Frieden ist sein Ausnahmezustand

Slowthai gilt dank seinem Album «Nothing Great About Britain» als Rapper der Stunde. Doch sein Auftritt an der Bad Bonn Kilbi war unentschuldbar.

Sein Oberkörper ist wohltrainiert: Slowthai in Düdingen. Foto: Franziska Rothenbühler

Sein Oberkörper ist wohltrainiert: Slowthai in Düdingen. Foto: Franziska Rothenbühler

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Er ist ein Kind aus Northampton. Eines, das ohne Vater aufgewachsen ist, dafür mit einer Mutter im Teenageralter, die 12-Stunden-Schichten durchschuften musste, damit sie irgendwie über die Runden kommen. Natürlich wählt sie dann auch einen Boyfriend, der tief im Drogensumpf steckt.

Irgendwie ist dann doch fast alles gut gekommen mit diesem Kind, so sehr, dass sich Tyron Kaymone Frampton, der sich als Rapper Slowthai nennt, ganz am Schluss seines grossartigen Debüts «Nothing Great About Britain» bei seiner Mutter bewegend bedanken kann: für ihre Loyalität, dafür, dass er «clean» sei, und er bittet sie um Entschuldigung für jene Zeiten, in denen er sich wie ein verwöhnter Spross aufgeführt habe. Die einzige Queen in seinem Leben, so fügt er dann noch an: Das ist sie, die Mutter. Weil man erfährt ja bereits ganz zu Beginn des Albums, was Elisabeth, die eigentliche Königin Englands, in seinen Augen ist: eine «cunt».

An der Bad Bonn Kilbi im freiburgischen Düdingen erfahren wir am Freitagabend dann aber auch, dass nicht nur die Queen, sondern auch ein grundsätzlich friedfertiges Festivalpublikum ein recht heftiges Problem für den 24-Jährigen darstellt. Denn die Kilbi-Besucher lassen sich nicht viel diktieren – ausser ein gewohnt sperriges wie wunderbar freigeistiges Musikprogramm. Sie sind dementsprechend nur schwer erreichbar für die Spielchen aus der mauen Rap-Show-Kiste. Lieber wird gekifft, oder man lässt ein Spielzeugrössli auf einem Skateboard auf die Bühne rollen (was Slowthai zu einer lustig-bizarren Fahrt nutzt).

Aber weil Slowthai ansonsten auf der grossen Festivalbühne auch nicht viel bietet – ausser die Durchhalteparolen, man solle nun noch näher kommen, noch mehr «energy» geben und überdies vor allem schlechte Tracks, die es nicht auf das Album geschafft haben, unenergetisch rappt –, fliegt dann halt doch einmal ein Feuerzeug auf die Bühne. Slowthai, der bereits vor dem Zwischenfall zunehmend aggressiv und aufwiegelnd wirkte, stellt den mutmasslichen Übeltäter zur Rede, es geht irgendwie weiter, bis ein Bierbecher auf die Bühne fliegt, und selbst eine handgreifliche Eskalation nicht ganz ausgeschlossen werden kann, weil der Gaul mit dem Kind aus Northampton und seinem wohltrainierten Oberkörper nun jederzeit durchgehen könnte. Und er führt seinen Auftritt erst dann fort, als ein Security-Mann den vermeintlichen Becherwerfer vom Feld führt.

Erst nach diesem Eklat zeigt Slowthai zumindest im Ansatz, warum sein erster Schweizer Auftritt mit grossen Erwartungen verknüpft war – und warum sein Album trotz des unentschuldbaren Konzerts weiterhin zu jenen Platten des aktuellen Popjahrgangs gehört, die überdauern werden. «Nothing Great About Britain» führt ja den Weg weiter, die zur Jahrtausendwende ein Grime-Pionier wie Dizzee Rascal (den er auf dem Album zitiert) oder The Streets mit ihrem frühen Piratenmaterial-Rap bereits eingeschlagen haben. Denn Slowthais Tracks fangen die Lage eines Landes im fortwährenden Vor-Brexit-Taumel ein, in dem noch immer Tee und Biskuits verzehrt, aber auch Leim geschnüffelt und andere Höllendrogen konsumiert werden. Und in dem der soziale Druck und Überlebenskampf, zumal in einer Reichen-City wie London, stärker geworden sind. Was bleibt, ist die Flucht in die Betäubung, in den Schlaf auch, weil dort findet Slowthai auf dem Album seinen einzigen Frieden.

«Nothing Great About Britain»: Das Cover von Slowthais Album.

Er scheint diesen für ihn raren Zustand der Friedfertigkeit dann doch noch auch auf dem Düdinger Festivalgelände in der Nähe des Lagerfeuers gefunden zu haben, wo er Stunden nach der Show gesichtet wird. Einer Show, die er mit den üblichen Dankesworten und einer Entschuldigung für seine Aggression beendet hat. Man möge ihm verzeihen, er werde zurückkommen.

Erstellt: 01.06.2019, 12:09 Uhr

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