Geschreihalst, als gäbe es kein Morgen

Die Foo Fighters gaben im Stade de Suisse frenetische zweieinhalb Stunden lang alles.

Foo Fighters – «Learn to Fly» live in Bern.


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Die letzten Nachrichten aus dem Tour-Tagebuch der Foo Fighters klangen nicht gerade verheissungsvoll: Am Festival Rock am Ring Anfang Monat musste das Publikum als Stimm-Support einspringen, weil sich Sänger Dave Grohl einen lästigen Virus eingefangen hatte. Ausserdem gestaltete sich der Vorverkauf für das Konzert im Stade de Suisse eher mau, sodass Tickets teilweise in 2-für-1-Aktionen vertickt wurden.

Dabei ist eigentlich schon allein der Mann hinter dem Schlagzeug jeden Rappen wert, den man für dieses feucht-kühle Stadionrockkonzert ausgegeben hat. Er heisst Taylor Hawkins und bleckt bereits nach wenigen Minuten dermassen beängstigend die Zähne, dass ernsthaft befürchtet werden muss, er könnte auf halber Distanz schlappmachen. Das tut er natürlich nicht.

So wie auch der bestens gelaunte Dave Grohl in seiner ewigen Rolle als hemdsärmliger, aber herzlicher Haudrauf an diesem Abend keinen Energie-Einbruch erleidet.

Herzhaft statt cool

Er zelebriert mit seiner Band das hohe Handwerk des - glaubt man den Musikstatistikern - langsam aus der Mode kommenden Rock n Roll. Auf der Bühne wird geschwitzt, geschuftet, interagiert und geschreihalst, als gäbe es kein Morgen, kein Heute und als seien alle Verheissungen und Entwicklungen des mittelbaren Gestern an diesen Mannen vorbeigeschrammt.

Dinge wie Coolness, Rätselhaftigkeit oder Subtilität, das gibt es bei Foo Fighters kaum. Dafür gibt es einen umfangreichen Katalog an zupackenden Rocknummern, es gibt eine fast schon ergreifende Herzhaftigkeit in jeder Geste und in jedem gespielten Ton, und es ist, als solle mit diesem forschen Zweieinhalbstünder jedwelcher Zweifel an der Macht der handgezimmerten Gitarrenmusik aus dem Stade de Suisse gewuchtet werden. Das mag als Statement nicht sonderlich originell sein, in der Umsetzung ist es jedoch ganz und gar umwerfend.

Ein sehr netter Abend

Das Konzert in Bern besticht mehr als Gesamt-Revue als durch seine Einzelteile. Neben unverwüstlichen und vielkehlig mitgesungenen Hits wie «Everlong», «Best of You» oder «The Pretender» ist im Foo-Fighters-Repertoire nicht die ganz grosse Liederschreiberkunst zu entdecken. Noch in der Nirvana-Ära fanden die Song-Vorschläge des Herrn Grohl kaum Resonanz. Ein einziges Stück aus seiner Feder schaffte es 1993 auf die B-Seite einer Single der Grunge-Ikonen.

Foo Fighters – «These Days» live in Bern

Seit er vor 23 Jahren die Foo Fighters gegründet hat und dafür vom Schlagzeugstuhl ans Frontmikrofon gewechselt ist, weiss die Welt auch weshalb. Die musikalische Sicht des Dave («Ich bin old school») Grohl hatte nie mit dem seelenwunden Grunge zu tun, eher mit einer ruppigen Form des Mainstream-Rock.

Eine Art der Ruppigkeit indes, auf die sich irgendwie alle einigen können, von der Grammy-Jury über den All-American-Stromgitarrenfreund bis zum Team von George W. Bush, das den Song «Times Like These» - zum grossen Ärger der Band - für die Stimmungsmache an seinen Wahlkampf-Anlässen missbrauchte.

Doch was auf Tonträgern aufwendig (und keineswegs unelegant) zur rockmusikalischen Allgemeinverträglichkeit zurechtgehobelt wird, donnert und kratzt in Bern derart massiv, dass es den etwas zarter besaiteten Rock-n-Roll-Befürworter in Mark und Bein erschüttert. Circa 35'000 haben sich letztlich zu dieser Nacht der bis zum Anschlag aufgedrehten Gitarrenverstärker eingefunden. Selten war man sich so einig, dass dies ein sehr, sehr netter Abend war.

Die Aufzeichnung der Live-Übertragung von Couleur 3. (Der Bund)

Erstellt: 14.06.2018, 08:06 Uhr

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