«Für mich kommt ein Konzert einer Aerobic-Session gleich»

Jethro Tull kommen am Mittwoch nach Basel. Im Gespräch blickt Bandleader Ian Anderson auf fünfzig Jahre Umtriebigkeit zurück.

Die Besetzung von Jethro Tull hat in den letzten 50 Jahren immer wieder gewechselt. Eine Konstante ist der Sänger und Flötist Ian Anderson (Mitte). Foto: Silvia Finke

Die Besetzung von Jethro Tull hat in den letzten 50 Jahren immer wieder gewechselt. Eine Konstante ist der Sänger und Flötist Ian Anderson (Mitte). Foto: Silvia Finke

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ian Anderson, Ihr neues Album ist seit sechs Monaten ­überfällig. Warum zieht sich die Arbeit daran in die Länge?

Vor 50 Jahren war ich immer im Studio, wenn ich nicht gerade mit Jethro Tull auf der Bühne stand. So konnten wir ein Album pro Jahr herausbringen. Ein solches Tempo kann man nicht über 50 Jahre aufrechterhalten. Heute gönne ich mir gerne ein bisschen Auszeit und widme mich meiner Familie, wenn ich nicht gerade ins Büro muss, um die nächste Tournee zu planen.

Peter Buck von der amerikanischen Gruppe R.E.M. sagt, dass alternde Rockmusiker sich immer mehr Zeit für Album­produktionen nähmen, weil sie nie sicher sein könnten, ob ihr nächstes Werk auch ihr letztes sein werde.

Das ist eine schöne Vorstellung. Trotzdem: Allzu viel Zeit sollte man sich für eine Produktion auch dann nicht herausnehmen, wenn man schon lange unterwegs ist. Unser alter Keyboarder Eddie Jobson fummelte jahrelang an einem Soloalbum herum. Und als er es endlich fertig hatte, wusste niemand mehr, wer Eddie Jobson ist. Zum Vergleich: 1972 haben Jethro Tull das recht komplexe Album «Thick as a Brick» innerhalb von 14 Tagen eingespielt.

Sie galten schon immer als besonders entscheidungs­freudig. War diese Bestimmtheit eine Reaktion auf die Willkür, die das ­Musikgeschäft regiert?

Bei mir ist das eher eine Charakterfrage. Wenn ich im Studio bin, versuche ich, die Essenz eines Songs möglichst schnell einzufangen, anstatt so lange an einer Aufnahme herumzuschrauben, bis ich nicht mehr weiss, was daran gut sein soll. Ich habe schon immer so gearbeitet. Von einigen Stücken aus unserem Album «Aqualung» gibt es darum nur ein bis zwei Versionen, mehr nicht. Herumnudeln war für mich noch nie ein Thema.

Spontaneität ist auch ein ­Markenzeichen Ihrer Konzerte. Diese scheinen Ihnen recht leicht von der Hand zu gehen.

Ganz bestimmt wollen wir dem Publikum ein Gefühl von Beschwingtheit vermitteln, wenn wir auf der Bühne stehen. Aber ohne Liebesmüh geht das nicht. Für mich kommt ein Konzert einer zweistündigen Aerobic-Session gleich. Live gebe ich immer noch alles, soweit meine Gesundheit das zulässt. Und manchmal sind die Umstände, unter denen ich an meine Grenzen gehe, gar nicht so günstig. Letzten Sommer haben wir an einem Tag in Montreal gespielt, an dem ganze 47 Menschen aufgrund der hohen Temperaturen ums Leben gekommen sind. In der brütenden Hitze auf eine Open-Air-Bühne zu gehen und eine kohärente Show abzuziehen, ist geistig und physisch eine ziemliche Herausforderung.

«Verglichen mit anderen Flötisten bin ich recht glimpflich davongekommen.»Ian Anderson

Haben Sie sich in all den vielen Jahren auf Tournee keine Gebrechen zugezogen?

Verglichen mit anderen Flötisten bin ich recht glimpflich davongekommen. Um eine Querflöte bedienen zu können, muss man Hals und Schultern verrenken. Irgendwann rächt sich das. Weil ich auf der Bühne immer in Bewegung bin, muss ich nie allzu lang in dieser recht unbequemen Position verharren. Dafür habe ich mir vor zwanzig Jahren eine Handverletzung zugezogen, die mir bis heute grosse Gelenkschmerzen bereitet, wenn mir jemand die Hand zu enthusiastisch schüttelt. Dann kann ich kaum noch Flöte spielen.

