgendwie traurig dem Ungewissen entgegen.

Pete Doherty & The Puta Madres spielen heute Freitag im Fri-Son Freiburg.

Gefühl für die Hymne: Dohertys «Last Of The English Roses». (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 24.05.2019, 08:34 Uhr

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