Frankreichs Elvis, Frankreichs Kumpel

Mit seiner Variante des Rock’n’Roll brachte er die französische Jugend zum Tanzen. Johnny Hallyday wurde von seinen Fans verehrt – auch wenn er als Musiker bisweilen haderte.

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Eine seiner schönsten Rollen hatte er in den Nullerjahren im Film «Jean-Philippe», wo er sich selber spielte, allerdings in einer virtuellen Parallelwelt. In dieser war der gebürtige Jean-Philippe Smet, aus einer geschichtlichen Laune heraus und zum Leidwesen seiner grossen Fans, nicht zum Star Johnny Hallyday geworden. Und er spielte diese Zeitreisen-Burleske mit einer entwaffnenden, selbstironischen Verve, die gar nicht zum Image des etwas simpel und bierernst gestrickten Star-Sängers passte, der auch schon mal in der einen oder anderen Satire als Obertrottel hingestellt wurde.

Gestorben: Hallyday ist im Alter von 74 Jahren gestorben. Video: Tamedia/AFP

Aber vielleicht gerade weil er in seinem Wesen ein einfacher Mensch, quasi der Kumpel von nebenan, geblieben ist, wurde Johnny Hallyday, allen seinen Star-Posen zum Trotz, von Millionen von Fans verehrt.

Hüftschwung von Elvis, Name vom Cousin

Mit einer französischen Variante des Rock’n’Roll hatte der damals 17-jährige Jean-Philippe Smet anno 1960 die heile Welt des Chansons aufgewirbelt; den Hüftschwung hatte er von Elvis, den Künstlernamen von einem angeheirateten Cousin. Grünäugig, rotblond, hübsch und rebellisch wie James Dean, hatte er bald die Jugend ganz Frankreichs auf seiner Seite, schwärmend, tanzend, ja gar randalierend. Noch im selben Jahr schloss Johnny Hallyday einen Vertrag mit der Plattenfirma Philips, der er bis 2006 treu blieb.

Seine frühen Lieder waren – wie damals in der ausserenglischen Welt üblich – meist Übersetzungen amerikanischer Erfolgssongs, in den Spätsechzigern hat Johnny Hallyday «Hey Joe», «Proud Mary» und «San Francisco» adaptiert. Aber schon von Anfang an wusste der Sänger sein weibliches Publikum auch mit sanften, herzerweichenden Balladen einheimischen Ursprungs zu bezirzen. Und weil Hallyday gern ein schmachtendes, Männlichkeit suggerierendes Timbre einsetzte, wirkten seine Lieder schnell einmal schlagerhaft, wie etwa das pompöse «Que je t’aime» aus dem Jahr 1969. Eine Live-Version von «Que je t’aime».

Auf die Beatles reagierte er verunsichert

In dieser Balance zwischen dem französischen Variété und dem Blues, den er laut dem Erfolgstitel «La musique que j’aime» so sehr liebte, konnte sich Hallyday jedenfalls jahrzehntelang behaupten, auch wenn seine Karriere manchmal von den Launen der musikalischen Moden geschüttelt wurde. Verunsichert reagierte er zum Beispiel auf die Beatlemania («Cheveux longs et idées courtes»), und gar hilflos war sein Umgang mit der Discowelle, der er mit billigen Remakes seiner Jugendhits begegnete. Handkehrum brillierte er mit diversen Konzeptalben, so etwa mit «Hamlet» im Jahr 1976; ein Werk, das sich ausgerechnet mit dem Älterwerden befasste. «Cheveux longs et idées courtes» von 1966.

In den Arenen wuchs er über sich hinaus

Hallyday, als Schwerstarbeiter des Showbusiness bekannt, veröffentlichte in seinem Leben über 80 Alben, davon ein Drittel Live-Mitschnitte. Die Bühne war denn auch sein wahres Daheim. Und es ist auch dort, in den grössten Arenen Frankreichs, Bercy, Stade de France, Palais des Sports, wo der Sänger bis über seine Sechzig hinaus förmlich über sich hinauswuchs, mit zweistündigen Shows, mit prägnanten Sounds, mit einer Stimme, die immer kräftiger, fordernder – nun ja, auch immer pathetischer wurde. So, wie es den Massen eben gefiel. Im Grunde gab er den Fans das zurück, was sie ihm entgegenbrachten – eine bedingungslose Verehrung.

Nun ist der Starsänger, der auch in unzähligen Filmen mitgespielt hatte, der 1997 von seinem Freund, dem damaligen Präsidenten Chirac, zum Ehrenlegionär geschlagen wurde, der mit fünf verschiedenen Frauen liiert war – darunter die Sängerin Sylvie Vartan und die Schauspielerin Nathalie Baye – und der einen nacheifernden Sohn David Hallyday hinterlässt, nun ist Johnny Hallyday gestorben, 74-jährig, an Lungenkrebs.

«Pour l’amour» von Hallydays Album «Hamlet». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.12.2017, 11:52 Uhr

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