Die späten 1960er-Jahre, in denen Jethro Tull erstmals erfolgreich wurden, gelten als kultureller Wendepunkt. Wie blicken Sie heute auf diese bewegte Zeit zurück?

Ich hatte grosses Glück, in eine Ära hineingeboren zu werden, in der die Welt im Umbruch war und die Diskriminierung vieler Menschen aufgrund ihrer Ethnie, ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Orientierung zu bröckeln begann. Als Rockmusiker haben wir diesen Umbruch begleitet: Unsere Musik war davon ein Spiegelbild. Irritierend an dieser Zeit war aber, dass die Musiker dazu angehalten wurden, an den Jugendrevolten teilzunehmen. Diese haben oft in Flirts mit dem Kommunismus oder dem Terrorismus gemündet. Als überzeugter Zentrist, der sich irgendwo zwischen einem pragmatischen Sozialismus und einem humanistisch gefärbten Kapitalismus sieht, wollte ich mit solchen Tendenzen nichts zu tun haben.

Woran ist der Hippie-Traum gescheitert?

Das Woodstock-Festival war für die Hippies die ultimative ­Utopie. Trotz der widrigen Umstände, unter denen das Publikum auf dem Gelände ausharren musste, gab es kaum Schwierigkeiten. Beim Gratiskonzert der Rolling Stones bei Altamont in Kalifornien nahm die Anarchie überhand, als die Hells Angels einen Konzert­gänger niederstachen. An jenem Tag wurde der Hippie-Traum eingeäschert. Dieser Glaubenskodex hatte sich überlebt und wurde durch einen anderen ersetzt. Das ist halt der Gang der Dinge. Heute ist das anders: Alles passiert gleichzeitig, darum gibt es gar keine grossen Umschwünge mehr. Linke und rechte Extreme existieren im Tandem. Was zu einer zunehmenden Spaltung der Gesellschaft führt.

Dafür ist Grossbritannien heute ein gutes Beispiel. Wie haben Sie vor drei Jahren im Referendum zum EU-Austritt gestimmt?

Das ist Privatsache. Nur so viel: Bleibt Grossbritannien in der EU, sind die Chancen besser, dass die nationalistischen Tendenzen in den einzelnen EU-Mitgliedsstaaten abgefedert werden können. Da kann Grossbritannien eine entscheidende Rolle spielen, wenn das Land es will. So wie die EU heute funktioniert, gehts nicht mehr: Sie muss unbedingt reformiert werden. Und diese Reform wird viel besser klappen, wenn Grossbritannien in der EU bleibt.

Konzert Jethro Tull: Mittwoch, 9. Oktober, 20 Uhr. Musical-Theater, Basel. www.abc-production.ch

Erstellt: 08.10.2019, 06:15 Uhr

Seit über 50 Jahren mit Jethro Tull unterwegs

Ian Anderson, 1947 im schottischen Dunfermline geboren, steht der britischen Rockband Jethro Tull seit über 50 Jahren als Sänger, Flötist, Songlieferant und Co-Manager vor. Jethro Tull erreichte 1971 mit dem Album «Aqualung» ihren kommerziellen Höhepunkt. Die Band blieb mit ihrer eklektischen Mischung aus Rock, Folk und Weltmusik bis ins 21. Jahrhundert hinein eine zugkräftige Live-Attraktion. Ein Merkmal von Jethro Tull ist das rockig-virtuose Flötenspiel Andersons.

Seit 2012 tritt Letzterer unter eigenem Namen auf. Die aktuelle Version von Jethro Tull, mit der Ian Anderson im Rahmen einer grossen Jubiläumstournee in Basel auftritt, ist identisch besetzt wie seine reguläre Begleitband. Ein Wiedersehen mit dem lang­jährigen Tull-Gitarristen Martin Barre wird es nicht geben. (nj)

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Fast wie auf der Titanic: Ein Liebespaar betrachtet die untergehende Sonne im untergehenden Venedig (17. November 2019).
(Bild: Luca Bruno) Mehr...